Pferde, die miauen
«Der grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh» (1972) ist kein Film, den man kennen muss. Ausser man hat ein gewisses Faible für französischen Klamauk, sagen wir mal: Louis de Funès. Oder Pierre Richard, den grossen Blonden. Aber in besagtem Film gibt es die Szene, als der Ehemann aus einem Blumenlaster hört, wie seine Frau ihren Liebhaber auffordert: «Mach mir den Hengst!». Was dieser tut, worauf der Gatte auf seinem Fahrrad den Bock macht. Der Zeekr X macht nun aber genau dieses Geräusch aus dem Film, er kann: «Mach mir den Hengst!». Das Fahrzeug kann auch noch miauen wie der Kater des Berichterstatters, wenn der Kater Hunger hat (also: 24/7), er kann sicher auch noch mehr Geräusche, doch dem Berichterstatter wurde es dann zu blöd, weil dem jungen, sehr pflichtbewussten Mann von Zeekr, der all die tollen Gimmicks erklären sollte, der Sinn für französischen Klamauk abging. Kein Vorwurf, keine Bildungslücke, man muss «Der grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh» wirklich nicht kennen.
Der Zeekr X kann also miauen und wiehern und wahrscheinlich auch noch Giraffen. Man mag sich vielleicht fragen, was das mit automobilen Qualitäten zu tun hat, aber man wird sich auch daran gewöhnen müssen, dass solche «Fähigkeiten» anscheinend gefragt sind, zumindest von den chinesischen Käuferinnen, die den zukünftigen Auto-Markt dominieren werden. Denn dort, im Reich der Mitte, werden jetzt schon mehr Autos verkauft als in Europa und Nordamerika zusammen. Den Chinesen können folglich französischer Klamauk und weitere mitteleuropäische Kultur-«Befindlichkeiten» aber sowas von egal sein, das glaubt man gar nicht. Und genau so ist auch: Wer gut verkauft, der hat recht. Wiehern und miauen und Giraffen und Fahrradglocke soll übrigens der Warnung von Fussgängern dienen – bis man diese Geräuschkulisse allerdings im siebten Untermenu gefunden hat, hat man besagten Fussgänger wohl längst geplättet.
Man darf den neuen Zeekr X durchaus als ein fahrendes Smartphone bezeichnen, da sind die Chinesen nicht einmal beleidigt. Er kann das, was ein iPhone 15 oder das neuste Samsung-Dings auch kann, er spielt mit dem Piloten Playstation 17 und generiert per sofort die aktuellsten Spotify-Listen, er antwortet über Sprachbefehle auf WhatsApp-Nachrichten und liest die News aus dem Darknet vor. Er kann dazu noch virtuelle Dinge, von denen der alternde Berichterstatter gar nicht wusste, dass es sie gibt. Oder: dass jemand das Bedürfnis haben könnte, dass es sie braucht. Wir sind da bei Generation Z und weiter, trinär und transphil und überhaupt alles, was man sich ganz weit entfernt allenfalls vorstellen kann. Man könnte sich die Frage stellen, warum ein Fahrzeug auch noch ein Smartphone sein will, wenn ja eh jede/r ein solches Gerät dauernd mit sich trägt, aber, nein, wir tun das jetzt lieber nicht, denn dann kommen so ziemlich alle Auto-Hersteller in einen Erklärungsnotstand für Hyperscreens und sonstigen in erster Linie teuren Blödsinn.

Denn der Zeekr X ist trotzdem nur: ein Automobil. Es hat vier Räder und ein Dach, unter dem fünf Personen und ihre Güter trocken von A nach B und vielleicht noch D transportiert werden können. Was die ganz grundsätzliche Eigenschaft eines jeden Automobils sein soll, dagegen kann man sich auch in China nicht verwehren. Genau das, den Transport von Menschen und Gütern, macht der Zeekr X aber erfreulich gut. Rein elektrisch selbstverständlich, das befiehlt nicht nur der chinesische Zeitgeist. Nun wird es etwas unübersichtlich: Der Zeekr X steht wie die Smart 1/3 und der kommende Volvo EX30 auf der neuen SEA-Plattform von Geely, die komplett auf E-Fahrzeuge ausgelegt ist. Im Zeekr kommt eine 69-kWh-Batterie zum Einsatz, in den Smart gibt es 61 oder 66 kWh, im Volvo dann 51 oder 69 kWh. Das ist jetzt nicht so grob, die VW ID.3/4 bringen es auf bis zu 77 kWh, der kommende Peugeot E-3008 fährt gar einen 98-kWh-Akku spazieren. Das wirkt sich dann auch auf die Reichweiten gemäss WLTP aus, für den Chinesen werden maximal 445 Kilometer genannt, für den Deutschen 559 Kilometer, für den Franzosen gar 700.
