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Fahrbericht Bristol 411

Der Gentleman geniesst

Der Engländer ist eigenartig. Es soll hier nicht der Brexit angesprochen sein (der ist nicht eigenartig, sondern eine Katastrophe), es geht um Dinge wie das warme Wasser, das sich auf keinen Fall mit dem kalten Wasser durchmischen soll. Oder Fenster, die auf keinen Fall dicht sein sollen oder gar gegen Regen schützen, denn Regen ist ganz normal auf den Inseln, aber hinter dichten Fenstern könnte man ja allenfalls ersticken; warum auf den Inseln prozentual mit Abstand am meisten Cabrios verkauft werden, obwohl man auf den Inseln mit dem gleichen Abstand das besch… Wetter überhaupt hat, ist auch eines dieser Rätsel. Und dann haben wir da auch noch Bristol: wir wollen hier die Zählweise dieser Marke als frivol bezeichen. Bis zum 404 (und den davon abgeleiteten 405) haben wir das schon mal erklärt, hier, 1957 kam dann, obwohl noch gar nicht fertig, der 406 mit einem erneuerten, 105 PS starken 2,2-Liter-Reihensechszylinder auf den Markt. Den gab es eigentlich doppelt, zuerst mit einer Karosserie von Beutler (siehe auch: der erste Porsche) aus der Schweiz, dann auch noch mit einem optischen Eigengewächs, das bis 1961 angeboten wurde. Dann wurde mit dem 407 alles anders, dieser erhielt einen 5,1-Liter-V8 von Chrysler, hatte mehr als doppelt so viele PS wie der 406 – und kostete auch so richtig, richtig viel Geld. Schon 1963 gab es den 408, der sehr, sehr gleich war wie der 407. Schon 1965 gab es den 409, der wiederum sehr, sehr gleich war wie der 408. Und schon 1968 gab es den 410, der dem 409 sehr ähnlich war. Dann kam bereits 1969 der 411, der wurde bis 1976 in fünf verschiedenen Serien gebaut, die sich teilweise deutlich mehr voneinander unterschieden als der 406 vom 410, aber trotzdem alle die gleiche Bezeichnung hatten. Engländer.

Aber gehen wir doch der Reihe nach (es kommt dann zu den einzelnen Fahrzeugen sicher noch mehr – wenn wir mal eins in die Finger kriegen), beginnen wir mit dem 406:

Da gab es dann aber auch noch den 406 Zagato (das ist eine Geschichte, die wir sowieso noch erzählen müssen):

Es kam der 407:

Auch davon gab es eine Zagato-Variante, genau: eine.

Und schon sind wir beim 408:

Es folgt der 409:

Und schliesslich der 410:

Man muss dann genau hinschauen, um den im Frühling 1969 vorgestellten 411 vom 410 optisch unterscheiden zu können. Am Heck gab es keine angedeuteten Flügelchen mehr, der Kühlergrill wurde wieder einmal geändert, das Lenkrad hatte drei statt zwei Speichen. Die grösste Veränderungen fand unter der Haube statt, und dies buchstäblich, denn mit dem 6,3-Liter-Chrysler-Motor zog eine wahre Macht ein. 335 PS (allerdings nur SAE…) machten den Bristol über 230 km/h schnell, er soll in knapp über 7 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt haben. Der 6997 Pfund teure Bristol 411 Mk. 1 wollte der schnellste Tourenwagen jener Jahre sein, aber diesen Anspruch erhoben auch andere Hersteller.

Es ging dann auch hier wieder Schlag auf Schlag: Im Herbst 1970 erschien der Mk. 2 mit neuen Türschlössern und vor allem einer automatischen Niveauregulierung. Im Juli 1973 folgte der Mk. 3, der nun aber tatsächlich aussah wie ein neues Modell, vorne gab es vier Scheinwerfer und einen neuen Grill, der schnell die Bezeichnung «Toaster» erhielt; hinten gab es rechteckige Leuchten sowie zwei riesige, weit abstehende Auspuffrohre. Beim 6,3-Liter-V8 wurde die Verdichtung von 10,1:1 auf 9,5:1 gesenkt, was sich positiv auf den Verbrauch und negativ auf die Fahrleistungen auswirkte. Schon im Herbst 1973 kam der Mk. 4 auf den Markt, der mit einem 6,6-Liter-Chrysler-Motor ausgestattet war, der noch auf 264 PS (aber diesmal: echte) und die Fahrleistungen des Mk. 4 wieder auf jene des Mk. 2 brachte. Der Mk. 5 schliesslich folgte im Sommer 1975, zu erkennen ist er am schwarzen Toaster-Grill; im Herbst 1976 wurde der Bristol 411 nach wahrscheinlich 287 gebauten Exemplaren vom 603 abgelöst. Ach ja, es gab noch die 411 Mk. 6, das waren dann ab 2008 auf Basis von gebrauchten 411ern aufgebaute Restaurationen, bei denen das Werk den Fahrzeugen viele Neuteile einpflanzte, auch einen 5,9-Liter-V8, der auf bis zu 400 PS kam.

