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Mercedes S-Klasse W223

Ehrfurcht?

Irgendwo tief unten im Bauch habe ich eine ganz grosse Ehrfurcht vor Mercedes. Damals, als ich mich für Automobile zu interessieren begann als kleiner Bub, also Anfang/Mitte der 70er Jahre, da war so eine S-Klasse (W116) der König, der Arzt im Dorf fuhr eine, ein Freund meines Vaters hatte dann irgendwann einen 450 SEL 6.9. Der im Quartett der heimliche Überflieger war, nirgends der Beste, aber überall ganzganz vorne, und wer clever spielte, der konnte damit gewinnen. Auch der W126 war grossartig, ein Klassiker schon am ersten Tag seines Erscheinen, und der W140 war zwar absurd, aber in seiner Absurdität halt auch wieder – gross. Es entstand damals keine Liebe, aber eben: Ehrfurcht. Die irgendwie bis heute anhalten würde, hätte sich Mercedes in den vergangenen Jahren nicht so unendlich weit davon entfernt, noch ewige Design-Klassiker bauen zu können. Die neue S-Klasse sieht aus wie eine aufgeblasene E-Klasse, und die aktuelle E-Klasse ist so ziemlich der Ferrari Mondial unter den Sternen.

Einst, wenn die Enthüllung einer neuen Mercedes-Benz S-Klasse anstand, war selbst die Fachwelt immer ein wenig aufgeregt. Es ging dabei weniger um das Auto an sich, sondern um die Innovations- und Strahlkraft des Technologieträgers. Denn was in einer S-Klasse auf den Markt kam, war in kommenden Generationen in fast allen Autos zu finden. So war es bei ABS, Airbags, ESP, Navigationssystem und vielen anderen Komfortmerkmalen. Jetzt ist es – wir wissen es nicht.

Das Design ist also nicht. Im Innenraum sorgen zu fünf Displays für beste Unterhaltung, das grösste davon auf Wunsch in OLED-Technik für brillanteres Bild. Dabei trägt Mercedes besonders viel Sorge dafür, dass die Funktionsvielfalt auch genutzt werden kann. Per Augenkontakt oder Fingerabdruck stellt die neue Mercedes-Benz S-Klasse alles auf Fahrerwunsch ein. Sitzposition, Radiosender, Klimatisierung, Instrumentenlayout, ja sogar den Aromaduft in der Luft, alles passiert vollautomatisch. Zudem kann die S-Klasse nicht nur mit den Passagieren aller Plätze kommunizieren, sondern sogar dem vernetzten Smart Home. Essen im Lieblingsrestaurant bestellen, weil der Kühlschrank leer ist? Kein Problem für die S-Klasse. Oder die Klimaanlage nachjustieren, weil sich die Temperatur geändert hat – geht ohne Knopfdruck. Selbst wo sich der Verbandskasten befindet, kann man sich vom digitalen Butler erklären lassen. Das ist ja doll, bloss – so what?

Vielleicht ist es das: Dass das aktive Fahrwerk nicht nur an der Hinterachse mitlenkt, sondern auch im Unfall den Schaden minimiert, indem es sich bei sich einem anbahnenden Unfall um acht Zentimeter erhebt. Dass alle Sitze über Kopfkissen verfügen, im Fond sogar mit einer Nackenheizung kombiniert sind. Dass Kabelschächte in den Innenraum doppelt isoliert sind und Karosseriehohlräume mit Dämmaterial ausgeschäumt. Ja, Mercedes-Benz meint es ernst ihrem Flaggschiff – und auch nicht, denn die Antriebe sind nicht nur die gleichen wie im Vorgänger, sondern teilweise sogar schwächlicher. Ein geistiger Nachfolger des 450 SEL 6.9 – forget it. Da ist eigentlich nichts, was uns noch mit Ehrfurcht erfüllen könnte. Schade, irgendwie.

Weniger oder Mehrcedes haben wir im Archiv.

2 Kommentare

  1. Gert R. Gert R.

    Ja, da fragt man sich angesichts all dieser vielen Helferlein in der Tat: So what… Die ganze Assistenz- und Komfort-Armada lässt einen irgendwie völlig kalt. Dies liegt nicht nur daran, dass die allermeisten Innovationen im Kern nicht mehr als eine bloße Optimierung eines bislang schon technisch sehr Guten, mithin mehr Evolution als Revolution sind. Der eigentliche Grund ist die Gesamt-Ästhetik, in der einem dieses Stück präsentiert wird. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Das Design – unerreicht der extrem schlüssige Sacco-W126 – ist mit seinem unförmigen, im irren Kontrast zu den Schlitzleuchten vorn und hinten stehenden und in all seiner plumpen Unbeholfenheit allein dem chinesischen Markt geschuldeten Grill nichts anderes als der hilflos bemühte Versuch, allen Designvorlieben dieser Welt gerecht zu werden. Diese unheilvolle Inskonsequenz setzt sich im Innenraum fort, der teslahafte Tablet-Funktionalität mit Opulenz zu kombinieren versucht und in dem Materialien, Linienführung und Proportionen jede lässig in sich ruhende, für sich selbst sprechende Großzügigkeit vermissen lässt. Da ist alles in einen Topf geworfen worden und passt nichts zusammen. Das Ergebnis ist Ausdruck einer von höchstem Optimierungswillen getriebenen Versagensangst. Anlass, einmal ganz grundsätzlich über eingeschlagene Designwege nachzudenken. Über das Zusammenspiel von Linienführung und Proportionen (und verbauten Materialen). Apropos W116 SEL 6.9: Unser Dorfarzt machte in den 1970ern ebenfalls mit so einem Schiff seine Hausbesuche. Allein die unsere Hausmauern überwindenden Bass-Frequenzen dieses aus dem vollen schöpfenden Triebwerks war respekteinflößend. Heute gibt’s nur noch vulgär-synthetischen AMG-Klappenauspuffsound. Auch eine Frage der Ästhetik!

  2. Hans Amstein Hans Amstein

    Die deutsche Autoindustrie hat sich zu Tode gesiegt, egal ob Porsche (992 Turbo S!), BMW (das schrecklichste Design seit Bangle!) oder Mercedes-Benz (hier!). Wir erleben gerade die letzten Dinosaurier der Strassen. Sicher ist: wir werden sie vermissen, wenn auch vielleicht nicht ihre jüngsten Iterationen.

    Und in Deutschland werden nach Energie- und Verkehrswende dann wohl so einige Lichter ausgehen. Das wiederum könnte den Weg zu einer neuen, dringend benötigten Bescheidenheit bahnen helfen.

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