Auch in Sachen Leistung ähneln sich die drei Geely-Produkte, 200 kW/272 PS für den reinen Hecktriebler, 315 kW/428 PS für den Allradler. Was etwas erstaunt beim 4×4: Auch an der Vorderachse kommt ein Permanentmagnet-Motor zu Einsatz, im Gegensatz zu den gerade aufgefrischten Volvo XC40 und Polestar 2 (die allerdings noch auf der «alten» CMA-Plattform aufbauen). Das bedeutet, dass der vordere Motor mit seinem Schleppmoment auch bei Nichtgebrauch keinen positiven Einfluss auf den Verbrauch hat. Andererseits: Wir scheuchten den allradgetriebenen Zeekr X bei der ersten Testfahrt doch flott über die Landstrassen, der Verbrauch pendelte sich dabei bei noch vernünftigen 18 kWh/100 km ein.
Wenn der Fahrspass in erster Linie aus beeindruckender Längsdynamik besteht, etwa einem Sprint in weniger als 4 Sekunden von 0 auf 100 km/h, dann wirkt der X absolut überzeugend. Hat man allerdings mehr Freud‘ am flotten Umrunden von Biegungen, dann wirkt der Chinese: weich. Das ist grundsätzlich nicht falsch, weil komfortabel, aber sportlich ist auf jeden Fall anders. Andererseits können das nicht viele E-Fahrzeuge besser, überhaupt widerspricht das «Angasen» der Umweltfreundlichkeit, von der Stromer auch «getrieben» werden – und man merkt schon, dass hier 1,9 Tonnen in Bewegung kommen. Das doch hohe Gewicht erstaunt ein wenig, denn der Zeekr X ist doch erfreulich kompakt, 4,43 Meter lang, 1,84 Meter breit, 1,57 Meter hoch. Damit liegt er irgendwo zwischen Kompaktwagen und SUV, doch einordnen lassen will er sich sowieso nicht, was man auch an seinem durchaus gewagten und gleichzeitig adretten Design sieht. Die vielen Kanten und Brüche stehen dem Chinesen gut, er fällt auf – Mut zur Farbe haben die Chinesen allerdings nicht.
Im Innenraum schon, da leuchtet vieles blau oder auf Knopfdruck auch orange, ganz nach Stimmung des Bedieners. Vor dem Fahrer gibt es ein kleines Display (das bestens ablesbar ist) mit den fahrrelevanten Infos, dazu kommt noch ein riesiger Touchscreen, über den so ziemlich alle Funktionen gesteuert werden. Und es sind viele, Untermenu folgt auf Untermenu, doch das haben wir weiter oben ja schon beschrieben. Was es aber unbedingt zu schreiben gilt: Die Übersicht ist bestens, die verarbeiteten (tierfreien) Materialien auf Premium-Niveau, die Qualitätsanmutung ausgezeichnet. Und die Sitze sind so gut wie sie aussehen. Ob das auch in fünf Jahren noch so sein wird, das werden wir ja dann sehen.
In die Schweiz kommen die Zeekr vorerst nicht, es bestehen in absehbarer Zukunft auch keine Pläne. Im restlichen Europa ist der X ab 44’900 Euro zu haben, ein ziemlich komplett ausgestatteter Allradler kostet dann 49’900 Euro. Damit sind die Zeekr keine Schnäppchen, doch das wollen sie auch gar nicht sein – moderner, urbaner Lifestyle ist das Ziel, dafür soll die geneigte Kundschaft gefälligst ein bisschen mehr zahlen. Zumal ja auch noch ein ganzer Zoo inbegriffen ist.































ein Auto , dass man nicht kennen muss. MÜLLTONNE..
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