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Lexus GS 450h

Schöne neue Welt

Und dann rollst du im Lexus GS 450h von Zürich nach Bern auf der Autobahn, Tacho maximal, sagen wir mal: 120+, und dann ist so ein bisschen StopandGo, und dann geht es wieder flotter, und dann geht es wieder gar nicht. Und das ist dann ein guter Moment, so ein bisschen am Bordcomputer rumzumachen, und dann siehst du: 6,3 Liter. Naja, denkst du, das ist wieder einer dieser sehr optimistischen Bordcomputer, doch wenn du dann an die Tankstelle fährst, die gefahrenen Kilometer mit dem verbrauchten Litern verrechnest, und dann kommt da 6,5 Liter als Resultat, dann ist das: gut. Einfach nur: gut.

Und dann knallst du an einem frühen Samstagmorgen von Bern über Basel nach Deutschland, der Nürburgring ist das Ziel. Da hinter Basel, da geht es dann ab, was halt geht (Tacho 262 ging), und weil die Strasse noch frei ist, ging es halt gut. Und du vernaschst die dicken Audi und auch vom Porsche Boxster S musst du dir gar nix bieten lassen und die Diesel-BMW machst du sowieso platt. Am Sonntag spät des Abends wieder zurück, irgendwann: tanken. Dann rechnen: 11,2 Liter. Auch das ist gut, sehr gut.

Und dann sagst du dir: ui. Da habe ich 345 PS Systemleistung unter dem Hintern, die richtig, richtig gut abgehen, wenn ich es so haben will. Aber ich kann auch gemütlich, gemächlich, sehr entspannt, und dann fährt sich der Wagen wie ein sparsamer Diesel, nur halt viel feiner, viel ruhiger. Nein, auf den Normverbrauch von 5,9 Liter sind wir nie gekommen, aber das ist ja auch nix Neues, doch der Schnitt von 7,6 Litern, inklusive des Ausflugs an den Nürburgring, das ist ausgezeichnet – schöne neue Hybrid-Welt. Wir sprechen hier von Lexus GS450h, Version «F Sport».

Wir waren ja, als wir den Japaner erstmals fahren durften, nicht restlos begeistert. Doch nach intensiven zwei Wochen mit dem Lexus müssen, wollen wir unseren ersten Eindruck revidieren: wunderbares Gerät. Wenn man dann weiss, wie man mit ihm umgehen soll, sprich: Eco-Modus in der Schweiz, ansonsten Sport+, wann immer es nur geht, dann ärgert man sich auch nicht mehr über das CVT-Getriebe, denn bei feinem Gasfuss schaltet es auch zuckersüss, packt man den Hammer aus auf Sport+, dann wird das Ding richtig giftig. Sport+ ist sowieso eigentlich die einzig wahre Einstellung, dann ist alles geschärft, nicht nur das Getriebe, auch die Lenkung vermittelt dann ziemlich guten Bodenkontakt, das Fahrwerk ist sensationell, nicht knochentrockenhart, aber halt gut, oberste Liga, auf einer Stufe mit München und Ingolstadt. Es gibt ein aktives Dämpfungssystem sowie das neue «Lexus Dynamic Handling»-System, das eine Hinterradlenkung, die variable Lenkuntersetzung und die elektrische Servolenkung miteinander verbindet. Wenn etwas stört, dann vielleicht, dass sich das alles etwas klinisch anfühlt, artifiziell. Doch hey, es gibt ja auch Medikamente, die ihren Zweck erfüllen. Wobei sich der GS450h mehr nach Drogen anfühlt (haben wir sowas je über einen Japaner geschrieben? Werden wir alt?).

