Selbstbewusstsein und Spieltrieb
ZhengZhou ist unter den vielen chinesischen Millionen-Städten nicht die charmanteste. Die Sonne sieht man selten, ein Stadtzentrum gibt es nicht, der Moloch wuchert in alle Richtungen. Etwa eine Fahrstunde ausserhalb der 10-Millionen-Stadt entsteht gerade ein weiteres Ungetüm, das dereinst zur grössten Autofabrik der Welt werden soll. Vom Abschluss des Vertrages im April 2022 über die Grundsteinlegung bis zum Rollout des ersten Fahrzeugs dauerte es nur gerade 17 Monate; selbstverständlich wird auch die entsprechende Infrastruktur zugebaut, ein siebenspuriges Eisenbahnnetz, zwei neue Autobahnen, mehrere Wohnsiedlungen mit gewaltigen Wolkenkratzern, ein Visitor Center mit einer 1,8 Kilometer langen Rennstrecke, Off-Road-Parcours und allen Annehmlichkeiten, nach denen die Chinesen unterdessen verlangen. Sogar einen Pool gibt es, in dem das Top-Modell des BYD-Konzerns, der Yangwang U8, baden gehen kann.

Die Fläche des Geländes soll jener der Stadt Basel entsprechen, unter voller Auslastung sollen hier in Zukunft bis zu 1,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr gebaut werden können. Noch ist man weit davon entfernt, es macht den Eindruck, als ob jedes zweite Fahrzeug nach der «OKLine», der Qualitätssicherung, noch zur Nachbesserung muss. Aber BYD hat sich derzeit eh eine Diät auferlegt, die Lager waren übervoll, das hatte selbst für chinesische Verhältnisse zu viel Kapital gebunden; 5,5 Millionen Autos wollten die Chinesen in diesem Jahr produzieren, nach der freiwilligen Selbstbeschränkung sind es noch etwas über 4,6 Millionen geworden. Ziel verfehlt? Nicht unbedingt, die Börse hat die Kurskorrektur sehr wohlwollend aufgenommen, die BYD-Aktie rennt von Rekord zu Rekord – zwar war die Wachstumsrate 2025 erstmals nicht mehr zweistellig (nur plus 7,1 Prozent), dafür nähert sich die Marge diesem Wert. Das neue Werk in ZhengZhou, das wie bei BYD üblich kaum auf Zulieferer angewiesen ist, ist trotzdem eine gewaltige, auch gewagte Wette auf eine glänzende Zukunft.

BYD existiert erst seit 1996. Damals gründete der Chemiker Wang Chuanfu in der Nähe von Shenzhen eine kleine Fabrik für die Fertigung von wiederaufladbaren Batterien. Das Arbeitsmodell war aussergewöhnlich: Der Fertigungsprozess wurde stark fragmentiert, damit auch ungelernte oder sehr junge Arbeiter – nein, keine Kinder – die einzelnen Arbeitsschritte durchführen konnten. Damit konnte Chuanfu, dank der niedrigen Lohnkosten, die Produktionskosten noch unter jene von Industrierobotern drücken. Schnell wuchs BYD zum wahrscheinlich grössten Batterieproduzenten der Welt; heute ist das Unternehmen zudem führend in der Herstellung von Smartphone- und Computerkomponenten. 2003 stieg Chuanfu dann ins Autogeschäft ein, er kaufte dafür die Produktionslizenz der bankrotten Xian Qinhuan Automobile. Doch BYD wollte nie, wie sonst in China üblich, Lizenz-Produkte bauen, man wollte buchstäblich alles selber machen. Man zerlegte dafür ein paar zugekaufte Produkte wirklich bis zur letzten Schraube (und jene wohl auch noch) – und begann einen ewigen Lernprozess. Das führte unter anderem dazu, dass sich BYD nie mit Zulieferern zusammentat, sondern alles selber entwickelte, Motoren, Getriebe, sogar Scheibenwischer. Zugekauft werden heute anscheinend einzig Scheiben und Reifen.

