Der Vordenker smarter Energielösungen
Noah Heynen, Gründer und CEO von Helion, glaubte schon vor bald 20 Jahren an die Kraft der Solarenergie. Heute leitet er den Branchenführer – und sieht noch ganz viel Potenzial.
radical: Als Sie zusammen mit Samuel Beer Helion 2008 gegründet hatten, haben Sie da schon daran gedacht, dass die «Energiewende» einmal ein so grosses Thema wird?
Noah Heynen: Schon als wir Helion 2008 gegründet haben, waren wir überzeugt, dass erneuerbare Energien, insbesondere die Solarenergie, enormes Potenzial hat. Wie gross, dringlich und relevant das Thema heute ist, haben auch wir damals noch massiv unterschätzt.
PV, Wärmepumpen und E-Mobilität sind heute mit Abstand die kostengünstigste Variante, wie ich mich mit Energie und Mobilität eindecken kann. Und hilft so ganz nebenbei dem Klima. Heute ist unsere Mission, Produktion, Verbrauch sowie Verkauf von selbst produzierter Energie zu optimieren und damit unseren Kundinnen und Kunden zu ermöglichen, überschüssigen Solarstrom zu den besten Tarifen auf dem Markt zu verkaufen. Mit jeder umgesetzten Lösung, jedem Projekt, treiben wir die neue Energiewelt aktiv voran.

radical: Kürzlich ging eine interessante Geschichte durch die Presse: In Pakistan soll unterdessen ein Grossteil der Bevölkerung über simple PV-Anlagen so viel Strom erzeugen können, dass diese Menschen und Haushalte nicht mehr auf das staatliche Stromnetz angewiesen sind. Gut, in Pakistan scheint die Sonne intensiver, aber wäre das in der Schweiz auch vorstellbar?
Heynen: In der Schweiz scheint die Sonne nicht so intensiv wie in Pakistan. Aber das Potenzial der Solarenergie ist trotzdem enorm, sie verzeichnet in den letzten Jahren ein beispielloses Wachstum. Auch wenn sich das Wachstum zurzeit abschwächt, ist die Solarenergie auf dem besten Weg, neben der Wasserkraft zur zweiten tragenden Säule der Schweizer Stromversorgung zu werden. Den vollständigen Ersatz des Stromnetzes durch Photovoltaik ist zwar kaum sinnvoll. Ziel ist vielmehr die smarte Integration von Solarenergie ins Netz. Swissgrid hat Helion) kürzlich das erste virtuelle Solarkraftwerk mit PV-Kleinanlagen bewilligt. Damit sind wir auf gutem Weg: Das virtuelle Solarkraftwerk funktioniert wie ein reales Kraftwerk, das system- und netzdienlich eingesetzt werden kann. Helion schliesst dazu in der Schweiz PV-Kleinanlagen, Speicher und Ladestationen zu einem grösseren virtuellen Kraftwerk zusammen. Damit werden bestehende Produktionskapazitäten gebündelt und flexibel eingesetzt, um Schwankungen im Schweizer Stromnetz auszugleichen. PV-Anlagenbesitzerinnen und -Besitzer, die ihre Kapazitäten in einem virtuellen Kraftwerk bündeln und ihre Energie je nach Bedarf zum Einsatz bringen, können wesentlich bessere Preise erzielen. Die Rentabilität der PV-Anlagen wird dadurch um bis zu 20 % verbessert. Photovoltaik erhält also neue Ertragschancen und zusätzliche Perspektiven.
radical: Es ist ja die Idealvorstellung: PV auf dem Dach, vielleicht ein Speicher im Keller und/oder ein E-Auto vor dem Haus – und schon ist man strom-autonom, kann sich lokal emissionsfrei individuell bewegen.
