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Maserati Birdcage 75th

Frisch interpretiert

Den Versuch, die Geschichte der originalen Maserati Tipo 60 und 61, von denen zwischen 1959 und 1961 (wahrscheinlich) 22 Exemplare gebaut wurden, soll hier gar nicht erst unternommen werden. Denn da waren ja auch noch die Tipo 63, 64 und 65, die Konstruktionen mit Mittelmotor. Wie auch immer: Die «Birdcage» (also: Vogelkäfige), die ihren Namen dem nur 22 Kilo schweren Gitterrohrrahmen verdanken, gehören sicher zu den faszinierendsten Rennwagen aller Zeiten.

Pininfarina hatte damals keinen der «Birdcage» entworfen, doch war er später zum Hausdesigner von Maserati geworden. Es wundert deshalb nicht, dass Pininfarina seinen 75. Geburtstag im Jahr 2005 mit einem ganz besonderen Maserati-Modell begehen wollte. Die Idee entstand, so heisst es, im Sommer 2004 in Pebble Beach bei einem Gespräch zwischen Paolo Pininfarina, dem amerikanischen Designer Frank Lodato und dem damaligen Chef des Technologiekonzerns Motorola, Peter Aloumanis. Verantwortlich für den Entwurf waren dann Lorenzo Ramaciotto und Ken Okuyama.

Das eindeutige Ziel hiess: Weg von traditionellen stilistischen Entwürfen hin zu einer ganz neuen visuellen Erfahrung, die kohärent und einzigartig ist. Das Ergebnis war eine innovative Integration des Designs von Innen- und Aussenausstattung. Anstatt wie üblich zunächst das Äussere zu gestalten, um sich dann dem Innenraum zu widmen, entstand der Birdcage 75th als ein einziger integrierter Gegenstand. Der Birdcage 75th entsprach dem Zeitgeist und dem Wunsch nach Traumautos. Er baute auf dem Rahmen des sportlichen Maserati MC12 auf und versuchte das ultimative Verlangen nach Geschwindigkeit, Sinnlichkeit und Eleganz zu erfüllen. Das Ergebnis war eine automobile Skulptur der Dynamik. Der Gegensatz zwischen seiner fliessenden Form und der Strenge seiner Mechanik erzeugte ein ausgezeichnetes Spannungsfeld.

Um den rennsportlichen Charakter zu unterstreichen, wurden die Aussenflächen niedrig und die Linienführung übersichtlich gehalten, sie steigt und fällt hin bis zu den vier unabhängigen und betonten Kotflügeln über den kraftvollen Felgen aus Leichtmetall. Diese haben vorn einen Durchmesser von 20’’ und hinten von 22’’ mit einem speziellen Design, das das Markenzeichen von Maserati wieder aufnimmt. Wie üblich für Sportwagen werden sie von einer einzigen mittleren Schraube gehalten. Die niedrige wellenförmige Karosserie erzeugt eine natürlich fliessende Linie, als hätte man die Mechanik mit Quecksilber übergossen. Das Ergebnis ist eine kräftige elegante Linienführung, bei der auch beim stehenden Fahrzeug der Eindruck von Bewegung entsteht. Die Fahrgastzelle ist in einen oberen durchsichtigen und in einen unteren Bereich unterteilt. Der grossflächige obere Bereich gestattet den Insassen eine grosszügige Rundumsicht, während der untere die Aufgabe einer die Aerodynamik unterstützenden «Schürze» hat und gleichzeitig die gesamte Maserati-Mechanik wie Pushrod-Aufhängungen, Ansaughutzen aus Kohlenfaser des V12-Motor zur Schau stellt.

Blickt man durch die Windschutzscheibe, erkennt man die kräftige Struktur des Vorderwagens aus Carbonfasern, der sich nach hinten schliesst, um die Fahrgastzelle aufzunehmen. In der Zelle ist Platz für einen unabhängigen teilweise mit Alcantara bezogenen Schlitten für den Fahrgast und das Head-up-display mit der Funktion als Armaturenbrett. Und hier in der Mitte des Fahrzeugs treffen zwei Welten aufeinander: die auf die Zukunft gerichtete Technik von Motorola mit dem Flair eines echten Rennwagens und die für Maserati typische Raffinesse. Das durchsichtige Head-up-display lässt das intelligente Herz des Birdcage erkennen, das für die Zukunft aktualisiert wurde. Einen Gegensatz zur virtuellen, nicht physischen Natur des Displays bildet die dreieckige Stützstruktur, die an den Innenraum des Birdcage Typ 63 erinnert. Diese auf das Wesentliche beschränkte Struktur stellt die visuelle Verbindung zur Mechanik dar. Hier wird die Überzeugung deutlich, dass es die neuen erfolgreichen Technologien sind, denen nahtlose Integrationen gelingen, ohne das zu verneinen, was sich schon bewiesen hat. Eine Symbiose, die durch die Uhr in der Mitte ihr Symbol hat, die gleichzeitig physisch und virtuell ist.

Der Birdcage 75th war 2005 aber auch gleichbedeutend mit der Vision von Motorola einer grenzenlosen Mobilität (seamless mobility). Es hiess schon damals in der Pressemitteilung: «Nur schwer kann man sich heute noch ein Leben ohne Handy vorstellen. Unterwegs wollen wir nicht nur telefonieren, sondern wir wollen mit dem Handy unterschiedlichste Dienstleistungen nutzen, und dabei hilft uns Motorola. Wir wollen Bilder versenden und Musik hören: Auch dieser Wunsch wird erfüllt. Jetzt geht Motorola noch einen Schritt weiter. Wir sind ständig in Bewegung und möchten dabei auf nichts verzichten. Das Schlüsselwort heisst seamless mobility. Lösungen, die es möglich machen, immer online zu sein. Die Mobilität ist die Fortsetzung der Revolution des Internets. Mobilität bedeutet Kommunikation und die Verarbeitung von Informationen, egal, wo man sich befindet».

Eine weitere Besonderheit des Birdcage war, dass er ausschliesslich aus recycelbaren Werkstoffen hergestellt wurde und somit Ressourcen sparsam einsetzte. Nun ja, an Recycling denkt wohl niemand, der dieses so aussergewöhnliche Fahrzeug je sehen durfte. Und oft sieht man es nicht – bis zum 18.3. ist der «moderne» Birdcage noch auf dem Genfer Auto-Salon zu bewundern, im Rahmen der Ausstellung «Le Retour du Futur» (Halle 1, Stand 1224).

Mehr Maserati haben wir in unserem Archiv.

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