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Test Maserati GranTurismo Trofeo

Schade, eigentlich

Maserati geht es gar nicht gut. Das ist extrem schade, die Marke hat solch eine wunderbare Geschichte, doch man hat es in Modena in den vergangenen zwei, drei Jahren wieder einmal geschafft, so ziemlich alles falsch zu machen, was man nur falsch machen kann. Dass man früh auf Strom gesetzt hatte, das war ja noch einigermassen verständlich – aber es war wohl zu früh. Und wir wollen jetzt hier auch nicht Spielverderber sein, doch wahrscheinlich wurde die Komplexität des rein elektrischen Antriebs, den Maserati selber entwickelt hatte, doch etwas unterschätzt. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich zum ersten Mal «Folgore» hörte, den Namen des E-Programms, fünf Jahre ist es sicher her, doch gefahren bin ich so einen rein elektrischen Maserati noch nie (das heisst nicht, dass es sie nicht gibt – aber werden sie auch verkauft?). Und dann ist da halt die Frage: Hat der Markt auf rein elektrische Maserati gewartet?

Doch die Probleme gehen halt noch viel tiefer. Maserati hatte es verpasst, den grossartigen MC20 irgendwie vernünftig anzupreisen; jetzt wurde sogar noch der Name in MCPura geändert, das muss man nun wirklich nicht verstehen (und die bisherigen MC20-Käuferinnen verstehen es ganz sicher nicht). Auf der Webseite sind weiterhin Levante, Ghibli und Quattroporte zu finden, Modelle, die es offiziell gar nicht mehr gibt, die Einführung des neuen GranTurismo und GranCabrio hat man dagegen irgendwie verschlafen – was aber auch daran liegen könnte, dass sie ihren Vorgängern etwas gar ähnlich sehen. Am meisten (publizistischen) Lärm machte in jüngerer Vergangenheit der Wegfall des grandiosen V8, der Maserati in den verschiedensten Formen über die letzten Jahrzehnte geprägt hatte. Das ist alles irgendwie tragisch, aber der grösste Teil der Probleme erscheint hausgemacht. Und jetzt wird auch allerorten noch fleissig darüber diskutiert, dass der Stellantis-Konzern die glorreiche Marke vielleicht gar loswerden möchte. Wobei man sich dann auch gleich wieder die Frage stellen kann, wer Maserati im aktuellen Zustand denn haben möchte.

Wir machen uns da lieber ein eigenes Bild. Und fuhren deshalb für die Recherchen zu radical #3 mit einem Maserati GranTurismo Trofeo in und ausführlich durch die Emilia Romagna, seine Heimat. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Maserati ist ein ganz grossartiger Reisewagen. Und er steht doch einigermassen konkurrenzlos, so ein Panamera ist zu gross, die Roma/Amalfi zu klein, die Giulia QV mag ähnliche Fahrleistungen bieten, doch diese bewegt sich halt auf einem ganz anderen Niveau (und geht bald von uns, leider); Jaguar existiert nicht mehr, Bentley ist halt nach dem Wegfall des Zwölfzylinders ziemlich unsexy geworden. Das könnte man nun beim GranTurismo ohne V8 auch schreiben, und ja, auch wir vermissen das so typische Geböller des italienischen Achtzylinders, andererseits: Nettuno!

Das ist halt noch so eine verpasste Chance bei Maserati: Da konstruiert man in Modena einen der feinsten Motoren der letzten zehn Jahre – und kaum einer kriegt es mit. An radical liegt es nicht, wir haben diese Maschine sehr ausführlich gefeiert, im MC20, mehr im Detail: hier. Und die etwas weniger sportliche Auslegung im GranTurismo, nur 550 PS anstatt derer 630, sie passt hervorragend zum Charakter des Tourenwagens. Ganz friedlich geht der 3-Liter-Sechszylinder die Sache an, will man nicht rasen, sondern gepflegt reisen, dann schnurrt die Maschine zufrieden, kaum vernehmbar vor sich hin. Die Schaltvorgänge der 8-Gang-Automatik sind nicht spürbar, der lange Radstand sorgt für feinsten Geradeauslauf, das Fahrwerk ist angenehm komfortabel abgestimmt. Es herrscht eine zufriedene Ruhe im edelst ausgestatteten Innenraum des Maserati, auch bei 200 km/h. Wobei man das ja weder in der Schweiz noch in Italien machen sollte – die jeweiligen Autobahn-Tempi bewältigt der Trofeo mit knapp mehr als Leerlaufdrehzahl. Und das merkt man dann auch an der Tankstelle: Auf der ruhigen Fahrt nach Modena begnügte sich der Maserati mit knapp 8 Litern/100 km.