Heynen: Für Solarstrom-Produzenten ist es finanziell vorteilhaft, möglichst viel des selbst produzierten Stroms auch selbst zu verbrauchen. Denn Solarstrom vom eigenen Dach ist in der Regel günstiger als der Strombezug beim Energieversorger. Zur Steigerung des Eigenverbrauchs bieten sich Batteriespeicher an, die mittlerweile wirtschaftlich attraktiver geworden sind. Auch die Elektromobilität wird künftig dank bidirektionalem Laden einen riesigen Batteriespeicher bieten: Die Fahrzeugbatterie wird in die Hausversorgung eingebunden und zusätzlich oder anstelle von stationären Speichern genutzt – bei Bedarf für die Rückspeisung ins Netz oder für die Gebäudeversorgung. Wichtig ist zudem, im eigenen Haus ein intelligentes Energiesystem wie unser «Helion ONE» zu installieren. Dazu braucht es nur einen kleinen Computer – ein Kästchen, gerade mal 5,8 x 4,2 cm gross. Dieser Computer vernetzt die Solaranlagen mit den grossen Verbrauchern wie Wärmepumpen, Stromspeichern und mehr als 400 weiteren Energiegeräten und steuert sie. Das intelligente Energiesystem optimiert Stromproduktion und -verbrauch für einen maximalen Eigenverbrauch. Mit Helion ONE wird das Gebäude zu einem intelligenten Solarkraftwerk, das Mobilität, Energie und Infrastruktur verbindet und damit auch das öffentliche Netz entlastet. Auch der Verkauf von überschüssig produziertem Strom kann über Helion ONE abgewickelt werden. In der Schweiz sind Mobilität, Energie und Infrastruktur künftig untrennbar verbunden und smarte Lösungen entscheidend.
radical: Die Strom-Erzeuger/Verkäufer der Schweiz dürften wenig erbaut sein von dieser Vorstellung.
Heynen: Energieversorger spielen in dieser Transformation eine wichtige Rolle, so werden wir auch in Zukunft ein Netz brauchen, nur sieht das eben etwas anders aus. Aber: Für eine nachhaltige und sichere Stromversorgung ist es notwendig, die Energiesysteme an die heutige Realität anzupassen und nicht in der alten Energiewelt zu verharren. Die Netze funktionieren vielerorts noch wie früher, mit Nachtstromtarifen und Boilersteuerung. Das ist nicht mehr zeitgemäss. Dezentrale Lösungen wie virtuelle Kraftwerke und dynamische Tarife sind wichtige Ansätze, um Stromüberschüsse effizient zu nutzen und das Netz zu entlasten. Auch regulatorische Anreize sind entscheidend, damit Solarstrom tagsüber genutzt und E-Autos optimal geladen werden können. Der Fokus muss darauf liegen, Innovationen voranzutreiben und damit die Kosten für Netzausbauten zu reduzieren. Bei den Stromnetzen ist es wichtig, nicht einfach mehr, sondern vor allem optimiert bzw. intelligent zu bauen. Aber auch die «Erneuerbaren» müssen sich bewegen: Von einer 100 %-Einspeisementalität hin zu Anreizen für system- und netzdienliches Verhalten. Es kann sinnvoll sein, Solaranlagen punktuell beispielsweise bei Mittagsspitzen auf 70 % zu drosseln. Der Betreiber der Solaranlage verliert dabei nur rund 3 % Ertrag, während geschätzt 30 % der Netzausbaukosten eingespart werden können. Dynamische Tarife sind ebenfalls sinnvoll, da sie den Stromverbrauch anregen, wenn viel produziert wird und die Tarife niedrig sind. Wenn der Strom knapp wird und die Preise steigen, wird dagegen weniger verbraucht und das Einspeisen wird finanziell attraktiver.
radical: Jetzt denken wir das noch eine Stufe grösser: Neubau-Quartiere – wie können die in Zukunft aussehen?
Heynen: Das ist nicht nur ein Gedankenexperiment, sondern ab diesem Jahr mit den vZEV und ab 2026 konkrete Realität, mit der LEG (Lokale Energie Gemeinschaft) wird die Energieversorgung dezentral und nachhaltig gestaltet. Alle Gebäude sind mit Solaranlagen ausgestattet, ebenso Parkplätze sowie weitere geeignete Infrastrukturen. Eine umfassende Ladeinfrastruktur für Elektroautos sorgt nicht nur für Mobilität, sondern dient dank bidirektionalem Laden auch als dezentraler und flexibler Stromspeicher. Die gesamte Energieversorgung wird mit intelligenter Vernetzung automatisch und effizient gesteuert. Solarstrom, der nicht unmittelbar im eigenen Haus verbraucht wird, kann direkt im Quartier verkauft und verbraucht werden. So entsteht eine demokratisierte und dezentralisierte Stromversorgung, bei der der Handel direkt von der Produktionsquelle zum Endverbraucher erfolgt – ohne die Notwendigkeit eines externen Energieversorgungsunternehmens. Durch diese fortschrittlichen Ansätze werden Anreize geschaffen, das Stromsystem zu entlasten. Produktion und Verbrauch werden harmonisiert, beispielsweise indem bei hohem Solarstromertrag Elektroautos oder Warmwasserspeicher automatisch geladen werden. Neubau-Quartiere könnten somit zu einer Modelllösung für nachhaltige und intelligente Energieversorgung werden.
radical: Und wie steht es um die Industriebauten? Da scheint noch ein gewaltiges Potenzial zu bestehen in Sachen PV.
