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Erinnerungen: Coupé Fiat

Konvex, konkav

Noch sehr gut erinnern kann ich mich an die fahrdynamische Präsentation des Coupé Fiat vor bald 30 Jahren. Sie fand irgendwo in der Toskana statt, schönes Hotel auf einem Hügel, das weiss ich noch. Mit einer grossartigen Zufahrt, sehr hübsche Serpentinen, da brachte man die Turbo-Variante wunderbar zum Scharren. Gelb war mein Testwagen, das weiss ich auch noch, irgendwo im Keller habe ich noch die Dias. Doch die Präsentation ist mir nicht deswegen in Erinnerung geblieben, sondern weil ich mit einem damals ganz neuen Lancia Zeta anreiste. Dem es kurz hinter Como den Turbo zerbröselte. Ich kam dann erst tief in der Nacht am Reiseziel an, die Stimmung war so mässig. Aber dann gab es trotzdem noch eine Portion Pasta, und alles war gut.

Anfang der 90er Jahre hatte die Führungsetage von Fiat wohl einfach genug. Gut, der 1980 eingeführte Panda war ein noch ein letzter Geniestreich gewesen und verkaufte sich weiterhin bestens. Doch die 80er Jahre waren für die Italiener schwierig gewesen, es fehlten die grossen Würfe, dem ewigen Stolz der gesamten italienischen Industrie waren die guten Ideen ausgegangen, mit denen man von Turin aus nach dem 2. Weltkrieg bis hin zum Panda die Auto-Welt immer wieder auf den Kopf gestellt hatte. Es brauchte dringend neue Fahrzeuge, die dem Image wieder einen Schub verleihen konnten; es wurde für einen Sportwagen und ein Cabrio ein entsprechendes Budget bewilligt. Und eine Anfrage für ein sportliches Coupé auf Basis des Tipo bei Pininfarina platziert.

Pininfarina lieferte auch (daraus wurde dann später das Peugeot 406 Coupé). Doch im hauseigenen Centro Stile, gegründet Ende der 50er Jahre vom genialen Dante Giacosa, war zu jenem Zeitpunkt viel Talent unterbeschäftigt. Leonardo Fioravanti, berühmt für viele Pininfarina-Ferrari, hatte 1988 die Leitung übernommen, Walter de Silva schwebte durch noch das «Officina 83», Roberto Giolito (Multipla! Cinquecento!) durfte seine ersten Zeichnungen erstellen. Und dann war da noch Christopher Edward Bangle, geboren 1956 in Ravenna. Nicht das Ravenna an der italienischen Adria, jenes im Bundestaat Ohio in den USA.

Das Centro Stile trat in offene Konkurrenz zu Pininfarina, was in der italienischen Auto-Industrie so ein bisschen als Gotteslästerung galt. Doch ein Entwurf von Bangle konnte die verantwortlichen Herren von Fiat deutlich mehr überzeugen, war er doch das pure Gegenteil zu den rundlichen Formen, die Pininfarina vorgeschlagen hatte. Die Linien von Bangle waren streng geometrisch, konvex und konkav (was später Mode werden sollte), das hohe Kamm-Heck als Abrisskante auch aussergewöhnlich. Ein bisschen Heimat konnte der Amerikaner auch noch einarbeiten, die Front sollte an den Ford GT40 erinnern, der frei stehende Tankdeckel an einen 68er Dodge Charger. Die kleinen, runden Rückleuchten kannte man dagegen von diversen Ferrari. Bangle hätte auch noch gerne eine aktive Aerodynamik gehabt mit beweglichen Spoilern, doch das wurde ihm aus Kostengründen versagt.

Wie schon erwähnt: der Tipo 175, so die interne Bezeichnung, basierte auf dem Fiat Tipo. Das bedeutete auch: Frontantrieb. Das waren für einen italienischen Sportwagen nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, also mussten stärkere Motoren her. Es gab zu Beginn einen 2-Liter mit 139 PS sowie einen 2-Liter-Turbo mit 190 PS. Damit war der 4,25 Meter lange, 1,2 Tonnen schwere und im November 1993 präsentierte Fiat ganz anständig motorisiert. Noch besser wurde es ab 1996, da gab es dann einen 2-Liter-Fünfzylinder, der auf bis zu 220 PS kam. Und das vom Marketing als Coupé Fiat angepriesene Fahrzeug bis zu 250 km/h schnell machte – bis heute das schnellste Gefährt der italienischen Marke. An das Scharren der Vorderräder konnte man sich gewöhnen, die doch starken Krafteinflüsse auf die Lenkung dagegen trugen nicht nur zur Fahrfreude bei.

Der Innenraum, so modern wie das Aussendesign, wurde dominiert von einem in Wagenfarbe lackierten Instrumententräger. Das Coupé war als 2+2-Sitzer zugelassen, wobei die hinteren Sitze eher untauglich für den Transport von Passagieren blieben. Doch der Fiat war ja auch nicht als Familienkutsche gedacht, solche hatten die Italiener schon reichlich im Programm. Das Coupé Fiat erregte vor allem zu Beginn seiner Karriere viel Aufsehen, im ersten vollen Produktionsjahr konnten 17’600 Exemplare verkauft werden. Danach nahm das Interesse aber bereits kontinuierlich ab, bis zum Produktionsende im Jahr 2000 wurden 72’762 Stück produziert. Zusammen mit der Barchetta (1995-2005, 57’521 Exemplare) trug das Coupé Fiat aber sicher zu einer anderen Wahrnehmung der ansonsten bieder gewordenen Marke bei. Nachhaltig war es nicht, wie wir heute merken müssen.

Es sind heute kaum noch Coupé Fiat auf dem Markt – und richtig selten geworden sind gute und vor allem unverbastelte Fahrzeuge. Die Modelle ohne Turbo sind noch für vierstellige Beträge zu finden, für den Fünfzylinder mit Turbo werden teilweise mehr als 20’000 Franken gefordert. Die Ersatzteilversorgung ist wie immer bei Fiat ziemlich gut, einige Teil wie der Auspuffkrümmer sind aber rar geworden. Was aber sicher ist: der Bangle-Fiat wird immer für Aufsehen sorgen, im positiven Sinne (was man von seinen BMW-Entwürfen ja nicht unbedingt behaupten kann). Was ebenfalls sicher ist: Lancia Zeta gibt es noch weniger.

Mehr spannende Fahrzeuge haben wir in unserem Archiv.

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