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radical zero: Fahrbericht Porsche Macan electric

Ui.

Der VW Beetle, Typ 5C, war ja jetzt optisch kein Wurf (und sonst auch nicht). Und jetzt stellen Sie sich vor: Beetle Cross Country. Ok, wir haben Verständnis, wenn Sie sich das gar nicht erst ausmalen wollen, aber wenn doch, dann wären Sie schon ganz nah am neuen, rein elektrischen Porsche Macan. Sie müssten nun in ihrer Fantasie aber auch noch fürchterliche Frontlampen reinkopieren und eine unmotivierte schwarze Plastik-Side-Blade, 20 Zöller und ein Heck wie nach einem Auffahrunfall mit einem litauischen Laster, sonst hat das nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ok, wir können es auch kurz fassen: Wir empfinden das Design des rein elektrischen Macan als grauenvoll. Eines Porsche unwürdig.

Und wir können gleich weitermachen, innen. Da ist sind zwei Pfosten, A-Säulen, so dick wie je ein Elefantenbein. Weit weg zwar, wenn man drinnen sitzt, aber doch ist die Aussicht nach vorne nicht gut, dahinter kann sich je nach Winkel besagter litauischer Sattelzug problemlos verstecken. Ganze Kindergarten-Klassenzüge auch. Ein Fahrrad-Club. Dafür ist für die hinteren Passagiere weniger Platz als in einem klassischen Mini. Da staunen wir schon: Ein fast 4,8 Meter langes, 2,4 Tonnen schweres E-Auto – und ein Raumangebot wie in einem Nachkriegs-Kleinwagen? Der erwähnte Beetle, Typ 5C, also ein VW Golf, konnte das besser, bot mehr. Sorry, ich weiss nicht, aber das nennt man wohl: eine Fehlkonstruktion. Porsche, was ist da los? Der Macan war das goldene Kalb, bislang, da schöpfte Stuttgart pro Liter Milch zwei Kilo Rahm oben weg, ein Audi Q5 mit Sensationsmarge – und jetzt? Dieser Stromer dürfte auch den komplett schmerzbefreiten Porsche-Jüngern schwer zu erklären sein.

Denn innen ist das dann halt auch nur ID.3 für Fortgeschrittene. Vor den Augen hat der Fahrer ein Display, das wie ein Blinddarm aus dem Armaturenbrett schleicht, alles andere ist an der Schnur aufgezogen, möglichst billig in der Produktion. Schauen Sie mal hier, Lucid Air, so kann das auch aussehen (für kleineres Geld, übrigens). Für die hinteren Passagiere herrscht Dacia-vor-Renault-Tristesse. Vor dem Cayenne-Facelift scheint Porsche alle Innenarchitektinnen entsorgt zu haben, ab der B-Säule ist es wie schon im grossen Nutzfahrzeug auch im rein elektrischen Macan nun mehr so ein Unfall, eine Sparübung. Aber Golfspielerinnen vermehren sich ja glücklicherweise eh kaum, Kinder und Schwiegermütter sind ein zu schwerwiegendes Handicap, hinten liegt höchstens der Kelly-Bag – und der reklamiert nicht. Wenigstens gibt es einen anständigen Kofferraum, 540 bis 1348 Liter.

Es geht noch weiter. Für ein SUV sitzt man tief – für ein Fahrzeug mit dieser Leistung zu hoch. Wir bewegten den Macan Turbo (ohne Turbo), das sind dann 639 PS und 1130 Nm (!) maximales Drehmoment, 3,3 Sekunden von 0 auf 100. Und fühlten uns wie die deutsche Fussballnational-Mannschaft nach einem Tor: Völlig losgelöst. Kein Gefühl für die Bodenhaftung, irgendwie ist da ein luftleerer Raum zwischen dem Fahrzeug und dem Fahrer. Das geht wie Sau, aber man fühlt es nicht. Und das ist ein komisches Gefühl: Lenkung ausgezeichnet, das Fahrwerk auf einem Niveau wie wohl noch bei keinem anderen E-Auto. Aber zwischen Pilot und Auto sind irgendwo noch zwei Tonnen Watte, man hört nichts, man spürt nichts, man ist unfassbar schnell, aber weiss irgendwie gar nicht: wieso? Und auch noch: Warum? Denn ob es das auch braucht, diese wahnwitzigen Fahrleistungen, ist dann wieder eine ganz andere Frage. Bei Porsche wird man antworten: Weilwirskönnen. Und die Kunden haben auf dem Golfplatz viel Potenzial für Stammtischgelabber, wenn man schon nicht den Grössten hat, dann wenigstens den Schnellsten.

Sicher ist der auf der neuen PPE-Plattform basierende, erst mit reichlich Verspätung auf den Markt gekommene Macan eines der besten E-Autos, die es – ausserhalb von China – derzeit gibt. 800-V-Architektur, sehr schnell am Lader (max. 270 kW), hoffentlich auch effizient im Verbrauch. Feststellen konnten wir das bei unserer zu kurzen Ausfahrt nicht, die Angaben sind verwirrlich, der Turbo saugt gemäss den offiziellen technischen Angaben nach WLTP zwischen 18,8 und 20,7 kWh/100 km, will zwischen 518 und 591 Kilometer Reichweite haben. Was jetzt? Egal, das kostet dann aber auch richtig viel, viel Geld, der schwächere Macan 4 ist mit ab 95’800 Franken angeschrieben, den Turbo (ohne Turbo) gibt es erst ab 131’200 Franken; der in der Schweiz weiterhin erhältliche Verbrenner-Macan kostet ab 79’900 Franken. Ob die Kundschaft da mitspielt – man hört so munkeln aus den Porsche-Zentren, dass sich das Interesse am Stromer derzeit noch in bescheidenen Grenzen hält. Wir haben dafür absolut Verständnis: Nur weil Porsche draufsteht, heisst das leider nicht mehr, dass es gut ist.

