Zurück zum Content

radical zero: Made in China?

Die Preiswunder

Am lautesten ruft es Carlos Tavarez, der Chef von Stellantis: Ein E-Auto für weniger als 20’000 Euro ist in Europa nicht möglich, zumindest nicht, wenn man auch noch Geld verdienen will. Nun, das stimmt so vielleicht ein bisschen nicht, es gibt ja schon den Dacia Spring – und subventionieren oder gar einherschenken wird diesen der Renault-Allianz-Boss Luca de Meo wohl kaum. Auch der Volkswagen-Konzern meint, dass der zukünftige ID.2 (oder wie immer er dann auch heissen mag) eher bei 25’000 als bei 20’000 Euro liegen muss, sonst wird das nichts.

Bloss: In China bietet Volkswagen seinen aktuellen, doch ein ganzes Stück grösseren ID.3 seit vergangener Woche – in einer selbstverständlich nur ganz kurzfristigen Rabattaktion – bereits für weniger als 16’000 Euro an. Was wiederum etwas näher bei 15’000 Euro ist als bei 20’000.

Klar, logisch, ein komplett anderes Auto, der chinesische ID.3. Zwar gleich lang, breit und hoch wie die europäische Version, auch genau gleiches Design und mit der genau gleichen 58-kWh-Batterie ausgestattet, aber sonst ist alles total unterschiedlich. Nur umgerechnet 170 PS anstatt wilder 204. Die Basis-Ausstattung etwa, die in Europa VW-typisch sehr üppig ausfällt, sei in China dann eher karg. Und es gäbe auch andere Steckerverbindungen. Sollten Sie es bislang nicht gemerkt haben: Das war ironisch. Als nicht ganz so witzig empfinden wir dann aber den ID.3-Preis in hiesigen Breitengraden: In der Schweiz sind für so einen VW ID.3 ab 37’800 Franken fällig, in Deutschland sind es gemäss offizieller Quellen 39’995 Euro (ohne Kaufprämie).

Es ist dies nun natürlich eine sehr subjektive Meinung des Berichterstatters, aber der Preisunterschied erscheint mir nun als doch einigermassen beträchtlich (da liege ich wahrscheinlich falsch, Mathe war halt noch nie mein Rechaud). Natürlich lässt sich das alles auch bestens erklären, niedrigere Produktionskosten in China (unterstützt vom staatlichen VW-Partner), geringere Standort-Kosten (sic!), eben, die weiter erleichterte Ausstattung, da kommt man dann schnell einmal auf die 1,5 Prozent Unterschied. Oder sind es 15? Oder sogar, nein, das ist nicht möglich, das gibt es nur in der Pharma-Industrie.

Bleiben wir stand- und ernsthaft: Das Problem von Volkswagen ist, dass sich nicht nur der ID.3 in China nur noch marginal verkauft. 2556 Stück wurden im Mai 2023 noch abgesetzt, dass sind 11 Mal weniger als vom BYD Dolphin, einem seiner vielen direkten Konkurrenten (der allerdings mit der komplett veralteten und viel günstigeren 800-V-Architektur antritt, dies im Gegensatz zum total zukunftsträchtigen 400-V-Zeux von VW). Bei den reinen Stromern hält Volkswagen im Reich der Mitte noch einen Marktanteil von 2,9 Prozent – Tesla, diese amerikanischen Anfänger, kommen auf 11 Prozent. Doch es kommt halt noch dicker: In Europa hat VW von all seinen Stromern (3/4/5/Buzz) von Januar bis und mit Mai 73’000 Einheiten abgesetzt. Produziert wurden aber 97’000. Da wundert es nicht, dass die Produktion jetzt sanft heruntergefahren wird, die Sommerpause wahrscheinlich bis etwa November verlängert werden kann. Man spüre «eine allgemeine Kaufzurückhaltung bei Elektroautos», heisst es dazu aus Wolfsburg. Aha. Wir empfehlen ein Studium der offiziellen Verkaufszahlen.

So nebenbei: Am Rabattschlachtfest ist VW nicht schuld. Aber Tesla auch nicht (auch wenn Tesla es sich leisten könnte). Die erste richtig heftige Preissenkung in China kam noch im vergangenen November von Mercedes, da hat man die EQ-Modelle mal auf einen Schlag 30’000 Euro günstiger angeschrieben. Es hat dann zwar gar nichts gebracht, die Verkaufszahlen wurden noch schlechter – aber wer sich derzeit mit dem Gedanken trägt, so einen Daimler-Stromer kaufen zu wollen, der sollte besser nicht im Internet schauen, was das genau gleiche Auto im Reich der Mitte kostet. Dazu würde ich jetzt gern noch etwas bemerken, mache es aber besser nicht, es könnte einen Hauch von Beleidigung in sich tragen.

Aber zu Stellantis gibt es schon noch etwas zu schreiben: Tavarez fordert ja unterdessen sehr unverblümt Strafzölle für die chinesischen Hersteller, die nach Europa exportieren. Das kann er gut machen, er hat ja auch keine chinesischen Partner (mehr). Ob das dann eine wirklich zukunftsträchtige Strategie sein wird, muss sich noch weisen. Wir haben da so eine gewisse Ahnung, jetzt schon.

Mehr Strom gibt es unter: zero. Alles andere: Archiv.