Als Batteriespezialist engagierte sich BYD schon früh in der Elektro-Mobilität – und gehört da gerade bei den Nutzfahrzeugen (inkl. Gabelstapler) zu den grössten Produzenten der Welt, der «ebus» fährt auch in Europa schon seit Jahren (zumeist auf Flughäfen), sogar Sattelzugmaschinen können die Chinesen liefern. Auch bei den Personenwagen mit rein elektrischem Antrieb gehörten die Chinesen definitiv zu den Pionieren, der BYD e6 ist schon seit 2010 in China vor allem als Taxi im Einsatz – und eben, per Ende 2025 sind die Chinesen mit deutlichem Abstand der grösste E-Auto-Hersteller der Welt, über 2,25 Millionen BEV wurden ausgeliefert. Seit 2021 ist BYD offiziell in Europa, zuerst in Norwegen vertreten, im Sommer 2022 kam Deutschland dazu, gerade gibt es monatlich Meldungen über neue Vertriebspartner auf der ganzen Welt; die Schweiz ist mit einer eigenen Organisation seit 2025 mit dabei. Angeboten werden hierzulande derzeit der Dolphin Surf, der Atto 2, der Seal, der Seal 6, der Seal U und der Sealion 7; derzeit gibt es elf Händler.

BYD hat von Anfang an auf modernste Technologie gesetzt, die 800-Volt-Architektur versteht sich von selbst; die hauseigenen Batterien verfügen aktuell über die wahrscheinlich höchste Energiedichte von allen Herstellern. Und jetzt bringen die Chinesen noch eine neue Lade-Technologie auch nach Europa: Flash Charging. Man darf sich das als eine Art Stromspeicher vorstellen, der den Akku des Autos tatsächlich mit 1000 kW laden – 2 Kilometer pro Sekunden, 400 Kilometer in fünf Minuten -, selber aber mit geringeren Strommengen «gefüttert» wird. Damit umgeht BYD das Problem der hochzahligen Absicherung, jeder Händler, jedes Restaurant, jeder Parkhausbetreiber kann dieses «Flash Charging» installieren, eine 22-kW-Zuleitung reicht. In der Schweiz ist der Importeur auch in Verhandlungen mit den Raststätten-Betreibern, das neue System könnte mit relativ geringem Aufwand installiert werden. Alle zukünftigen BYD-Modell sollen fähig werden, dieses Schnelllade-System verarbeiten zu können.

Wer es sicher kann, das ist der Denza Z9 GT – das Lieblingskind von BYD-Chefdesigner Wolfgang Egger. Ab Sommer 2026 wird dieser Premium-Stromer auch in der Schweiz erhältlich sein, vier exklusive Händler werden sich um den Vertrieb und einen guten Kundenservice kümmern. Ob es dann auch noch Yangwang, die Luxusmarke von BYD, in die Schweiz schafft, ist derzeit noch offen. Dabei wäre der gewaltige Geländewagen Yangwang U8, der auch schwimmen kann und den bekannte Platzhirschen Range Rover und G-Klasse technologisch um Lichtjahre überlegen ist, ein unbedingt interessantes Angebot. Nicht unbedingt, was den Preis betrifft, da sind die Chinesen längst sehr selbstbewusst und folglich auch nicht sehr zurückhaltend. Das können sie sich auch leisten, der Yangwang U9 ist anerkanntermassen das schnellste Serienfahrzeug der Welt, kürzlich schaffte der 3000 PS starke Stromer eine Höchstgeschwindigkeit von 496,22 km/h. Und flog auch auf der berüchtigten Nordschleife des Nürburgrings allen Stromern der etablierten Sportwagen-Hersteller massiv um die Ohren. BYD kann bestens mitspielen in der obersten Liga, nicht nur bei den Absatzzahlen.

Es ist dies ein Text aus unserer Print-Ausgabe radical#6.


So ein Elektroauto im Pool macht mir Angst. Wie Fön in der Badewanne.
Solange das Wasser draussen und drin bleibst kein Problem.