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Fiat Tipo

Günstig, nicht: billig

Es musste ja eigentlich nur zu Ende gedacht werden. Dass eine so genannte «Billig»-Marke funktionieren kann, ist seit Dacia hinlänglich bekannt, und man weiss auch von anderen Herstellern, dass solche Pläne bestehen, gerechnet wurden und noch werden. Dass nun Fiat kommt und unter dem eigenen Namen das bisher von günstigen Angeboten noch leere C-Segment bearbeitet, ist aber doch einigermassen überraschend. Den eigenen Brand, über Jahrzehnte aufgebaut und gepflegt und gehätschelt, in diese Richtung zu ziehen, das widerspricht wohl eher sämtlichen Marketing-Lehren, zumal die Italiener ja ganze Anwaltskanzleien voller klingender Namen aus der Vergangenheit zur Verfügung stehen hätten. Andererseits: all das Premium-Gesabbel verdient ja auch einmal einen neuen Ansatz, und Fiat war ja schon immer eine Marke für das Volk, für jene, die selten einen Blick auf die Entwicklung ihres Aktien-Portfolios werfen müssen, mangels eines ebensolchen.

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Es begann im vergangenen Jahr mit dem Agea, eigentlich nur für den türkischen Markt gedacht und dort auch gebaut. Aber warum nicht diesen Wagen umbennen und auch exportieren, war dann wohl der Gedanke, es besteht ja ein Markt für klassische Limousinen auch im C-Segment, zwar nichts Grossartiges, aber 50’000 Exemplare pro Jahr sind auch Geld. Unterdessen hat der 4-türige Sedan mit 22’000 verkauften Stückern dort eine marktbeherrschende Stellung – was nicht weiter überrascht, denn der Preis von einheitlich 12’500 Euro auf allen Märkten ist ein ziemlich unschlagbares Angebot. Das gilt auch für den (ab Juni angebotenen) klassischen 5-Türer sowie den Kombi (ab September), mit denen Fiat nun die Tipo-Baureihe wiederbelebt und ausbaut. 12’750 Euro für den Hatchback (und doch eher happige 3000 mehr für den Kombi) sind eine unmissverständliche Ansage; mindestens 15 Prozent günstiger als alle Konkurrenzprodukte sei man auch nach Abzug aller Rabatte, behaupten die Italiener.

Und nun erhält man eine ganze Menge Auto für dieses Geld. Designpreise wird es zwar wohl keine gewinnen (wobei, wer gewinnt bei «red dot» schon keinen Preis?), doch das heisst nicht, dass man sich nur nachts oder in dunklen Parkgaragen damit sehen lassen möchte; der Station Wagon ist sogar ganz ansehnlich. Auch eine Premium-Anmutung im Interieur darf man nicht erwarten, da ist schon jede Menge Plastik, und wo in anderen Fahrzeugen harmonische Linien zueinander finden wollen, bevorzugt Fiat den geraden Strich. Andererseits: den 17-Zoll-Bildschirm oberhalb der Mittelkonsole haben die Italiener schöner eingepasst als Mercedes, er wirkt nicht als Fremdkörper. Und die Bedienbarkeit ist bestens, man braucht nicht Arme wie ein Orang-Utan, um eine Adresse ins Navi zu tippen. Auch sonst, modern, der weitgehende Verzicht auf Knöpfchen und Schalterchen, wie man das heute halt so macht. Und unter uns Klosterschwestern: wir haben rein gar nichts vermisst, was wir auf der Fahrt von A nach B benötigen. Dass es noch einen richtigen Schlüssel in einem richtigen Zündschloss gibt, bezeichnen wir sogar als erfreulich. Es piept, wo es manchmal hilfreich ist, wenn es piept, und ganz viel Zeugs, das sowieso nur unnötiger Ballast ist an Bord, wird gar nicht erst eingebaut. Die Sitze sind komfortabel – und gut gefällt der Winkel von 80 Grad, in dem sich sämtliche Türen öffnen lassen.

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Was eingebaut ist: jede Menge Platz. Der Kofferraum ist beachtlich (440 Liter beim Hatchback, 550 Liter beim Kombi), da bügelt der Tipo deutlich grössere Fahrzeuge weg, auch wenn im Fünftürer die Ladekante etwas gar hoch ist (und im Kombi erstaunlicherweise nicht). Bei abgeklappten Sitzen entsteht ein ziemlich flacher Laderaum; beim Kombi können Gegenstände von bis zu 1,8 Meter Länge verstaut werden. Die hinteren Passagiere sitzen gut, können den Kopf lüften und die Beine fast schon strecken, und auch vorne kommt man sich nicht in den Weg. Eigentlich ist ja ganz einfach, man muss nicht verstehen, weshalb es in den Golf & Co. so viel weniger Platz hat (Ausnahme: Skoda), den grösser als die C-Segment-Kontrahenten ist der türkische Italiener auch nicht, 4,37 Meter sind es beim 5-Türer, 4,57 Meter beim Station Wagen. Denn sechs Airbags hat auch der Tipo, die Sicherheitsanforderungen werden auf jeden Fall erfüllt. Auch als das Connectivity-Zeugs ist eingebaut, das es heute anscheinend braucht.

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Und dann nochmals von A nach B, also: das Fahren. Das kann er nämlich gut, der neue Tipo (der alte Tipo war Auto des Jahres 1989, es ist also schon ein paar Wochen her – und man sieht nur noch erschreckend selten). Auf den bekanntlich nicht immer nur guten italienischen Strassen steckt er erfreulich viel weg, Komfort ist reichlich – und eine schöne Ruhe auch. Allzu sportive Ambitionen braucht man nicht zu haben, er schiebt ziemlich gnadenlos über die Vorderräder, der Tipo, aber das nennt man dann ja aktive Sicherheit, oder so. Doch für den Transport von Waren samt Personen reicht das problemlos – die gnadenlose Fahfreude kostet auch bei anderen Marken einen massiven Aufpreis.

In Sachen Antrieb hält sich Fiat etwas zurück. Zumindest bei der Spreizung nach oben; es wird keinen 400-PS-Tipo geben. Es gibt Benziner. Und es gibt Diesel. 95 bis 120 PS, bei beiden. Ja, das reicht, damit kommt man schon anständig vorwärts, denn so richtig schwer ist der Tipo auch nicht geworden, ab 1200 Kilo beim 5-Türer, bis 1450 Kilo beim Kombi. Es wird auch eine Eco-Variante geben, die will dann nur gerade 3,4 Literchen brauchen; das kostet dann aber sicher etwas mehr Geld. Und ob sich das dann lohnt, ist eine andere Frage.

Nochmals Geld, diesmal für die Schweiz. Denn die Schweizer haben ja einen ganz furchtbaren Umrechnungskurs des Franken zum Euro. Es geht los bei 15’990 Franken für die «Opening Edition» des Sedan (den hierzulande eh niemand kauft). Der 5-Türer kommt dann ab 16’990 Franken, und der Kombi ab 18’390 Franken. Doch auch damit ist der Tipo noch ein sehr vernünftiges Angebot. Ob das in der Schweiz zum Erfolg reicht, wissen wir auch nicht; in anderen Ländern stehen die Chancen sicher besser. Ob das alles Auswirkungen auf das Image von Fiat haben wird, muss sich dann auch noch weisen. Wir mögen die Idee hinter dem Tipo, und uns gefällt die konsequente Umsetzung. Mehr Fiat haben wir in unserem Archiv.

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