Die Strasse zur Hoffnung
(Am Anfang stand ein Gespräch mit Reinhard Loeven von Sportwagentouren. Der kennt Schottland so ein bisschen. Also wohl besser als die Einheimischen, denn die wollen ja meist nur von ihrem Dorf ins nächste, von ihrer Insel aufs Festland, vielleicht einmal im Jahr nach Glasgow. Er weiss wohl selber nicht mehr, wie oft er schon in Schottland war, in seinem Wohnzimmer liegen etwa 10 physische Karten (ja, das gibt es noch) auf den Boden, auf allen ist ganz viel angemalt, da durch und dann so, vielleicht auch anders. Loeven gibt mir nur wenige Tips – die Thompson Brothers, ja, auf die äusseren Hebriden musst Du unbedingt! -, aber er gibt mir halt eine dieser Karten mit. Du findest das dann schon, sagt er, fährst halt, wie Du Lust hast, es ist überall schön.)

Reisende, wenn Ihr nach Altnaharra kommt, ein paar Kilometer hinter dem berühmten «The Crask Inn», dann biegt dort doch ab in Richtung Hoffnung. Die «Road to Hope» ist vielleicht so etwas wie die Quintessenz einer Reise durch Schottland. Wir begegneten auf diesen 21 Meilen nicht einem einzigen Auto, überhaupt keinem Menschen (dafür ein paar tausend Schafen), sahen aber das ganze Feuerwerk an Natur und Landschaft, das die Schotten zu bieten haben. Hochmoor, Seen, dschungelartige Laubwälder, aussergewöhnliche Berge. Schafe. Und etwa 617 «shades of green». Und dann, am nördlichen Ende, auch noch ein Meer, das in allen nur erdenklichen Formen von Blau schimmert. Dann sitzt man so da, auf einem Hügel, schaut auf das Wasser, schaut zurück ins Grün, nach oben in die Ewigkeit des Himmels – und wer dann nicht für ein paar Minuten sprachlos ist, dankbar ob so viel Schönheit, den muss man ohrfeigen.






Die gemeine Schottin trägt vielleicht dann und wann, falls es das Wetter zulässt, also ziemlich selten tatsächlich Rock; der Schotte aber eher gar nicht. Ausser zu sehr folkloristischen Anlässen. Nur dort hört man auch Dudelsäcke, bagpipes. Ab 1603 wurde das Königreich Schottland und das Königreich England in Personalunion regiert, seit 1707 bilden die beiden Staaten das Königreich Grossbritannien. Seit 422 Jahren sind die Schotten damit nicht wirklich glücklich, andererseits ist es ihnen ziemlich egal, was südlich von Solway Firth und dem Fluss Tweed passiert. Sie sprechen ihre eigene Sprache, sie sind weit genug entfernt vom als extrem borniert empfundenen London. Schottland hat sogar sein eigenes Wetter: Wer damit nicht glücklich ist, der muss einfach drei Minuten warten, dann ist alles wieder anders. Oder auch gar nicht. Was auch sehr typisch ist.






Charles Darwin hätte für seine Evolutionstheorien nicht um die halbe Welt segeln müssen, ein Ausflug nach Schottland hätte gereicht. In einer Landschaft, in der es gefühlt 400 von 365 Tagen regnet, erhält «survival of the fittest» eine ganz andere Bedeutung. Es entstand da eine ganz neue Spezies von Menschen, die absolut wasserdicht ist, die durch den Nebel spaziert mit komischen Stöcken in der Hand und kleine weisse Bälle in die eigentlich wunderbare Landschaft haut. Da darf man sich auch nicht wundern, wenn sie beim Blick über die Seen manchmal komische Viecher sehen. Sie sind auch sonst eigenartig, diese Schotten. Sie scheinen Angst zu haben, in der Nacht ersticken zu müssen – anders lässt es sich nicht erklären, weshalb wohl kein Fenster nördlich von Cairngaan einigermassen dicht ist. Noch eine Angst umtreibt sie: Die Vermischung von kaltem und warmem Wasser – kann irgendjemand erklären, weshalb die beiden Wasserhähne derart weit auseinander stehen müssen? Andererseits: Muss man wirklich alles verstehen wollen? Und da war ja noch die Frage, weshalb die Schotten ihr Bier am liebsten lauwarm trinken.







Nun: Haggis. Wie kann man bloss auf die Idee kommen, Herz, Leber, Lunge und Nierenfett eines Schafes aus dem Magen eines ebensolchen essen zu wollen? Wahrscheinlich wurde Haggis von den Schotten nur erfunden, um mehr Whisky trinken zu können. Oder der Whisky wurde erdacht, um sich den furchtbaren Haggis-Geschmack aus dem Mund spülen zu können. Auch der Dudelsack hat etwas damit zu tun, aber wir lassen hier jetzt den Vergleich mit dem Verdauungsgeräuschen. Aber man reist ja weder für die Musik noch für gutes Essen nach Schottland. Letzteres können sie nun wirklich nicht. In den ganzen zehn Tagen haben wir nur einmal einigermassen überdurchschnittlich gegessen, in «The Kitchen Restaurant» in Inverness. Sonst gab es dann viel Fish&Chips. Ach ja, das ist alles auch noch furchtbar teuer, das Verhältnis von Preis zu Leistung ist insbesondere bei den Hotels absolut miserabel.