Unser Proband ist ein Mk. 3, also eigentlich das am wenigsten begehrenswerte Modell mit der eingebremsten Motorisierungen und dem ersten Toaster-Grill. Nun ist aber definitiv so, dass jeder Bristol einfach nur wunderbar ist – unter den Engländern ein wahrhafter Brite. Sehr speziell in jeder Beziehung, optisch, technisch – und überhaupt. Der 411 ist ein mächtiges Automobil, 4,90 Meter lang, 1,72 Meter breit, 1,46 Meter hoch – der Radstand von 2,90 Metern sorgt für grosszügige Platzverhältnisse innen (und für einen hervorragenden Geradeauslauf). Wobei, hinten sitzt man nicht fürstlich, der Bristol ist ein klassischer Gran Turismo, der auf zwei Personen und lange Reisen ausgerichtet ist. Leider hat in den 70er Jahren bereits der Plastik Einzug gehalten in den Innenräumen, der Armaturenträger des 411 ist nicht mehr aus einem Holzstamm geschnitzt wie bei früheren Modellen, doch es ist alles horizontal angeordnet, man behält problemlos den Überblick; das Lenkrad ist gross und steht sehr steil. Und die Sitze, nun, es gab ja Zeiten, als man noch nicht so grossen Wert auf Seitenhalt legte; dafür könnte man sich diese Fauteuils auch in die gute Stube stellen.

Er brummelt schon mächtig, der Chrysler-V8, wenn man ihn anwirft. Und er braucht ein bisschen Zeit, bis er in den V8-typischen, weichen Lauf verfällt. Es geht auch ein mächtiger Ruck durch den Wagen, wenn man den Dreigang-Automaten von P zu D zwingt. Doch der Bristol entwickelt dann auch gleich aus dem Stand mächtig Vorwärtsdrang; es stehen ja auch massive 580 Nm maximales Drehmoment zur Verfügung. Natürlich taugen ein Kastenrahmen mit hinterer Starrachse und ein Leergewicht von über 1,7 Tonnen trotz viel Kraft nicht zum Sportwagen, das Fahrwerk ist sowieso viel mehr in Richtung Langstreckenkomfort als Kurvengier ausgelegt, die Kugelkreislauflenkung (mit Servo) tut ihr Übriges dazu, dass man es eher ruhig angehen lässt. Wobei, auf der Landstrasse ist man dann schon erstaunt, wie flott der Tacho in den dreistelligen Bereich eilt – schön untermalt von einer satten, aber so gar nicht aufdringlichen Klangkulisse. Der Bristol will aber selber schön früh in den dritten Gang schalten, verharrt auch am Berg lange in diesem – zu einer flotten Gangart muss man ihn quasi überreden. Und doch (oder gerade deshalb): man fühlt sich erhaben. Auf der Strasse wird die englische Limousine kaum erkannt – nur wenige wissen, dass so ein Bristol 411 Mk. 3 in der Schweiz satte 63’000 Franken kostete, damals eines der teuersten Automobile überhaupt war. Und auch wenn sie heute selten sind: die Preise erscheinen sehr vernünftig. Unter den Hybriden erscheinen die Bristol sowieso als eine der gelungensten, stillvollsten Kombinationen zwischen amerikanischer Grossserien-Technik (die übrigens vom kanadischen Chrysler-Ableger stammte) und englischer Eigenartigkeit.

Der Bristol 411 wurde uns von Oldtimer Galerie in Toffen zur Verfügung gestellt. Mehr schöne Klassiker finden Sie immer in unserem Archiv.

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