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Shanghai Super Classic

Es bleibt: kompliziert

Der chinesische Auto-Markt ist und bleibt eine Wundertüte. Nach zwei Jahrzehnten ungebremstem Wachstum, die China deutlich früher als erwartet zum grössten Absatz-Markt der Welt machten, sind die Verkaufszahlen nun seit fast einem Jahr wieder rückläufig. Nachdem schon das Gesamtjahr 2018 mit einem Minus abgeschlossen hatte, ist der Einbruch 2019 massiv: in den ersten vier Monaten des Jahres wurden noch 6,71 Millionen Personenwagen, SUV, Minivans und kleine Mehrzweckfahrzeuge verkauft, das sind 11,8 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im April ging der Markt gar um 16,6 Prozent zurück. Erklärungen dafür gibt es so einige, der Handelsstreit mit den USA ist sicher eine, er sorgt auch in China für eine Verunsicherung der Kunden. Andererseits: der Staat hat die Mehrwertssteuer auf Automobile 2019 deutlich gesenkt, bloss hatte dies bislang noch keinen positiven Effekt. Was den Markt weiter verunsichert. Erstaunlich ist aber auch, dass die Premium-Produkte vom Verkaufsrückgang noch weit weniger betroffen sind als günstigeren Fahrzeuge.

Eine Wundertüte bleiben auch die staatlichen Eingriffe auf den Markt in China. Wurden noch vor kurzem die Subventionen für Elektroautos deutlich gesenkt und teilweise auch ganz gestrichen, kommen jetzt schon wieder neue Fördermittel zum Einsatz. Der Überblick bleibt da extrem schwierig, muss monatlich für jedes einzelne Modell und unterschiedliche Regionen neu geprüft werden – was die Kaufbereitschaft auch nicht fördert. Es ist aber klar, dass China massiven Druck ausübt auf die internationalen Hersteller mit immer neuen Quoten und Forderungen nach Fahrzeugen mit alternativen Antrieben.

So richtig absurd ist aber mit den klassischen Automobilen. Der Besitz von Oldtimern ist nicht prinzipiell nicht erlaubt, um es einmal so einfach wie möglich zu formulieren. Auch ein Import ist unter gewissen Voraussetzungen nicht unmöglich. Es gibt aber eine relativ klare Regel: das Fahren von klassischen Automobilen ist verboten. Wobei es da selbstverständlich auch Ausnahmen gibt.

Man hatte sich erhofft, dass die Eröffnung der ersten «Shanghai Super Classic» Anfang dieser Woche etwas Licht ins Dunkel bringen könnte – oder gar eine Ankündigung, dass China seine Tore endlich öffnen wird für altes Blech. Zwar gab es schon andere Oldtimer-Veranstaltungen in China, doch SSC tritt selber mit dem Anspruch an, in Zukunft mindestens so gut zu sein wie Goodwood und ebenso prestigeträchtig wie Pebble Beach. Und unterstreicht diese Ansprüche mit einem Veranstaltungsort, der glorreicher nicht sein könnte in China: zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird der Bund, die ehrwürdige Prachtstrasse am Fluss durch Shanghai, für eine öffentliche Veranstaltung freigegeben. Das ist nur möglich, wenn die höchsten politischen Stellen von China hinter dem Projekt stehen. Auch die Veranstalterin, Julia Chow (Bild unten), gehört zur obersten Kaste des Landes, sie besitzt ein eigenes Medien-Haus und brachte schon einige der erfolgreichsten Ausstellungen und Events nach Shanghai. Bis SSC endlich stattfinden konnte, brauchte es nach ihren Angaben 3,5 Jahre Vorbereitungszeit.

Und dann kam: nichts. Nicht einmal warme Luft. Das Thema wurde in feinster asiatischer Manier schlicht und einfach nicht einmal erwähnt. Es gab zwar prominente Redner, etwa Jason Huang, der wahrscheinliche wichtigste chinesische Auto-Sammler, oder William Li, Gründer und CEO des Elektroautoherstellers NIO, der gern als «Elon Musk von China» bezeichnet wird. Doch auch sie sagten in ihren öffentlichen Auftritten: nichts. Es waren auch einige politische Vertreter zugegen, doch die sagten öffentlich sowieso nichts und waren auch sonst nicht wirklich zugänglich für Fragen. Doch auch China hat sich verändert in den vergangenen Jahren, da mögen die offiziellen Stellen schweigen und noch so viele Restriktionen gelten. Es gibt auch im Reich der Mitte Enthusiasten – und Influencer, die nicht auf Tausende von Followern zählen können, sondern auf Millionen. Und die sind durchaus gesprächsbereit, ganz besonders am späteren Abend, nachdem wie üblich in China grössere Mengen geistiger Getränke geflossen sind. Es sei auch deshalb auf die Nennung von Namen verzichtet, sie werden hier als gewöhnlich gut informierte Quellen bezeichnet.

Das Bild rundet sich dann bald. Ja, es besteht in Shanghai durchaus der Ehrgeiz, eine der weltbesten Klassiker-Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, auch die entsprechenden Mittel sind vorhanden – und ja, das wird von höchsten politischen Stellen unterstützt. Es gilt als sicher, dass SSC eine Kooperation mit den Veranstaltern von Goodwood eingegangen ist, da geht es nicht nur um einen Transfer von Event-Know-how, sondern auch um die entsprechenden Kontakte in die Oldtimer-Szene. Denn eigentlich war die erste «Shanghai Super Classic» zwar bestens organisiert, sehr professionell, doch die Qualität der Exponate kann noch grosse, grosse Schritte nach oben machen. Das dürfte schon im nächsten Jahr viel besser sein, zumal auch einige Hersteller bereits Interesse an einer künftigen Teilnahme bekundet haben; heuer hat nur Porsche die Chance gepackt, dies aber immerhin mit einer schönen Ausstellung über alle acht Generationen des 911.

