Genug ist genug
Man schrieb das Jahr 2007, als Citroën ein Konzept-Fahrzeug mit dem Namen C-Cactus vorstellte. Dieses wurde zwar auch auf der IAA in Frankfurt präsentiert, doch es erhielt viel zu wenig Beachtung, obwohl die Franzosen interessante neue Wege gingen, einen auf das absolut wesentliche reduzierten Innenraum zeigten, ein neues Konzept für die Reduktion der Teile entwickelten, viele Recycling-Materialien verwendeten. Der C-Cactus verfügte über einen Hybridantrieb (mit Diesel), konnte damals schon 30 Kilometer rein elektrisch fahren und kam auf einen Verbrauch von nur 3,4 Litern (78 Gramm CO2/100 km). Nochmals, damit das auch richtig eingeordnet werden kann: Das war 2007, vor 16 Jahren. 2013 kam, wieder auf der IAA in Frankfurt, dann die Fortsetzung, das neue Konzept hiess nur noch Cactus, war noch konsequenter auf eine Gewichtsreduktion und möglichst wenige Bauteile ausgelegt. Aus diesem Concept-Car ging dann 2014 das Serienmodell C4 Cactus hervor – den «radical» ein ganzes Jahr als Dauertester bewegte, auch heute noch für eines der sinnvollsten Fahrzeuge überhaupt hält.
Das Problem war: Citroën stand nicht zum Cactus. Er war ein Problemkind, er verkaufte sich nicht so gut wie erwartet (und die Erwartungen waren nie hoch), gerade die deutsche Presse prügelte auf den schmächtigen Franzosen ein, wo es nur ging. Kein Schminkspiegel, keine Kofferraum-Beleuchtung, da wurden auch wirklich elementare Probleme angesprochen. Und Citroën kniff, sorry, die Arschbacken zusammen, die Neuauflage von 2018 war nur noch ein müder Abklatsch des ursprünglichen Konzepts – und verkaufte sich noch schlechter. 2020 hatte das Leiden ein Ende. Bloss: Suchen Sie mal auf den entsprechenden Seiten nach einem gebrauchten Cactus – und staunen Sie dann über die Preise, die verlangt werden. Manchmal versteht die Kundschaft viel zu spät, was wirklich zählt. Etwa: Unterhaltskosten.
Citroën, man kann es wohl nicht anders schreiben, steht wieder einmal zwischen Stuhl und Bank. Wir wissen es nicht, aber die Marke scheint nicht zu den vielen Lieblingskindern von Stellantis-Boss Carlos Tavarez zu gehören – es gibt für alle Töchter einen schönen Plan mit einem Budget, sogar für verstorbene wie Lancia, aber Citroën hängt so ein bisschen im Niemandsland. Befürchtungen, dass die französische Legende zur Billigmarke (analog zu Dacia bei Renault) werden muss, entbehren sicher nicht gewisser Grundlagen. Noch hangelt sich die einstige Avantgarde der ganzen Autoindustrie so irgendwie durch die Jahre, darf Versuchsträger sein für digitale Konzepte und dicker gepolsterte Sitze und direkteren Kundenkontakt, aber das dürfte das Überleben mittelfristig nicht garantieren. Andererseits: Citroën hat schon so viele Krisen überstanden, da kommt es auf eine mehr wohl auch nicht an.
Aber jetzt kommt ja: Oli. Ganz offensichtlich nur ein Konzept-Fahrzeug – und es erinnert uns ganz stark an die beiden Cactus-Konzepte, zumindest im Geist. Es geht wieder um die Gewichtsreduktion, es geht wieder um die Reduktion der verbauten Teile, es geht wieder um einen tiefen Verbrauch und einen tiefen Preis. Eigentlich geht es um eine automobile Revolution, denn der Oli ist, nicht nur optisch, der Gegenentwurf zu allen Stromern, die aktuell im Angebot sind. Nicht drei Tonnen, sondern: eine. Keine 100-kWh-Batterie für 400 Kilometer Reichweite, nein, 40 kWh reichen aus für diese Reichweite, wenn man den Verbrauch auf 10 kWh/100 Kilometer senken kann. Die Rechnung ist ganz einfach: Weniger Gewicht bedeutet auch weniger Verbrauch. Das gilt erstaunlicherweise nicht bloss bei den Verbrennern, sondern auch bei den E-Autos.
Klar, da ist viel Show beim Oli. Dass er so etwas wie ein SUV sein soll, muss man nicht unbedingt verstehen, hat aber wohl mit der aktuellen Mode zu tun. Die feisten 20-Zöller stehen sicher auch nicht für geringen Reibwiderstand, aber auch da: Trend, muss halt sein. Die senkrecht stehende Windschutzscheibe soll nicht gegen einen guten Luftwiderstand sprechen, da wollen die Franzosen irgendein System von Luftströmungen entwickelt haben, das wir nicht so ganz verstanden haben. Aber wir verstehen, dass eine platte Scheibe weniger kostet als ein konvexkonkaves Glas mit Sonnenschutzfaktor 50. Pappe als Material etwa für das Dach scheint auch zu funktionieren, man kann sich auf jeden Fall draufsetzen. Und ja, Nachhaltigkeit ist halt unbedingt ein Thema, dem nicht nur die Automobil-Hersteller viel mehr Beachtung schenken müssen. Noch ein guter Ansatz: Das Smartphone dient als Infotainment-System. Ein Smartphone hat jeder, es ist schon bezahlt, es generiert keine zusätzliche Kosten.
Ja, wir durften den Oli: fahren. Einmal um den Block. Die ganz grossen Erkenntnisse hat uns das jetzt nicht gebracht, ein E-Auto ist ein E-Auto. Doch: es fährt. Der Oli ist nicht bloss eine Hülse um viel Marketing-Warmluft, sondern lebt frische Ansätze, spannende Ideen, clevere Konzepte. So geht das (so ging das übrigens damals auch beim C-Cactus, der fuhr auch).
Im Gegensatz zum Cactus von 2013 wird es der Oli so trotzdem nicht in die Serie schaffen. Das ist auch nicht wichtig – es geht mehr um das Lebenszeichen von Citroën. Um gute Ideen, die auch tatsächlich durchführbar erscheinen. Um die Haltung, denn drei Tonnen schwere E-SUV sind nun wirklich kein Lösungsansatz für gar kein einziges Problem. Wie viel vom Oli im nächsten neuen Citroën, dem für 2024 erwarteten C3, schon umgesetzt wird, muss sich dann noch weisen. Citroën weiss ja eigentlich, wie das geht, die Franzosen haben ja über 100 Jahre Erfahrung mit dem Bau von aussergewöhnlichen Fahrzeugen. 75 Jahre Citroën 2CV ist ja auch noch.

Viel mehr Citroën haben wir in unserem Archiv.

























An dieser Stelle: eine erste Einschätzung zum neuen C3, der gerade vorgestellt wurde?