Zurück zum Content

radical zero: Fahrbericht DS Automobiles N°8

Hohe Ansprüche

So hinter vorgehaltener Hand sprachen die Franzosen von DS Automobiles, wenn man sie auf die Positionierung ihrer Numero 8 ansprach, dann schon auch von Bentley. Und es ist, als ob sie vor ein paar Wochen schon in die Zukunft hätten schauen können, dieser Tage zeigten die Engländer den EXP 15, bei dem man schon auch an den DS8 denken muss, nicht nur rein optisch. Wobei der Franzose natürlich viel gelungener ist als der Engländer, rein optisch. Ob es dann auch wirklich ein gelungener Wurf ist, das 4,83 Meter lange, 1,92 Meter breite und doch 1,57 Meter hohe Trumm, das liegt dann aber wieder im Auge des Betrachters. Und wir können jetzt auch nicht genau sagen, wie man das Fahrzeug einzuordnen hat, SUV-Coupé, Neuinterpretation der coupéhaften Limousine, irgendetwas halt – auffällig ist der N°8 auf jeden Fall, insbesondere in der Zwei-Farben-Lackierung.

Für das neue Flaggschiff, das auch vom französischen Präsidenten beigefahren wird, hat Stellantis alles in die STLA-Medium-Plattform gepackt, was da nur reingeht. Das bedeutet beim Top-Modell Allradantrieb, 350 PS, 509 NM und eine mächtige 97-kWh-Batterie, die mit eher so durchschnittlichen 160 kW geladen werden kann. Für diese Variante gibt DS eine Reichweite von 664 Kilometer an. Wählt man die grosse Batterie, aber nur Frontantrieb, dann verbleiben 245 PS, doch die Reichweite steigt auf beachtliche 750 Kilometer. Das ist wahrscheinlich alles etwas gar optimistisch, aber bei unserer eher sportlichen Ausfahrt durch den französischen Jura lag der Verbrauch bei knapp über 20 kWh/100 km, da sollten sich 450 Kilometer schon ausgehen. Man weiss, dass die Stellantis-Produkte zwar nicht auf die modernste Technologie (400-V-Architektur) setzen, aber das Energiemanagement erstaunlich gut im Griff haben – bei einer sehr entspannten Fahrweise, die unbedingt dem Charakter des Franzosen entspricht, sollten auch 15 kWh/100 km möglich sein.

Beim DS Automobiles N°8 ruft alles nach entspanntem Reisen, ruhigem Gleiten. Das Fahrwerk mit seinen adaptiven Dämpfern ist sehr komfortabel abgestimmt, eine Kamera scannt die Strasse auf Unebenheiten ab und versucht, diese ins Fahrprogramm einzuarbeiten. Das klappt wirklich gut, man vermeint fast, in einem Fahrzeug mit Luftfederung zu sitzen. Wählt man «Sport», wird alles etwas straffer, ohne unangenehm zu werden; die Lenkung gibt dann die Rückmeldung, die tatsächlich auch etwas Fahrfreud‘ ermöglicht. Wenn man nun denn will, dann kann die 8 ganz flott, ist trotz 2,2 Tonnen Leergewicht erstaunlich agil. Aber klar, ein Sportwagen sieht anders aus. Andererseits: Numero 8 geht in 5,4 Sekunden von 0 auf 100, gegen oben wird bei 190 km/h abgeriegelt. Es sei in diesem Zusammenhang noch angemerkt, dass bei französischem Autobahn-Tempo 130 im Innenraum absolute Ruhe herrscht, so haben wir das bisher auch bei keinem anderen E-Fahrzeug erlebt. Das ist auch eine Form von Luxus.