Heynen: Ja, bei Industriebauten mit grossen Dächern gibt es noch ein riesiges Potenzial. Dies gilt auch für Firmen- bzw. Industrie-Areale mit mehreren Gebäuden. Unternehmen, die auf ihren Dächern in grossem Umfang Solarstrom erzeugen und diesen direkt vor Ort nutzen, können massiv Kosten sparen. Denn ein hoher Eigenverbrauch führt zu wesentlichen Kosteneinsparungen im Betrieb. Weitere beträchtliche Potenziale gibt es auf Infrastrukturen wie Autobahnen, Parkplätzen, Carports und Freiflächen. Diese sind ideal für die Solarstromproduktion. Wird dieses Potenzial genutzt, kann Photovoltaik den grössten Teil des Stroms liefern, den die Schweiz für den Atomausstieg und den Verzicht auf fossile Energien braucht.
radical: Braucht es (mehr) politische Unterstützung – oder wird sich diese «neue Energiewelt» sowieso durchsetzen?
Heynen: Das Stromgesetz bildet bereits eine gute Basis und diese gilt es jetzt weiterzuentwickeln. Ein zentrales Element wäre das Recht auf Laden, also die Möglichkeit, Elektrofahrzeuge unkompliziert und flächendeckend aufzuladen – zum Beispiel als Mieter in einem Mehrfamilienhaus. Ebenso wichtig ist die Öffnung des Strommarkts, damit ein dynamischeres und wettbewerbsfähigeres System entsteht. Zudem müssen wir die Bürokratie massiv verschlanken. Derzeit ist der administrative Aufwand oft so gross, dass er Innovationen ausbremst. Hier ist ein klarer politischer Wille gefragt, um Hürden abzubauen und die Rahmenbedingungen für den Wandel zu optimieren.
radical: Kritiker der E-Mobilität monieren gern, dass die Herstellung der Akkus für E-Autos nicht besonders umweltfreundlich sei. Wie sieht das bei den Sonnenkollektoren aus? Haben Sie da Zahlen?
Heynen: Photovoltaik-Anlagen haben eine positive Energiebilanz. Bei einer Lebensdauer von mindestens 25 Jahren ist eine PV-Anlage nach rund 15 Monaten Betrieb energetisch amortisiert. Das heisst: Sie produziert insgesamt 15 bis 20 Mal mehr Energie, als für ihre Herstellung benötigt wurde.
radical: Und wie sieht es mit dem Recycling aus?
Heynen: Ein Sammel- und Recyclingsystem auf freiwilliger Basis besteht schon seit über 30 Jahren. Zudem gibt es seit 2022 verbindliche Regelungen hierzu. Die Berner Fachhochschule, SENS eRecycling und Swissolar sowie weitere Partner aus der Solar- und Energiebranche setzen gemeinsam auf RE-USE: Noch leistungsfähige Photovoltaik-Module werden als Secondhand-Module wieder auf den Markt gebracht. Als Projektpartner sorgt Helion dafür, dass Photovoltaik noch nachhaltiger und effizienter wird:
radical: Die Entwicklung verläuft rasant, gerade die chinesischen Hersteller können es immer besser – und billiger. Wie will man da in der kleinen Schweiz mithalten?
Heynen: Unsere Kundschaft hat immer die Wahl, neben den chinesischen Produkten auch europäische Produkte zu wählen. Einige Rohstoffe kommen zwar meist auch aus China, die Modul-Herstellung findet aber hier statt. Bei Helion ist es möglich, die komplette Anlage mit Produkten aus Europa zu erhalten – vom Solarmodul über den Wechselrichter, den Speicher, die Wärmepumpe bis hin zur Wallbox.
Wir liefern dann hier noch Zahlen und Fakten. Und falls Sie an (bi-direktionalen) E-Autos interessiert sind: zero.


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