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pure//: Hearach

Himmel. Arsch.

Viel weiter entfernt von der mitteleuropäischen Zivilisation kann man gar nicht sein als auf den äusseren Hebriden, da irgendwo ennet Schottland schon deutlich Richtung Kanada. Oben im Norden, da befindet sich die Insel Lewis and Harris, wobei sich Lewis und Harris gerne als getrennt ansehen. Harris, gälisch: Eilean na Hearadh, der südliche Teil, ist noch weniger besiedelt, noch wilder, noch gebirgiger. Wunderschön, wir waren da erst kürzlich, kamen mit der Fähre in Tarbet an. Dort nun startete 2011 das Projekt der «Isle of Harris Distillery», klar, Whisky (und leider auch Gin), vor allem aber sollten in dieser weltfernen Region Arbeitsplätze geschaffen werden. 2015 ging es dann los, 2023 wurden die ersten Single Malt unter der Bezeichnung Hearach ausgeliefert.

Bei mir kam dieser Tage als Geburtstagsgeschenk eine Flasche mit der Bezeichnung «The Hearach 6 Jahre 2018/2025 Single Cask for Vibrant Stills 58.9% 0,7l» an – ja, es ist mittlerweile alles etwas kompliziert geworden, big business. Die Produktbeschreibung geht so: «Mit dieser aussergewöhnlichen Einzelfassabfüllung präsentiert Alba Import erstmals eine exklusiv für den deutschen Markt ausgewählte Single-Cask-Edition aus der jungen, vielbeachteten Isle of Harris Distillery. Gemeinsam mit Master Blenderin Shona MacLeod fiel die Wahl auf ein besonderes Fass – ein Ex-Bourbon Barrel aus dem Jahr 2018, befüllt mit schwer getorftem Harris-Destillat. Das Besondere: Statt der üblichen 12–16 ppm wurde hier stark getorftes Malz (40–44 ppm) eingesetzt, veredelt mit echtem Harris Peat. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus intensiver Rauchstruktur, maritimen Akzenten und überraschend heller, saftiger Fruchtigkeit. Nach fast sieben Jahren Reifung wurde Fass #1932 am 11. September 2025 in natürlicher Cask Strength mit 58,9 % Vol. abgefüllt – unverfälscht, ohne Kühlfiltration, ohne Farbstoff. Lediglich 248 Flaschen entstanden aus diesem raren Barrel.» Nun, denn.

Selbstverständlich verkoste ich diesen Whisky in Fassstärke, so macht man das, gefälligst. Natürlich habe ich die richtigen Gläser für solches. Aber es haut mir beim ersten Schlückchen fast die Hirnschale weg; das ist dann schon sehr grob. Während sich meine Nerven wieder etwas beruhigen, lese ich dann die Beschreibung, yup, immer wieder ein grosses Vergnügen, das sind alles Dichter:

Aroma: Verlockend fruchtbetont: reife Birne, flambierte Banane und Bratapfel, umspielt von einem feinen Hauch Torf, der die Süsse elegant erdet.

Geschmack: Kräftiger Auftakt mit rauchigen und torfigen Noten, die schnell von frischen Fruchtaromen ergänzt werden – Birne, Stachelbeere und weisse Trauben. Maritim-salzige Nuancen verleihen Tiefe und unterstreichen den Inselcharakter.

Abgang: Lang, warm und harmonisch: Vanille, verbleibender Rauch und ein sanft gleitender, trockener Ausklang.

Sorry, das ist doch alles Blödsinn. Erster Eindruck in der Nase: Alkohol. Mit etwas Torf. Erster Eindruck im Mund: Knallbretterharter Alkohol, mit nichts anderem. Zweiter Eindruck in der Nase, ein paar Minuten später: Ja, ein klein wenig undefinierbare Frucht, aber ganz sicher keine flambierte Banane (wobei ich zugeben muss: ich hatte noch nie flambierte Banane, ich stell es mir grauenhaft vor). Zweiter Eindruck im Mund, ein paar Minuten später: Grobes Zeux, weiterhin, keine Birne, keine Stachelbeere und auch keine weissen Trauben, rauchig, ja, torfig, ja. Wie ein Inselcharakter schmecken könnte, will ich mir beim besten Willen nicht vorstellen müssen, so leicht fischig vielleicht, schweisselnd von der harten Arbeit auf dem Schiff? Aber es wird besser, und ich hab da ja mein ganz eigenes Bewertungssystem: Mag ich. Oder mag ich nicht. Mit ein paar Tropfen Wasser mag ich den Hearach, so ganz «pure» ist er mehr so: Himmel. Arsch. Also eigentlich wie Harris: Nah am Himmel, aber am A. der Welt.

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