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radical zero: Fahrbericht Lucid Air Pure

Der Streber unter den Stromern

Aller Anfang ist, man weiss es, schwer. Oder im Fall von Lucid: teuer. Ende des vergangenen Jahres haben die Amerikaner ausgerechnet, dass sie pro verkauftem Fahrzeug einen Verlust von 227’082 Dollar machen. Da könnte man meinen, dass es allenfalls sinnvoller wäre, keine Autos mehr zu verkaufen, doch CEO Peter Rawlinson, einst Chefentwickler bei Tesla, sieht das ganz entspannt. Kann er wohl, denn hinter Lucid Motors steht der Public Investment Fund von Saudi-Arabien, der hat eine Lizenz zum Gelddrucken und noch den längerem Atem als Elon Musk und all seine Amigos zusammen. Und so rollt Lucid in aller Ruhe neue Modelle – ein SUV namens Gravity wird bald kommen – und zusätzliche Varianten seines schon 2016 vorgestellten, aber erst seit Ende 2021 produzierten Air aus.

Unter allen Stromern ist der Lucid Air sicher eines der gefälligsten Fahrzeuge. Entworfen wurde der Air von Derek Jenkins, einst Designer bei Mazda, und er verfügt tatsächlich über eine optische Leichtigkeit, die den Tesla, aber auch dem Taycan abgeht; die meisten neuen E-Limousinen aus China orientieren sich viel mehr am Lucid als etwa einem Model S. Der Air ist ein mächtiges Gefährt, 4,98 Meter lang, der Radstand beträgt stolze 2,97 Meter. Und das Raumangebot ist entsprechend grossartig – ja, das ist sie, die schöne, neue Wohnwelt, die uns E-Fahrzeuge versprochen haben, sogar das Anzeigen-Display vor dem Fahrer scheint zu schweben. Vorne wie hinten sitzt man fürstlich, sehr bequem, es ist alles luftig, irgendwie so positiv. Und im Air ist das alles, Gestaltung, Material-Mix, Vearbeitung im Gegensatz zu Tesla auch auf Premium-Niveau, da sehen Taycan und E-Tron von Audi aber sowas von alt aus, dass es fast schon peinlich ist. Richtig edle Materialien, geschmackvoll aufeinander abgestimmt, sehr sauber verarbeitet – natürlich hat das alles seinen Preis, aber dazu kommen wir später.

Den Lucid Air Pure gab es schon einmal als Einstiegsmodell, doch Ende des vergangenen Jahres haben die Amerikaner ihn neu aufgelegt. Er kommt jetzt mit nur noch einem E-Motor, also Heckantrieb, 442 PS, 550 Nm. Das reicht immer noch für eine Sprintzeit von 0 auf 100 km/h in 4,5 Sekunden. Die Energie wird in einem 88-kWh-Akku gespeichert, gemäss WLTP soll das für eine Reichweite von bis zu 747 Kilometern reichen. Geladen werden kann mit maximal 250 kW, das ist jetzt nicht Weltrekord-verdächtig, aber mehr als nur ausreichend; den entsprechenden Schnelllader muss man auch zuerst einmal finden. Was auf jeden Fall gut ist: Der Air Pure glänzt mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,197 – und wiegt unter 2,4 Tonnen. Damit ist er also in noch so manchen Bereich der Streber unter den Stromern.

Und genau so fährt er sich auch. Das ist alles wunderbar entspannt, es herrscht eine himmlische Ruhe, er gleitet ganz sanft einher (nein, er hat keine Luftfederung, aber es wirkt genau so). Ruft man die Leistung ab, haut es ihn stromertypisch nach vorn, doch das wirkt nicht übertrieben, sondern cool, vernünftig (für die Unvernunft ist zukünftig der Sapphire mit seinen 1251 PS zuständig). Die Lenkung verdient ihren Namen, auf kurvigen, breiten Landstrassen ist der Lucid das reine Vergnügen. Klar, schon gross und schwer, aber wenn die Kurven nicht zu eng sind, dann versieht er seinen Dienst mit der Leichtigkeit, die er in seinem Namen trägt. Da hat er uns jetzt wirklich positiv überrascht, der Amerikaner. Aber Rawlinson weiss, was er tut – und er macht all die Fehler, die er bei Tesla machte, bei Lucid nicht mehr. Auch das Einstiegsmodell ist fahrdynamisch auf einer Stufe mit Porsche und Audi; bei Mercedes ist nichts Vergleichbares auch nicht in weiter Ferne.