Womit wir dann im Innenraum sind, dem sicher grössten Plus des DS Automobiles N°8. Während die oben erwähnten Bentley, überhaupt die Engländer Luxus eher auf die rustikale Gutsherrenart interpretieren, die Deutschen gewohnt sachlich bleiben, sehen die Franzosen das anders, moderner, eleganter, verspielter. Selbstverständlich sind die verwendeten Materialien auf höchstem Niveau, die Verarbeitung sehr sorgfältig; man orientiert sich da an der französischen Haut-Couture. Das sieht auch alles, auch in der Gestaltung, deutlich liebevoller aus als in anderen Stellantis-Produkten, das Bediensytsem – es gibt noch Tasten und Schalter – bleibt aber das gleiche. Die Sitze sind vorzüglich, guter Seitenhalt, trotzdem bequem, hinten hätte man eigentlich auch mehr als genug Raum, zumindest für die Beine, doch die Kopffreiheit ist für grössere Erwachsene etwas eingeschränkt. Ganz hinten folgt dann noch ein mächtiger Kofferraum, beim Allradler fasst er 581 Liter, beim völlig ausreichenden Fronttriebler sind es 621 Liter, bei abgeklappten Rücksitzen 1553 Liter. Was unbedingt noch erwähnt gehört: das aktuell wahrscheinlich schönste Lenkrad in einem Serien-Fahrzeug.

Die Preisskala für den DS Automobiles N°8 beginnt bei 49’900 Franken für das Basis-Modell (230 PS, 73-kWh-Akku), geht weiter über den Long-Range-Fronttriebler ab 58’900 Franken und kommt dann zum Allradler ab 64’500 Franken. Günstig ist das nicht – und man wird wohl davon ausgehen müssen, dass man den grossen Franzosen eher selten auf der Strasse sieht. Dabei erscheint er uns nicht nur formal, sondern vor allem mit seinem grosszügigen, luxuriösen Innenraum, dem ausgezeichneten Fahrwerk und der feinen Lärmdämmung als eine interessante Alternative (vielleicht sogar zu einem dann rein elektrischen Bentley). Es ist auch angenehm, dass die Franzosen nicht mit völlig irren PS-Zahlen protzen wollen, sondern Wert auf eine doch mehr als anständige Reichweite legen. Viel Konkurrenz sehen wir da im Moment nicht, ein Audi A6 oder ein BMW i5 bewegen preislich in ganz anderen Sphären.

Mehr Strom: zero. Alles andere: Archiv.

6 Kommentare

  1. Rolf Rolf

    Sieht gut aus und erinnert mich vom Konzept her an den Vel Satis.
    Die Lautsprecher von Focal sind ein wenig overstyled und leider, wie in so vielen Autos, ist der Dachhimmel völlig unpassend weiß-grau.
    Preislich für so ein Auto ok.

  2. Ein interessantes Auto. Das positiv erwähnte Lenkrad kam bei mir nicht so gut an. Es erinnert mich so ein bisschen an die Gründerzeit im Automobilbau.

  3. hugoservatius hugoservatius

    Ja, in diese Richtung könnte es gehen, allerdings ist das Auto innen viel schöner als außen.
    Vermutlich bauartbedingt ist der Unterbau unterhalb der Gürtellinie deutlich zu voluminös und das sehr schräge Schrägheck etwas gewollt, insbesondere für eine Limousine, in der man ja auch gerne hinten sitzt.
    Aber die Richtung stimmt und als Fronttriebler mit vernünftiger PS-Zahl und anständiger Reichweite könnte der Wagen wirklich eine Alternative zu entsprechenden Verbrennern sein, jedenfalls wenn man sich an Tempolimits und die Deutsche Richtgeschwindigkeit hält.

  4. Max Max

    Sie verbauen doch tatsächlich auch hier. den miesesten aller Fahrrichtungswähler von Welt! Den man mit spitzen Finger meist zweimal betätigen muss.

    Es wundert dass nicht schon längst ein wütender weiblicher Mob, die ihre 100 Euro Fingernägel hier eingebüsst haben, dem Designer vor der Stellantis-Zentrale aufgelauert haben.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      nun, die Stellantis-Produkte sind allgemein keine Flucht-Autos, etwas Zurückhaltung beim Drücken des Startknopfs führt zu no-go. aber den Fahrrichtungswähler – schöner Begriff – empfand ich bisher als unproblematisch. doch ich werde mich achten.

  5. DeHavilland DeHavilland

    „Für das neue Flaggschiff, das auch vom französischen Präsidenten beigefahren wird…“

    ja – kann man sich vorstellen, die französischen Präsidenten sind seit Sarkozy. Holland und Co. ja eher kurz gebaut und da reicht dann die Coupe-Kopffreiheit.
    General DeGaulle (2 Meter Mann) – hätten dem Dingens den Gnadenschuss mit seiner Dienstpistole verpasst.

    Mit freundliche Grüßen
    DeHavilland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert