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Test Alfa Romeo Giulia Diesel

Auf Augenhöhe

Endlich, endlich hatten wir auch eine Giulia von Alfa Romeo mit Diesel, Automat und Allradantrieb im Test. Also die Kombination, welche die Schweizer so sehr lieben, Diesel rund 40 Prozent, 4×4 bald 50 Prozent; wäre die Italienerin nun noch als Kombi erhältlich… . Unser Testwagen, selbstverständlich in diesem schönen, dunklen Rot, war auch noch mit den fetten Quadrifoglio-Felgen aufgerüstet, und das sieht dann halt schon gut aus, unter den klassischen Limousinen darf man den Alfa sicher zu den optisch spannendsten zählen. Das merkt man auch auf der Strasse, noch manch ein 3er-Pilot schaut interessiert, und jeder Vertreter würde seinen Octavia sofort hergeben. So richtig viele Giulia sieht man ja noch nicht, aber jede einzelne bereichert unser Strassenbild – da hat es Alfa endlich wieder einmal geschafft, ein schönes Lied auf der Klaviatur der Emotionen zu komponieren. Es wird allerdings noch etwas dauern, bis sich die Kunden überzeugen lassen werden, ganz viele potenzielle Käufer dürften noch zuwarten, bis erste Erfahrungsberichte bezeugen, dass die Italienerin auch qualitativ keine Zicken macht.

Was wir hier beitragen können: in drei Wochen rund 4000 Kilometer ohne die geringsten Probleme. Keine aussergewöhnlichen Geräusche, keine Fehlfunktionen, keine Lämpchen, die nicht leuchten sollten, sprich: alles bestens. Auch die Verarbeitung darf lobend erwähnt sein, wobei: so ganz auf dem Niveau deutscher Premium-Produkte ist das schon nicht, da fehlt die letzte Konsequenz, die ultragenaue Passform (die halt schon im Design-Prozess angedacht werden muss), ein Glanz da, eine Verzierung hier; das Geräusch beim Einklicken der Schalter oder beim Schliessen der Türen tönt nicht so ganz nach der Ewigkeit, die uns ABM suggerieren können. Doch: es ist schon erstaunlich, wie es Alfa so quasi aus dem Nichts auf ein wirklich hohes Niveau gebracht hat, vor Jaguaren oder luxuriösen Asiaten braucht man sich nicht zu verstecken.

Auch das Bediensystem, das zumeist über einen zentralen Drehknopf und dann über einen grossen Screen läuft, ist leicht verständlich und gut auf den Benutzer ausgerichtet. Nicht unbedingt verstehen muss man, weshalb die Fläche des Bildschirms so klein sein muss, da hätte es bei der Gestaltung des Cockpits sicher auch andere Möglichkeiten gegeben. An den Sitzen gibt es nichts zu kritisieren, auch auf langen Strecken nicht, guter Komfort bei gutem Seitenhalt, viele Verstellmöglichkeiten. Die hinteren Passagiere haben im 4,64 Meter langen Alfa (Radstand 2,82 Meter) etwas mehr Kniefreiheit als in einem 3er, A4er oder C-Klässler, auch der Kofferraum ist mit seinen 480 Litern Volumen ist über dem Klassendurchschnitt. Insgesamt darf man erfreut feststellen, dass die Giulia auch in Sachen Innenraum und Alltagstauglichkeit nicht alleine mit Emotionen glänzen muss, dass die Italiener ihre Hausaufgaben mit grosser Seriosität erledigt haben.

So ein Diesel ist ja nun auch nicht unbedingt das, was die ganz grossen Gefühle erweckt (derzeit zwar schon, aber in einer ganz anderen Hinsicht…). Der 2,2-Liter mit 210 PS und einem maximalen Drehmoment von 470 Nm schon ab 1750/min gefällt mit grosser Laufruhe, einer erfreulichen Drehfreudigkeit und souveräner Durchzugskraft. Gekoppelt ist der Selbstzünder an die bekannte 8-Gang-Automatik, die auch von anderen Herstellern verwendet wird; die Schaltvorgänge sind prinzipiell sehr sauber. Manchmal allerdings, etwa am Berg oder bei Rollstops, da weiss das Ding nicht so recht, welcher Gang denn nun passen könnte, entscheidet sich dann meist für mehr Drehzahl – und lässt den Wagen damit manchmal etwas nervös wirken. An diesen Feinheiten darf Alfa durchaus noch ein wenig arbeiten, aber das sind ja nur Up-Dates der Software. Sound? Irgendwie nicht der Rede wert, ist halt ein Selbstzünder.