Dass sich diese Lucid bisher noch nicht gut verkauften, lag nicht am Produkt, sondern am Preis. Doch der neue Air Pure kommt jetzt ab 91’000 Franken auf den Online-Markt (Händler gibt es keine), etwa 20 Prozent günstiger als bisher. Eine Mercedes-EQS-Limo kostet ab 119’700 Franken, beim Taycan beginnt die Preisskala bei 119’900 Franken, für einen étron von Audi sind mindestens 129’900 Franken fällig – da braucht es wohl nicht mehr viel zu erklären, oder? Man darf Lucid Motors einen noch langen Atem wünschen, es wäre schön, mehr dieser «vorbildlichen» Stromer auf unseren Strassen zu sehen.

Wir fuhren den Lucid Air Pure im Rahmen einer Veranstaltung von #gcoty. Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

6 Kommentare

  1. Max Max

    Einen ähnlich tiefen Geldbeutel des Sponsors hätte man sich auch bei Fisker gewünscht, da wurde ja auch vielversprechendes aufgetischt vor erstaunlichen acht Jahren. Jetzt muss man hoffen das Fisker noch mal Phönix spielen kann.

    https://radical-mag.com/2016/11/01/fisker-emotion/

  2. Sgt. PEPPer's Lonely Hearts Club Band Sgt. PEPPer's Lonely Hearts Club Band

    DER VERBRAUCH!!!

    „WLTP-Verbrauch 13,0 kWh/100 km (19-Zoll-Räder, 13,7 kWh/100 km (20-
    Zoll-Räder)“

    Lucid Motors: Mit günstigerem Einstiegsmodell
    soll die Elektrolimousine in Europa auf
    Erfolgskurs kommen
    Der amerikanische Lucid Air ist seit 2023 in Europa erhältlich. Trotz
    beeindruckenden technischen Daten blieb der Durchbruch bisher
    aus. Mit einem heckgetriebenen Modell sollen mehr europäische
    Kunden angelockt werden.
    Herbie Schmidt
    28.06.2024, 05.30 Uhr

  3. Rolf Rolf

    In der „Auto Zeitung“ wurde letztes Jahr das beste Elektroauto gesucht.
    Bei jedem der Wagen wurden Reichweite und Verbrauch angegeben …. außer beim Lucid Air. Da gab es nur eine ca. Reichweite.
    Ferner wurden irgendwelche angeblichen Verarbeitungsmängel sowie Bedienschwierigkeiten geradezu an den Haaren herbei gezogen. Ja, und einem wohl ziemlich ausladenden 2 Meter Mann war wohl der Sitz ein bissel eng und die Sonnenblende im Sichtfeld. Drama.
    Es wurde krampfhaft der unsägliche BMW i7 zum besten Elektroauto gekürt.
    Neutraler Deutscher Autojournalismus. Peinlich.

    Sämtliche anderen Berichte, die ich je über dieses tolle Auto gelesen habe, sind positiv und bezeugen die technische Überlegenheit sowie die unglaubliche Raumökonomie.
    Schade nur, dass es keinen erschwinglichen Lucid gibt.

    Das Design finde ich hinreissend (leider sind Limousinen ja nicht mehr so gefragt), modern und irgendwie doch amerikanisch.
    Wobei ich in der Seitenlinie beinahe eine Neuinterpretation der Göttin erkenne (Citroen DS), man muss nur mal zwei Fotos nebeneinander ansehen.
    Wahrscheinlich ist der Lucid heute so fortschrittlich, wie die Göttin es in 1957 war.

  4. maxi moll maxi moll

    Sehr Schön! Super Test!

    Baubreite : 10-12 cm schmäler.
    Länge : 470 cm
    Motor : 200 Ps Hinterachse
    Gewicht: 1400-1600 Kg

    Preis : all in 59.000.-

    Und leider wird der bald verschwunden sein, oder von GM assimiliert..etz..

    Lg 🙂

    • Max Max

      Bei der Marktkapitalisierung eigentlich ein Schnäppchen, wenn man die dt. Nase nicht zu hoch trägt

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