Ob allerdings tatsächlich Pläne bestehen, den Markt zu öffnen, darüber bestehen auch nur Vermutungen. Derzeit sei es noch gar nicht notwendig, die Szene ist noch klein und übersichtlich – und man weiss sich (gegenseitig) zu helfen. Mit den entsprechenden Beziehungen und etwas Kleingeld können Oldtimer einigermassen problemlos importiert werden, indem sie etwa als Kunstgegenstände oder gar Möbel deklariert werden. Eine andere beliebte Möglichkeit ist, dass sie in den im ganzen Land existierenden Freihandelszonen «gelagert» werden; dort besteht dann sogar die Möglichkeit, dass sie für einen kurzen Zeitraum «ausgelöst» und gefahren werden können. Auch: immer wieder. Eine temporäre Inbetriebnahme etwa für Oldtimer-Rallies ist ebenfalls kein Problem; manchmal geht dann auch ein Fahrzeug vergessen. Und dann ist da immer auch noch Hongkong mit seinem Sonderstatus. Eine solide Grundlage für ein gutes Business ist das (für Ausländer) allerdings nicht, aber man wartet anscheinend bei den staatlichen Stellen auf ein Zeichen der rund 400 Milliardäre und der Heerscharen von Millionären im Land, ob sie Klassiker als geeignetes Investionsgut betrachten. Vielleicht geht dann alles ganz schnell; eine der wichtigsten staatlichen Webseiten hat einen Bericht über SSC auf jeden Fall ganz oben gepostet. Wichtig ist aber auch die chinesische Mentalität: aus Spass an der Freud macht hier niemand etwas, man sieht das ganz pragmatisch. Es geht nur um Geld.

Dass es geht, zeigt unter anderem Jason Huang. Es ist nicht ganz klar, wie der aufbrausende, oft sehr laute Mann aus Chengdu sein Vermögen gemacht hat – er besitzt aber ein eigenes «Sanhe Classic Car Museum», in dem mindestens 60 seiner (anscheinend) über 300 Klassiker ausgestellt sind. Huang ist seit 2001 am Concours d’Elegance in Pebble Beach dabei – und gewann im vergangenen Jahr die ehrenvolle «Chairman’s Trophy» mit einem Hong Qi CA72 aus dem Jahre 1965. Genau dieses Fahrzeug ist auch auf der SSC ausgestellt – und ist einer dieser berühmt-berüchtigten Scheunenfunde, die anscheinend auch in China möglich sind. Millionenbeträge werden für diese handgefertigten Staatslimousinen sicher nie bezahlt, aber als rollendes Kulturgut hat die «rote Flagge» (nichts anderes heisst Hong Qi übersetzt) für die patriotischen Chinesen einen hohen ideelen Wert. Wie Huang allerdings seine durchaus spannende Sammlung aufbauen konnte, darüber will niemand sprechen; Chengdu hatte da in der Vergangenheit wohl öfter eine ganz eigene Interpretation der Vorgaben aus Peking. (Die Dame auf dem Bild ist übrigens die chinesische Heidi Klum.)

Hinter (tatsächlich) vorgehaltener Hand sprechen die gewöhnlich gut informierten Kreise aber auch von wohlhabenden Chinesen, die sich im Ausland schon nette Sammlungen aufgebaut haben, zumeist über Strohmänner. Solches widerspricht allerdings definitiv den Interessen der Regierung – und könnte noch ein guter Grund sein, die Bestimmungen zu lockern. Einer der Insider meinte, es sei sicher nicht falsch, sich jetzt einen Vorrat an Klassikern anschaffen und gute Kontakte ins Reich der Mitte zu pflegen. Auch da: China ist und bleibt eine Wundertüte.

Julia Chow, die Organisatorin, war auf jeden Fall sehr zufrieden nach der Eröffnung. Die Anzahl der Prominenten entsprach ihren hohen Erwartungen (und wir haben dabei gelernt, dass die Maybach im Gegensatz zu den Rolls-Royce in China ein gelbes Nummernschild brauchen, also aufgrund der Gewichtsbestimmungen als Nutzfahrzeuge gelten); wie offen in Shanghai der Reichtum zur Schau gestellt wird, das ist dann teilweise fast schon widerlich. Für das nächste Jahr wünscht sie sich mehr Sponsoren – und mehr Fahrzeuge. Letzteres wäre sicher nicht falsch, bislang lohnt sich der Besuch aus Sicht des Enthusiasten noch nicht wirklich, einen tiefergelegten VW Jetta GTI oder einen gebrauchten Santana müssen wir auf solchen Veranstaltungen (die SSC dauert noch bis zum 24.6., mehr Informationen gibt es unter shsuperclaassic.com) jetzt nicht unbedingt sehen.

Mehr schöne Klassiker haben wir immer im Archiv. Unten gibt es noch ein paar Impressionen von der SSC, zuerst noch ein paar Fahrzeuge:

Und dann noch: Menschen.

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