Doch es wohnt da eben noch eine zweite Seele in seiner Brust: So ab etwa 4000/min wird er lauter, bissiger, ab 5000/min dann böse (und in der Geräuschentwicklung nicht unähnlich seinen Vorgängern). Der Vorwärtsdrang wird heftig, aber der Maserati bringt das dank Allradantieb auch bestens auf die Strasse. So richtig flink ist er in engen Bögen nicht, wie auch, der Italiener misst stolze 4,97 Meter, ist etwas über 1,8 Tonnen schwer, die Physik setzt ihm da Grenzen (aber allen anderen Automobilen auch). Trotzdem hatten wir auf den engen Gassen in den Hügeln südlich von Parma, Modena und Bologna viel Spass, eine Rennleitung gibt es da nicht, Verkehr auch fast keinen, man kann da den Hammer gut einmal fallen lassen. Und einmal mehr: Die Italiener können das einfach am besten mit der Fahrwerksabstimmung für schlechte Strassen. Und auch die Lenkung ist für einen Allradler sehr präzise. Und wenn man dann etwas flotter unterwegs ist, dann hat auch der Tankwart Freude. Wobei: Über die ganze Reise kamen wir auf einen Schnitt von 12 Litern/100 km, das ist ganz ok.

Einst, als der Grecale auf den Markt kam, da empfanden wir den Touchscreen unter dem Touchscreen, über den die wichtigsten Funktionen gesteuert werden, als eine ganz nette Lösung. Heute wirkt das alles etwas altbacken – und sieht nach fünf Minuten Gebrauch aus wie eine Verbrecherkartei, auf der die Fingerabdrücke der Kleinkriminellen einer Kleinstadt gesammelt werden. Es ist halt unterdessen auch in einem Maserati so ziemlich alles digital, was möglich ist, leider auch die einst so grossartige Uhr. Das ist optisch mehr oder weniger gelungen – und passt doch nicht so recht zum ansonsten konservativ-luxuriösen Innenraum. Das Bediensystem kennt man aus anderen Stellantis-Produkten, das funktioniert, ist einfach zu bedienen – aber vielleicht hätte ein Maserati ja etwas mehr verdient als ein Fiat 500? Aber das Leder ist halt fein, die Verarbeitung sauber, das können die Italiener. Gute Sitze können sie auch, zumindest vorne, hinten möchte man nicht länger verweilen müssen. Aber das ist in diesen 2+2-Coupé allerorten so, die zweite Reihe ist mehr so eine Verlängerung des Kofferraums (der mit seinen 310 Litern für ein Fahrzeug dieser Grösse eher knapp bemessen ist).

Egal, wir hatten unseren Spass, wir finden es auch schön, wie so ein Maserati in Italien weiterhin sehr positiv aufgenommen wird – wir würden uns wünschen, dass es für die Italiener weitergeht, denn der Nettuno ist gerade im GranTurismo eigentlich der passendere, gepflegtere Motor für ein Reisefahrzeug als der doch leicht prollige V8. In die Preisliste schauten wir erst nach der Rückkehr – und sind doch ziemlich erschrocken: 237’300 Franken Basispreis sind dann schon eine Ansage. Eine etwas übertriebene, nämlich. Was dann wiederum eine Erklärung dafür sein dürfte, dass es an der Verkaufsfront nicht so gut läuft. Weil ja auch der Wiederverkaufswert eher schwach ist. Womit sich ein Kreis schliesst. Schade, eigentlich.

Photos: Vesa Eskola. Wir haben auch eine Zusammenfassung unserer vielen Maserati-Geschichten, hier.

4 Kommentare

  1. Rolf Rolf

    Wenn man einen feschen GT möchte und leistungsmäßig nicht übertrieben anspruchsvoll ist, also so runde 450 PS, um die fünf Sekunden auf Hundert und eine Höchstgeschwindigkeit von nur knapp über Dreihundert als ausreichend empfindet, könnte man für einen Bruchteil des Geldes einen Ferrari 456 oder einen Aston DB9, diesen auch mit einer nicht unpassenden Automatik, nehmen.
    OK, es muss einem klar sein, falls man durch Monaco kommt, dass die rüberkommen wie in München ein Golf 4, da muss man stark sein.

