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Retro Classics 2020

Coronavirus? Kennet mir et.

GIMS ist also nicht (wir waren trotzdem kurz vor Ort). Aber wen interessiert eigentlich das ganze Elektrisierte, Pluginisierte, Autonomisierte noch? Darum statt Genf einfach mal Stuttgart und Retro Classics 2020. Nicht wegen neuer Benzen oder Boxern, sondern wegen der Retro Classics.

Eine Messe rund um Oldtimer und Youngtimer auf 140.000 Quadratmetern direkt zwischen Flughafen und Autobahn. Die vier Messetage bilden so etwas wie den Saisonauftakt für die historische Fahrkultur in Deutschland. Also kein Coronavirus im Schwabenland? Oh doch, aber keine Absage. Und trotzdem grassiert die Unsicherheit, denn hinter vorgehaltener Hand wurde schon am Samstagabend von Mitarbeitern der Landesmesse Stuttgart geflüstert: 30% Besucherrückgang. Trotzdem haben wir uns getraut und sind ganz ohne Mundschutz und Sterillium losgezogen, um uns ein Bild von der Szene 2020 zu machen.

Die Gulf-Sammlung ist ein echtes Highlight – immer wieder

Und was passiert? Wir wurden nach dem Eintrittskartencheck sofort geplättet, denn die Luft schwirrte plötzlich herrlich hellblau orange. Ein Unternehmer und Rennfahrer namens Roald Goethe präsentiert mal eben 21 seiner 38 Rennfahrzeuge in Gulf Lackierung. Nein, keine Replikas, alles Originale. Egal, ob Ford GT40, McLaren F1 LM, Audi R8, Aston Martin, Porsche 908 oder 917, sowie das erste Fahrzeug in Gulf Farben überhaupt, den Mirage M1 Gulf Ford GT40 von 1967. Diese Ansammlung von motorsportlichem Kulturgut allererster Güte hat den Messebesuch tatsächlich schon nach 5 Minuten bezahlt gemacht.

Natürlich könnten wir auf diesem Niveau weitermachen und uns in überrestaurierte 11er und Flügel verlieren. Kennt man aber alles, wird auf Messen sowieso stets völlig überteuert angeboten und zeigte in der (Vorzeige)Halle 1 nur eins: Eingebrochen ist der Markt noch lange nicht, nur eine leichte preisliche Delle ist spürbar, speziell beim Angebot für Zuffenhausener Altmetall. Doch Irrsinn ist das grösstenteils immer noch.

Also lieber abtauchen in die Hallen mit den Markenclubs, sowie den kleinen privaten und gewerblichen Fahrzeugverkaufsbörsen, denn hier fand das wachsame Auge deutlich mehr verstecktes Gold, als in den Jahre zuvor.

Retro Classics 2020: Wasabischarfe Japaner – ein Fest für die Augen

Einen besonderen Augenschmauss lieferte dabei eine Stuttgarter Truppe, die mit dem Ziel angetreten war: «Mehr Japaner für die Retro Classics». Wir sagen: das hat hervorragend geklappt. Und zwar so gut, dass wir sogar vergessen haben, Bilder zu machen. Darum die Frage in die Runde: Na, wer erinnert sich speziell an folgende Mitsubishi Raritäten ganz ohne Google Bildersuche, wie z.B. ein Galant GTi Dynamic 4 aus den späten 80ern, ein L300 der ersten Serie, die Mittelklasse Limousine Sapporo oder das uneingeschränkte Highlight, ein Lancer A170 Turbo. Also dieses eckige Ding mit Starrachse, Hinterradantrieb, Zweiliter Turbo und 170 PS – und das 1980!

Und da wir gerade bei Zwangsbeatmung sind, Alfa Romeo hat bereits ein Jahr früher einen Turbo auf den Markt gebracht. Den GTV Turbodelta. Ein reines Gruppe 4 Homoligationsfahrzeug, darum gab es auch nur 400 Stück – und eins davon stand tatsächlich hinter einer Säule versteckt auch in Stuttgart. Natürlich unverkäuflich und eine echte Seltenheit.

Zu kaufen gab es dafür aber an einen anderen Ecke gleich mehrere Turbos italienischer Herkunft. Alles Lancias, alles HFs oder Integrales und alles zu Preisen, dass einem der Mund offen stehen blieb. Zwei Martini 5 Sondermodelle zu 115.000 und 159.000 Euro und ein Verde York als weiterer Wermutstropfen preislich dazwischen.

Lancia Delta über 100.000 EUR und ähnlich teure MINI

Wahrscheinlich ähnlich viel Geld hat ein Liebhaber in den hier gezeigten Mini gesteckt. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, ist ein kleines Meisterwerk, denn dieser Mini Traveller wurde tatsächlich von Neville Trickett, Mr. Minisprint himself, gecutted, gechopped & de-seamed. Sprich, in der Karosse und in A-, B-, C-Säule gekürzt. Der Aufbau dauert jetzt schon rund 10 Jahre und das Ziel ist klar, einmal beim Goodwood Revival starten.

Und wenn wir schon bei kleinen sportlichen Autos sind, wenden wir uns unseren beiden persönlichen Highlights der Messe zu. Beide waren leicht in der sogenannten „Italien Halle“ zu übersehen zwischen all den Bertone Coupés, Spidern, 308ern und reimportierten 2,0l „Italo M3“ E30. Dabei hätten die zwei Fiats durchaus etwas stärker ausgeleuchtet sein dürfen, denn wir finden diese beiden Sonderaufbauten des 850ers einfach nur betörend. Die Besonderheit: Der rote Bertone Racer Berlinetta mit seinem sexy schwarzen Vinyl Dach ist einer von nur rund 4.400 produzierten Coupés und glänzte in sehr gutem Zustand. 1968 konnte man den Zweisitzer für CHF 10.950 erwerben. Das waren stramme CHF 2.000 mehr, als die offene Basis. Da klingt der Messepreis von 22.500 € gar nicht so unmoralisch.

Getoppt wird das nur noch vom Moretti 850 SS Sportiva. Wen die Linienführung an Fiat Dino Spider und Dino 246 GT erinnert, der liegt nicht falsch, denn scheinbar waren auch Giovanni Moretti und sein Schweizer Designer Dany Brawand von der 1965 präsentierten Studie des Ferrari Dino 206 Berlinetta Speciale Pininfarina so angetan, dass er den 850 SS Sportiva sogar noch vor dem Fiat Dino Spider 1966 präsentierte. In Stuttgart stand ein frühes Modell in blausilber und glänzte in makellosem Zustand. Kein Wunder, dass auch kein Preisschild dranhing, denn der kleine Italiener war nicht nur 1969 mit CHF 11.950 schon teurer als sein Bertone Bruder, sondern lag damit auch in Preisregionen eines Fiat 124 Coupés. Heute gehen wir davon aus, dass der Moretti stark Richtung 40.000 Schweizer Franken strebt.

Unsere Helden: Die des Alltags

Es heißt also auch 2020 Augen auf, denn zwischen den ganzen bekannten Old- und Youngtimer Ikonen finden sich immer noch die versteckten Perlen und erschwingliche Klassiker, wie z.B. ein DAF 44 oder ein Peugeot 304 Coupé. Denn es sind gerade diese Helden des Alltags einer vergangenen Zeit, die das Salz in der Suppe des Altblechs ausmachen und hoffentlich vor lauter Mobilitätswandel nicht bald schon vollends weggerostet sind.

Wir bedanken uns bei Axel Griesinger für diese schönen Worte – mehr Klassiker haben wir in unserem Archiv.

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