Wir fuhren den Porsche Macan electric im Rahmen einer Veranstaltung von #gcoty. Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

8 Kommentare

  1. yumiyoshi yumiyoshi

    Ich finde, sie tun dem Beetle der 2. Generation unrecht. Mir hat er deutlich besser gefallen als der erste, der gar picksüß und gewollt daherkam. Da fand ich den zweiten wesentlich entspannter und von der Linie her dem Käfer auch deutlich näher.

    Schockierend finde ich allerdings den Innenraum. Dass Porsche sich DAS traut, ist wirklich bemerkenswert. Jeder billige Koreaner kann das besser. Aber gut, man kann ja das erweiterte Lederpaket um wohlfeile € 4.334,00 dazunehmen. Das macht zwar das hässliche schwarze Glanzplastik auch nicht weg, aber zumindest den Rest halbwegs standesgemäß.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      ach, er ruhe in Frieden, der Beetle. man hätte ihn aber nicht noch einmal aufleben lassen müssen, vor allem nicht in einer hochbeinigen Version.

  2. Nick Nick

    Übrigens gab es einen höhergelegten Beetle. Dune nannte sich das und sollte allen Ernstes an die Beach Buggys auf gekürzter Käferplattform erinnern. Mit Frontantrieb und allerlei Zierrat aus Plastik.
    Zum Macan fällt mir gar nix mehr ein. Der Vorgänger war ja nun auch schon kein Knaller, hat aber anscheinend einen Nerv getroffen.

  3. Michael Michael

    Zum Glück sind Geschmäcker von Mensch zu Mensch unterschiedlich und so haben beide Autos ihre Fans.

  4. Fred Steiner Fred Steiner

    Sehr schöne Autoseite!

    Jetzt erst gefunden.
    Ihre Berichte über die Klassiker und die schönen Spröden, die Seltenen
    ist herzerfrischend. Grade jetzt am Strand in Rimini Süd.
    Ich schmökere und finde. Klasse! 🙂
    Natürlich müssen Sie auch über, räusper..eben “ jene “ berichten, die wir
    so wh nur in der Schrottpresse, in der Bronxx oder auf der dunklen Seite des
    Mondes antreffen würden.
    Und natürlich vor dem Aldi.
    Das Thema Automobil hat sich zu einer Schmerz verzerrten Karikatur verbogen,
    Überschnitten mit der verlaufenen intellektuellen planlosen neuen Wählerschaft, die ihrer grausame Doktrin, gehässige Peinlichkeit oder prollige Hochdarstellung, nur
    noch in diesen, grausam hässlichen Derivaten, wie den Porsche Dings, dessen Name ich vergessen werde, weil er den Namen Porsche in den Müll zieht.
    Macht ja nix.
    Radical-mag heute zum ersten mal , nun öfter.
    Ein Kleinod, wie mein alter Boxxter 2003, dem das alles auch schon egal ist.
    Und nun, das Eis. dann der Fußball.
    Liebe Grüße. Fred 🙂

  5. Matthias Matthias

    …den Turbo (ohne Turbo) gibt es erst ab 131’200 Franken. Interessant. Aber kann mir das bitte einer erklären?

    Als einfach denkender Mensch war ich bisher gewohnt, dass in Versionen, welche auf den Namen Turbo hören, ein Turbolader verbaut ist. Dass aber andererseits Autos, die einen turbo haben (wie mein geliebter 124 Spider) diesen Turbo nicht unbedingt im Namen führen müssen.

    Welche Form von Placebo bietet uns dann ein Turbo ohne Turbo? Vielleicht ein Soundgeneator-erzeugtes Kreischen? Wo soll bei einem E-Auto denn der Abgasstrahl herkommen, der den Turbo zum Rotieren bringt?

    Oh Mann. Früher war bei Autos nicht alles besser, aber vieles viel einfacher…

    • Peter Ruch Peter Ruch

      das ist relativ einfach zu erklären (wenn auch schwierig zu verstehen): Bei den Stromern sind «Turbo» und «Turbo S» Ausstattungs- und Chip-Tuning-Varianten. Das wurde beim Taycan eingeführt und sorgte dort schon für Unverständnis.

  6. Xyz Xyz

    Die Designfrage wurde bei allen Porsche Modellen in Frage gestellt , ab 1965 gab es Diskussionen , speziell 996 – Panamera – Cayenne, die Zeit wird es zeigen und nicht die Kommentare von wem auch immer ( einschließlich ich auch ! ) , Wer China als Maßstab ins Spidl bringt ….. da lache ich jetzt schon , keiner kann das Auto als Skizze nachmalen weil nichts designt ist , alles geklaut von 5 Hersteller und jeweils 4 Modellen ,

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