    An der beschriebenen guten Straßenlage auf schlechten Wegstrecken, könnte ein gewisser Niki Lauda nicht unschuldig sein. Er übernahm seinerzeit die Fahrwerksabstimmung des 308, im radical Fahrbericht der Plastik-Variante als relativ weich abgestimmt beschrieben und damals mit, für einen Sportwagen, erstaunlicher Seitenneigung in Kurven daherkommend. Lauda war klar, dass die Reifen auf der Straße bleiben müssen, um Leistung zu übertragen und nicht rumhoppeln sollten.

  2. Christian Christian

    Könnte es sein, dass die typische Kundschaft für solche Autos ausgestorben ist oder heute lieber einen SUFF fährt?
    Ich stelle mir da die Herrschaften mittleren Alters vor, die Kinder sind erwachsen, ein bisschen Geld ist auch da und schnelle Reisen von einem Domizil zum Anderen, wenn man nicht gerade Jetsettet, wurden bisher mit so einem Fahrzeug gemacht… Man war auch noch ein Liebhaber der Automobil- und Motorenbaukunst und wusste so ein Fahrzeug zu schätzen.
    Heute sieht das so aus, dass man lieber beim Aussteigen aus dem SUFF „plumpst“ als sich sportlich aus dem Goupe „schält“….Außerdem lässt man sich ja lieber vom Automaten fahren als selbst „hand anzulegen“.
    „Sitzt“ diese Fahrzeuggattung heute „zwischen allen Stühlen“ und wird eigentlich nicht mehr gebraucht?

    • Peter Ruch Peter Ruch

      Wir hatten vor längerem mal die These verfasst, dass die SUFF (wie Sie sie bezeichnen) die neuen Limousinen sind. Der Mensch ist bequem, wenn er sich einfach reinplumpsen lassen kann und dann auch wieder rausgleiten, dann findet er das toll, ganz besonders dann, wenn er schon neue Hüftgelenke hat und zwei Knie aus dem Titan-Ersatzteillager. Ob man zu diesem Club dazugehören will, kann man immer noch selber entscheiden.

    • In der Tat scheint es die Klientel für diese Art Autos nur noch in Spurenelementen zu geben!
      Der Wunsch nach einem stilvollen Auftritt in einem eleganten Wagen tritt in den Hintergrund, wenn Praktikabilität, Abwaschbarkeit,, Bequemlichkeit zu den entscheidenden Kriterien zählen, oftmals beim Auto wie bei der Oberbekleidung und bei der Einrichtung der eigenen vier Wände.

      Ich selber bin mittlerweile über 60, was mich täglich auf‘s Neue erschüttert, habe immer noch die erste Ehefrau, zwei Wohnsitze und weder Kinder noch Hunde.
      Und ich liebe das kultivierte, zügige Reisen im XK8 Coupé, wenn es der Verkehr zuläßt, bewege ich mich im Geschwindigkeitsbereich zwischen 160 und 200 km/h, der Kofferraum ist groß genug für längere Reisen, der Wagen ist schnell, leise, fein und wunderschön, für mich perfekt.
      Bei der letzten Italienreise im Porsche habe ich gemerkt, daß ich älter werde, 900 km bis Bozen im Porsche empfand ich als wirklich anstrengend, die Rückfahrt vom Comer See haben wir in zwei Etappen gemacht, der Porsche ist mir mittlerweile auf wirklich weiten Strecken zu laut, zu eng und zu anstrengend zu fahren, in einem großen, souveränen Coupé ist das völlig anders.
      Und: Durch die flache Karosserieformen bewahrt man sich notgedrungen eine gewisse körperliche Beweglichkeit!
      Außerdem: In einem SUV möchte ich nicht gesehen werden, mein Vater nannte die Fahrzeuge immer „Hausmeisterautos“!

      Aber: Wahrscheinlich ist es vorbei mit dieser Sorte großer Coupés, wie es vorbei ist mit langen Reisen im Wagen quer durch Europa und noch ganz vielen anderen Dingen, die einmal von Bedeutung waren, wir sollten dennoch versuchen, positiv auf das zu schauen, was in Zukunft kommt.
      (Man kann ja trotzdem noch im Gran Tourismo an den Comer See fahren!)

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