Geht es allein um den Votrieb, dann ist die Italienerin aber absolut auf der Höhe (0 auf 100 km/h in 6,8 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 235 km/h), dies auch deshalb, weil der Alfa mit seinem Gewicht von 1,6 Tonnen im Vergleich zu manchen Konkurrenten ein Leichtgewicht ist – und weil der Allradantrieb die Kraft problemlos auf die Strasse bringt. Auch bei flotter Kurvenfahrt verbleibt der Alfa stoisch in seiner Spur, man muss es schon massiv übertreiben, um ihn aus der Ruhe zu bringen. Da ist halt wieder: die Lenkung, unserer bescheidenen Ansicht nach das Beste, was es derzeit gibt auf dem Markt, von samtener Präzision. Und trotz sportlicher Qualitäten: Der Komfort ist deutlich höher als bei den teilweise schlicht zu hart abgestimmten deutschen Konkurrenten. Im Alltag wird man solches schnell zu schätzen lernen, man mag ja nicht immer mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs sein. Selbstverständlich gibt es auch in der Giulia unterschiedliche Fahrmodi, man kann es einfach prinzipiell auf «Dynamic» setzen (muss man aber nach jedem Neustart wieder machen), das ist absolut ok – «Normal» ist etwas gar normal für einen Alfa Romeo. Doch auch auf «A» (wohl für: Anfänger?) liesse sich der vom Werk angegebene Verbrauch von nur gerade 4,7 Litern wohl nicht erreichen – wir waren bei mehr als 7 Litern, empfinden dies aber in Anbetracht der Fahrleistungen und der Fahrfreude, die der Alfa ermöglicht, als nicht zu viel.

So ein Veloce-Diesel von der Giulia kostet ab 55’150 Franken. Ein 3er-Diesel mit Allrad und Automat und 190 PS ist ab 54’330 Franken zu haben, doch da ist halt die Aufpreisliste, schreiben wir mal: deutlich länger; der Alfa ist als Veloce schon sehr gut ausgestattet, da bleiben unter dem Strich schon ein paar Tausender übrig. Allerdings darf man sich schon fragen, wie es mit dem Wiederverkauf steht, da machten die Alfa Romeo in der Vergangenheit nicht immer eine gute Figur, das muss sich beim neuen Modell dann noch weisen. Wie auch immer: Mit der Giulia ist den Italienern die Rückkehr ganz sicher geglückt, es ist zu hoffen, dass sich das auch bei den Verkaufszahlen niederschlagen wird. Schwächen hat der Alfa keine offensichtlichen, ein schönes Mass an Emotionen sowie die in diesem Segment unabdingbaren Qualitäten kann er auf jeden Fall bieten. Eine Überlegung wert darf die Giulia unbedingt auch bei Nicht-Alfisti sein – ob es dann unbedingt der Diesel sein muss, darauf würden wir uns jetzt nicht festlegen…

Mehr Alfa Romeo haben wir in unserem Archiv. Zum Beispiel auch: Tipo 33/2 Daytona. Mit Video.

4s Kommentare

  1. marg marg

    Schön!

    Ich warte immer noch auf den hand–geschaltenen Benziner mit Hinterrad.
    ( Keine 8-gang-dings, Und HINTERRADANTRIEB = leichter)… warum?
    Beim Händler steht der ordinäre Diesel mit dem 6-gang aber wenn man
    den 2.0 Benziner (200ps) da mit will.. nada..nix..gibts net.
    Was ist daran so schwer?
    Wird noch..wetten? 🙂

  2. Walter Walter

    Danke für die Revue!

    Hatte die Version die Standardsitze der Veloce Version und sind bei der Standardsitzversion auch Lendenwirbelstützen dabei?

    Walter.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      walter, da muss ich jetzt passen. mir passten die Dinger gut, deshalb hab ich nicht alles ausprobiert. jetzt grad haben wir den QV mit den Sportsitzen, da werde ich dann genauer schauen, versprochen.

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