Die Schwäche der Hersteller
Kürzlich wurde auf Bring A Trailer eine Corvette C3 L88 aus dem Jahr 1969 angeboten. L88, die radical-Leserschaft weiss das, ist so etwas wie der heilige Gral bei den Vetten, 7-Liter-Maschine mit Alu-Zylinderköpfen, scharfer Nockenwelle, 12,0:1-Verdichtung, Vierfach-Holley-Vergaser, offiziell 430 PS, in Wirklichkeit deutlich mehr. 216 Exemplare wurden zwischen 1967 (noch als C2) und 1969 verkauft, sie kosten längst deutlich siebenstellig, der Rekord liegt bei 3,85 Millionen Dollar.

Die Erwartungen waren also hoch auf BAT, schönes Fahrzeug. Doch schon bald kamen in den Kommentaren (die zu lesen sich nicht nur auf radical, sondern auch bei Bring A Trailer unbedingt lohnt) erste Gerüchte auf, von einem «Clone» war zu lesen. Der Anbieter verteidigte sich, konnte gute Argumente aufführen, «Bloomington Gold» etwa (die älteste Corvette-Show in den USA, die dortigen Juroren gelten als sehr kompetent, Gold gilt als Ritterschlag), dass das Fahrzeug aus der Sammlung des legendären Otis Chandler stammte. Doch die Zweifel wurden immer lauter – und dann grätschte ein wahrer Kenner von hinten rein, beschrieb die wahre Geschichte des Fahrzeug ganz kurz und furztrocken. Es gab noch ein kurzes Zucken des Verkäufers, BAT setzte sich mit der «Autorität» in Verbindung – und kurz darauf wurde das Fahrzeug von der Auktion zurückgezogen.

Es passiert dies auf Bring A Trailer öfter. BAT ist den USA riesig und sehr erfolgreich, das hat aber auch zur Folge, dass sich dort sehr viel Wissen sammelt – und wenn halt ein L88 kein L88 ist oder ein angeblicher 911 Carrera RS 2.7 mehr so ein 911 E oder ein 300 SL aus der «Behandlung» bei Kienle stammt, dann dauert es nicht lange, bis die entscheidenden Fragen gestellt werden. Und dann meist auch die richtigen Antworten darauf folgen. Dass Bring A Trailer die Kommentare zwar moderiert, aber doch sehr offen hält, darf als vorbildlich bezeichnet werden – und macht diese Verkaufsplattform auch so beliebt. Denn am Schwarmwissen kommt heute niemand mehr vorbei. Es wäre dies für andere Auktionshäuser auch eine gute Möglichkeit für mehr Transparenz.



Bei dieser Diskussion um besagten «Clone» kochte ein weiteres Thema wieder hoch: die Rolle der Hersteller in diesem Spiel. Selbstverständlich verfügt Chevrolet über alle Informationen zu allen je gebauten L88, vor allem über die «build sheets». Doch die sind nicht zugänglich, sie müssen von engagierten Privatpersonen oder Clubs in mühsamer Dedektivarbeit einzeln zusammengetragen und ausgewertet werden. Nun interessiert das bei einem 87er Malibu (oder einem müden 911 E oder einem 190 SL) eigentlich niemanden, doch bei den 216 L88 (oder einem Carrera RS 2.7 oder einem 300 SL) besteht da schon ein gewisses öffentliches Interesse, da geht es auch um viel Geld. Es ist nicht bloss schade, sondern absolut unverständlich, warum sich die Hersteller da nicht mehr, professioneller engagieren.

Mehr spannende Stories zu «echten» Klassikern haben wir im Archiv.


Nach dem Motto Information ist Macht, gibt es leider Hersteller, die der Meinung sind, dass man diese Information nicht öffentlich teilt. Getarnt wird das mit dem Argument: „Wenn wir die Informationen öffentlich preisgeben, wird es leicht ein Fake-Auto zu bauen. Wir unterstützen keine kriminellen Absichten.“ Der Punkt ist jedoch, dass die kriminellen Personen in der Regel schon einen besseren Wissensstand haben und somit dem ehrlichen Kunden voraus sind. Dem ehrlichen Kunden bleibt nur, sich an den Hersteller zu wenden. Der jedoch gibt nur Informationen heraus, wenn der Kunde sich ausweisen kann, dass er dieses Fahrzeug bereits besitzt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
Sehr interessanter Artikel.
Auch bei der „echten“ Cobra CSX 3300 von der Versteigerung an der Swiss Classic World in Luzern LOT 47 fanden diverse Diskussionen über die Echtheit statt, wurden aber bis jetzt nicht konkret beantwortet.
Wäre vielleicht auch eine Diskussion wert, gerade bei Shelby Cobra’s wo alle Daten bis zur Erstlieferung hinterlegt sind.
Vielen Dank für die tollen Beiträge und herzliche Grüsse
Walter Kreuchi
Die «Diskussion» um CSX3300 habe ich auch mitgekriegt. Aber da liegt das Problem wohl etwas anders, da haben zwei Fahrzeuge die gleiche Chassis-Nummer. Es ist ja nun aber nicht so, dass man dann wie der Ochs am Berg steht, es gibt längst Möglichkeiten, die «Echtheit» eines Fahrzeugs sehr genau zu bestimmen, magnetooptische Resonanzuntersuchung, Röntgen, Ultraschall, Spektralanalyse von Stählen, etc.. Klar, das ist alles mit (zeitlichem, pekuniärem) Aufwand verbunden, aber wenn es um einen guten Batzen Geld geht, dann sollte man sich das leisten (können/wollen).