11 Kommentare

  1. Saturno Saturno

    … und jetzt bitte den Vergleich andersherum: was kostet der zitierte BYD Dolphin in China, was in Europa? 15500€ vs 29900€ in der Basisaustattung. Das Spiel geht also wohl in beide Richtungen. Man mag die Schlüsse selber ziehen.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      stimmt so nicht ganz. Für BYD ist Europa «nice to have», die Chinesen kalkulieren so, dass sie in Europa ganz sicher kein Geld verlieren, trotz Neulancierung einer ganzen Marke (viel Marketinggeld), Transport, Aufbau eines Händlernetzes, etc. Die europäischen Hersteller mit ihren hohen Preisen geben ihnen da quasi einen Freipass, BYD bleibt ein, zwei Tausender unter der hiesigen Konkurrenz, ist so eine spannende Alternative – und die Marge wird wohl trotzdem gigantisch sein…

  2. Etienne Etienne

    Die US-Amerikaner lachen sich bei der Kaufpreisgestaltung der Automobilhersteller schon lange tot über die Quersubventionierung aus Europa. Nun schliessen sich die Chinesen an – war irgendwie zu erwarten. Wer Flugzeugträger hat lacht einfach länger und lauter.

  3. Marcus Marcus

    Vielleicht habe ich den Kontext mit dem Spring am Anfang nicht ganz verstanden. Aber der wird doch in China gebaut – damit würde das die These von Tavarez ja stützen, dass E-Autos unter 20k in Europa nicht herstellbar sind. Oder liege ich da grad falsch?

    • Peter Ruch Peter Ruch

      Wo die Autos gebaut werden, ist doch nicht so wichtig, oder? Volkswagen könnte, wenn man es so betracht, den chinesischen ID.3 ja auch in Europa anbieten. Und: die meisten Tesla kamen bis vor kurzem noch aus China nach Europa.

  4. heinz erhard heinz erhard

    Wenn es eh nicht wichtig ist WO AUTOS GEBAUT werden.. dann wird es auch Zeit
    das letzte verbleibende Format zu beenden. das ist, war, RADICAL MAG.

    Ist diese Botschaft angekommen?
    Wenn es also egal ist, das eine SCHWEIZER UHR auch in einer Müllklitsche im nirgendwo erzeugt wird, wenn es egal ist das LEBENSMITTEL auch aus RESTMÜLL
    und ABFALL erzeugt werden, wenn es egal ist dass Sie KEIN ARZT NICHT BEHANDELT..

    dann lautet meine beinharte Frage:
    HABEN WIR HEUTE den 1 APRIL- 1199 im Jahr des HERREN? ( 3.0?)( Matrix?)

    hat irgendwer den FLUXX KOMPENSATOR falsch eingestellt?

    DO YOU REED ME HUSTON? coppy?

  5. Bertram Bertram

    Na ja?

    Der Wagen, dessen Namen ich nicht ausspreche, oder die Firma, die mir kein
    Geld bezahlt, die in den USA sitzt..
    Da stimmen einige Zahlen mal gar nicht.
    1.) das Fahrzeug kostet im Handel, sagen wir 40.000.-Euro.
    2.) Die Firma hat pro Fahrzeug Investitionen ( schon die liebe Börse und Geldgeber
    und so weiter vergessen? ich lass Werbegelder weg)..
    also in Zahlen, weitere 40.000 Euro.

    Bitte lassen Sie das sacken Herr Ruch. danke.

    80.000 Euro ist das ganze Wunderteil aus den USA.
    ( mir fällt da der gute Saftwasserwunderheilverkäufer im Wilden Westen um
    1870 ein..)
    Die Frage ist wie wir staatliche ( Europa) Subventionierung von privater / staatlicher / investierende Subventionierung ( USA) von gezwungener ( China ist eine Diktatur..oder würde Sie sagen, dass es fast wie die Schweiz ist?) Subvention, um einen den nächsten Markt zu beherrschen.

    2000. Ferdinand Pierch , VW. “ WIR HOLEN CHINA VOM FAHRRAD!“
    2023. hat man nichts gelernt, wie CHINA den SMARTPHONEMARKT in 7 Jahren zu
    100 % übernommen und filetiert hat?
    Danke wenn Sei das nicht zensieren..und traurig das man das erwähnen muss.

    So. meinem Porsche 991..1979.. is es egal.
    Er wird mich in 10 in 20 Jahren erfreuen.
    Und wir werden sehen, wer da klein beigibt.
    MC LAREN PORSCHE FERRARI MASERATI LAMBORGHINI ARIEL CATTERHAM..und co sicher nicht.

    Die Abfallautosehegalobesdiejegab werden verschwinden oder neue Namen.

    es ist egal Schönen Sommer 🙂

  6. Tobias Tobias

    Hängen die Preisunterschiede nicht von den lokalen Steuern/Subventionen und Zöllen ab?

    • Peter Ruch Peter Ruch

      Das hat auf jeden Fall einen Einfluss. Allerdings ist er bei weitem nicht so heftig wie die Preisbeispiele, die wir genannt haben.

      • Tobias Tobias

        Heißt, die europäische Preisbereitschaft wird einfach nur frech abgeschöpft?
        Müsste doch eigentlich mindestens ein Hersteller nur anfangen preislich zu unterbieten…

        • Peter Ruch Peter Ruch

          In Europa gebaute Autos werden immer teurer sein, Lohnkosten, Standort, Gewerkschaften, Ferien, etc. Und bei den in China gebauten «europäischen» Fahrzeugen, nehmen wir als Beispiel den VW ID.3, sagt der Hersteller dann halt, dass die Ausstattung anders sei. Und dass man sie nicht importieren könne, weil die Stecker nicht den europäischen Normen entsprechen. Gut, es würde noch der Transport dazukommen (und die Marge), aber wir haben schon auch das Gefühl, dass der Europäer für sein europäisches Fahrzeug teilweise deutlich zu viel zahlt. Doch es geht ja auch um Arbeitsplätze – und Milliardengewinne für die Shareholder (der letzte Punkt ist wohl der wichtigste).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert