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Porsche 911 Speedster

Heute geschlossen

Er sei deutlich spitzer am Gas, agiler, bissiger, williger. Man habe noch einmal zehn PS draufgelegt, ja sogar das Geräusch emotionaler hinbekommen. Es ist die Speerspitze der Entwicklung, der Inbegriff der Fahrmaschine.

Offen, pur, beinahe radikal.

Und dann regnet es in Strömen.

Der Respekt ist groß, der Instruktor warnt vor dem glatten sardischen Asphalt, der nach Wochen der Trockenheit nur durchaus seifig werden kann, wo Petrus die Tore geöffnet hat. Die Michelin Cup 2-Reifen, bei Sonnenschein sicher das beste Gummi am Markt, wollen bei deutlich einstelligen Außentemperaturen mit großer Bedacht gefahren werden.

Die Kollegen sind entsprechend ehrfürchtig. Mit wagenradgroßen Augen lauschen sie den Instruktionen, öffnen weder das Dach, noch klickern sie die Optionstasten für mehr Sportlichkeit. Die Route wird auch direkt zur Lunch-Location genommen anstatt über den Berg.

Die Frage ist: Warum?

Ab 70km/h regnet es dann nicht mehr so stark rein. Überhaupt gibt es wenig was nass werden könnte, wenn man seinen Speedster ordnungsgemäß konfiguriert hat. Natürlich ist der Respekt vor der Maschine groß. 510PS sind nicht wegzudiskutieren. Doch haben wir es hier mit einer reinrassigen Rennmaschine zu tun.

Höchstdrehzahlen, Motorsportansaugung, nullkommanull Firlefanz. Entsprechend wenig tut sich untenrum. Wer denkt, dass ein Vierliter-Saugmotor in einer erleichterten Speedster-Umgebung ab Leerlaufdrehzahl mächtig zupackt, der ist beinahe ein bisschen enttäuscht. Er will gepeitscht werden, richtig zwischen die Hörner getreten bekommen, erst dann tun sich andere Welten auf.

So nimmt der Speedster dem Wetter dann schnell den Schrecken. Er überfordert Dich nicht, weil er wunderbar linear zu bedienen ist. Kein Drehmomentwucher überrascht am Kurvenausgang, kein Turbohammer rasiert den Grip der Cupreifen weg, nichts. Stattdessen: die wahre Freude.

Über 6000 Touren beginnt das Leben, das wir beinahe vergessen glaubten. Dort, wo alle anderen zäh dem Begrenzer entgegendrehen, legt die neue GT-Maschine richtig nach. Geräusch und Beschleunigung schrauben sich in gleichem Maße der Ekstase entgegen und als Fahrer sitzt du spätestens dann im Auge des Sturms.

Wenn Du tapfer draufbleibst, bis 9000 Umdrehungen, dann den nächsten Gang einwirfst – meist wird es der Dritte sein, alles andere ist auf der Landstraße einfach nur kriminell – wirkt der offenste aller 911 wie aus einer anderen Welt. Wer den GT3 kennt, dem wird das Gefühl wohlig vertraut sein. Der wird die Präzision und die Mächtigkeit des Erlebnisses kennen.

Der Speedster ist im Fahrwerk eine 1:1 Kopie des 911 GT3, mithin also eine der fähigsten Zeitenfeilen, die es je gegeben hat. Ein Auto ohne jeden Humor. Ein Werkzeug einzig dafür gebaut der Schnellste zu sein. Doch was bleibt davon, wenn das Dach abgeschnitten und die Scheibe tiefergelegt wird?

Ein Zweispalt. Und das liegt nicht etwa daran, dass das Verdeck nicht richtig passen würde. Ganz im Gegenteil. Die Chroreographie aus meterlangem und doch federleichten Carbon-Tonneau und angezipfelten Stoffdach ist eine wunderbare, kaum vorstellbar, dass sie anderwso als in Zuffenhausen in einer derartigen Präzision ausgeführt werden kann.

Mehr nagt die Frage, ob man die Fähigkeit, das große große Potenzial des Autos, die absolut ablenkungsfreie Fokussierung auf das Wesentliche des Fahrerlebnisses durch die Dimensionserweiterung des dachlosen Offenfahrens nicht ein wenig verwässert. Weil man durch den an den Haaren zerrenden Wind abgelenkt wird, weil der tosende Sog die Tränen in die Augen treibt und so den Blick auf den Scheitelpunkt trübt?

Und doch ist am Kurvenausgang wieder alles klar.

Wie der Speedster sich perfekt am Radius festkrallt, sich mit der Hinterhand aus der Zweiten mächtig in den Asphalt beißt, wenn Du die sechs Drosselklappen auf Durchzug stellst. Wie das Geräusch anschwillt, in der Drehzahlmitte vom bassig Bösen noch einmal ins heiser Hechelnde zu wechseln, um dann beim Ausdrehen diese feine mechanische Härte des starren Ventiltriebs direkt ins Trommelfell zu tätowieren.

9000 Umdrehungen aus vier Litern Hubraum.

Es ist wirklich schwer zu erklären, man muss diese Macht, diese Willigkeit, ja diese totale Urgewalt selbst spüren. Jede kleinste Nuance am Gas, jeder hundert-Umdrehungen-Drehzahlschritt ändert die Klangfarbe des Boxermotors und scheint seinen Charakter zu ändern. Er, der diese unzählbaren Facetten besitzt, der sich mit Dir freut, wenn Du ihn richtig zwingst, der die größte Last und die höchste Anstrengung liebt, weil er für nichts anderes gebaut wurde.

Der Speedster ist die richtige Umgebung für ihn. Nicht im Sinne von Bestzeiten, sondern für die Bühne. Mit dem aufgeschnittenen Dach kommst Du diesem ingeniösen Wunderwerk näher, als Du es sonst je sein kannst. Und natürlich ist er in anderem Umfeld schneller, konzentrierter, effektiver – doch besser ist er nicht.

Denn besser kann er nicht sein.

Es ist der perfekte Abschluss. Der Höhepunkt einer Karriere. Die Rückkehr zu dem was Fahren wirklich ausmacht: Gefühl. Hat Porsche mit der Baureihe 991 sehr viel richtig gemacht – mit dem 911R einen der größten Höhepunkte der jungen Vergangenheit gesetzt, mit der Rückkehr des manuellen Getriebes in den GT3 und den GT3 Touring das Erlebnis vor das Ergebnis gestellt –  so ist der Speedster ein wirklich würdiges Schlusskapitel.

Noch viel würdiger ist aber: der 4.0 wird weiterleben. Und das ist vielleicht die beste Nachricht von allen.

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