Doch eben, das ist alles irgendwie nicht mehr wichtig, wenn man am frühen Morgen am Hafen von Plockton steht, plötzlich die Sonne durch die tiefliegenden Regenwolken bricht, die Landschaft, die vorgelagerten Inseln, die kleinen, weissen Häuschen in ein unwirkliches Licht taucht. Oder wenn man in völliger Dunkelheit mit der Fähre Richtung äussere Hebriden aufbricht, die Sonne pünktlich zu Anlegen in Tarbert aufgeht, wenn man kurz darauf die Monolithen von Callanish Standing Stones einigermassen fassungslos bewundert (inkl. Regenbogen) und sich am Bosta Beach plötzlich fühlt wie in der Karibik – und dann auch noch einen Leuchtturm findet, der tatsächlich «Butt of Lewis» heisst. Die Highlights der Highlands aufzählen zu wollen, ist müssig, man muss das selber erleben – am besten mit einer noch physischen Karte (sic!), auf der auch Wege eingezeichnet sind, die Google noch nicht kennt. Es gilt auch hier: Der Umweg ist das Ziel. Die «Road to Hope», zum Beispiel, führt nach nirgendwo. Zwar ist auf der Karte so etwas wie ein Dörfchen vermerkt, doch Hoffnung gibt es gar nicht.







radical folgte keiner Einladung, sondern hat diese Reise selber finanziert. Auch von Sportwagentouren kriegen wir nichts (ausser die Karte, die haben wir behalten), doch der Loeven macht vom 16. bis 25. April 2026 einen wahrscheinlich schönen Schottland-Ausflug (finden Sie auf seiner Seite). Nicht ganz günstig, aber wir kennen ihn ja ein bisschen, also: empfehlenswert.) Wir werden dann und wann noch ein paar besonders schöne Strecken empfehlen, in Zukunft, aber da brauchen wir zuerst noch eine g’scheite technische Lösung.

Es ist dies eine Story aus radical#5, unserer Print-Ausgabe, The UK Edition. Die lassen wir frei zugänglich, alles andere dann nicht mehr. Aber es hat ja reichlich guten Stoff im Archiv.


Ein Highlight schottischer Esskultur vermisse ich: In Teig frittierte Sachen. Wobei was auch immer man will (bis hin zum Mars-Riegel) durch den Teig gezogen und in die Fritteuse geschmissen wird. Mehr ungesund ist schwer vorstellbar.
Und wieso Hotels? In B&Bs sollte man doch gut und zu vernüftigen Preisen nächtigen können. Oder sind die auch schon so teuer geworden?
Ist auch schwierig geworden mit den B&B, die haben sich den Hotels angepasst. Und ich bin halt nicht so der Planer, ich schau dann so am Nachmittag um 3, wie weit ich wohl kommen werde, da sind die guten Angebote meist schon weg.
Nächtliche Unterkünfte werden überbewertet, Hauptsache ein sauberes Bett und eine halbwegs funktionierende Dusche.
Schwieriger finde ich schon die Tatsache, daß die kulinarische Kultur – im Gegensatz zu England – immer noch recht wenig entwickelt ist.
Aber richtig wichtig ist natürlich die Frage, mit was für einem Fahrzeug Sie die Tour unternommen haben!
Selbstredend wäre ein Defender die natürliche Wahl für eine solche Reise, alleine die etwas unglückliche, in meinem Fall leicht demütige, Sitzposition, die recht unvollständige Dichtigkeit des Defenders und seine relativ kompakten Dimensionen verbunden mit der Geländegängigkeit prädestinieren dieses Fahrzeug abgesehen von der atmosphärischen Übereinstimmung für eine Reise durch Schottland.
Und als Deutscher hat man zudem den Vorteil, daß einem Defender mit Deutschen Kennzeichen die nationale Zugehörigkeit eher verziehen wird als einem Mercedes G63 AMG mit Deutschen Kennzeichen…
Natürlich gestaltet sich die Anreise auf eigener Achse vom Kontinent kommend recht aufwendig, ähnlich wie die Anreise nach Island, ebenfalls eine perfekte Destination für Menschen, die Angst vor Sonnenbrand und überfüllten Stränden haben und dafür überduchschnittlich viel Geld ausgeben möchten, allerdings ist ein solches Fortbewegungsmittel natürlich hundertmal passender als der profane Vauxhall Corsa/Ford Kuga/Renault Captur-Mietwagen, der für schrecklich viel Geld entsetzlich wenig Fahrfreude transportiert, auch werde ich die mitleidigen Blicke des Doormans des Mermaid-Hotels in Rye angesichts des Mitautos vor dem Hotelportal nie wieder vergessen…
Aber unabhängig vom Fahrzeug:
Ein wunderbarer Reisebericht, der große Lust auslöst, die nächste Sommerreise nach Schottland zu unternehmen, und großartige Photos, vielen Dank dafür!
Das Schottische Fremdenverkehrsamt sollte unbedingt radical#5 an seine Multiplikatoren versenden!
Sie haben radical#5 noch nicht erhalten?
Doch, natürlich! Danke.
Ganz großartig, vor allem der Reisebericht!
Selbst Frau S. hat beim Sonntagsfrühstück die NZZ zur Seite gelegt und radical gelesen.
Aber mit was für einem Fahrzeug waren Sie denn unterwegs?
…ja, ja, wer lesen kann, ist klar im Vorteil!
Es konnte ja nur der Grenardier sein.