Bremsen: von Brembo, sind super. Und irgendwie ist das auch ein gutes Gefühl, so richtig heftig in die Eisen zu steigen – und dann zu wissen, dass die Energie nicht einfach nur in Hitze umgewandelt wird, sinnlos verpufft, sondern halt wieder in Energie umgewandelt wird. Da fragt man sich dann jeweils schon, warum das bei andern schnellen Hobeln nicht auch so sein kann. Ja, wir wissen auch, das ist nur ein Tröpfchen auf einen sehr heissen Stein, aber – es hilft. Und darum geht es: wenn es technisch möglich ist, dann soll man es auch machen. Ohja, wir haben uns auch genervt über die erste Generation des Prius, haben auch müde gelächelt über die ersten Hybrid-Lexus, die in erster Linie mehr Klos rumschleppten, doch der Fortschritt ist unaufhaltsam, und wir werden das Gefühl nicht los, dass die anderen Hersteller mehr als nur einen Schritt hinter Toyota herhampeln.

Leider wird der GS450h trotzdem kein Verkaufserfolg werden. Liegt es am Design? Schwierig zu sagen, die einen mögen ihn, andere halt nicht. Die Front ist der F-sport-Konfiguration schon sehr aggressiv, aber das ist sicher kein Hinderungsgrund, ganz im Gegenteil. Der Preis? Ja, der ist happig, unser Testwagen, fully loaded, kostete sechsstellig und dann noch einen gut ausgestatteten Auris dazu, doch das ist bei den deutschen Premium-Herstellern ja nicht anders, die kosten mit ähnlich viel Leistung und ähnlicher Ausstattung noch einmal drei Wochen First-Class-Tauchferien für die ganze Familie auf den Malediven mehr. Einverstanden, der Wiederverkaufswert ist halt höher als bei einem Lexus, doch ein so grosser Unterschied besteht nie und nimmer. Ein Schnäppchen ist der GS450h (Basispreis 83’400 Franken) allerdings nicht. Es gibt nur eine Erklärung: Image. Dies leidige Image. Das man sich für Geld halt nicht kaufen kann. Doch Lexus ist beharrlich, irgendwann werden die Japaner auch in Europa auf das Niveau an Anerkennung kommen, das sie in den USA längst erreicht haben.

Einen sogar guten Grund, der gegen den Lexus spricht, wollen wir aber nennen: das Innenleben. Die Gestaltung ist halt schon immer noch ziemlich weit entfernt von der Coolness eines Audi, von der sportlichen Eleganz eines BMW. Am besten lässt er sich vielleicht mit einem Mercedes vergleichen – Modernität, wie sie sich der Grossvater vorstellt. Ein bisschen Raumschiff, ein wenig Zufall; feinste Materialien zwar, aber irgendwie nicht ganz perfekt zusammenpassend (das gilt für den Lexus, nicht für den Mercedes). Und ja, auch die Verarbeitung ist nicht ganz auf dem höchsten Niveau, da hat es schon noch Ecklein und Übergänge, die können die Deutschen besser. Dafür hat der Lexus einen integrierten 12,3-Zoll-Bildschirm mit einer Auflösung, da siehst du das Gras auf den Wiesen wachsen. Mit dem teuren Sound-System von Mark Levinson hörst du es dann auch noch. Das kostet dann zwar auch einen satten Aufpreis, doch im Vergleich zum B&O-System im Audi, das nicht besser ist, ist das ein warmes Lüftchen.

Man sitzt aber bestens im Lexus. Auch hinten. Und ganz hinten hat es jetzt einen Kofferraum, der seinen Namen verdient, 500 Liter trotz Batterien, das ist auch eine der Verbesserungen, die der Hybrid-Fortschritt mit sich bringt. In den zwei Wochen Testfahrt haben wir uns tatsächlich auch an das Bedienungssystem gewöhnt, so eine Art Maus, mit der sich vom Radio über das Navi bis hin zur Lüftung alles ansteuern lässt. Besser oder schlechter als MMI oder iDrive oder wie das Zeugs sonst noch heissen mag, ist es auch nicht.

Ja, wir mögen den GS450h. Wir mögen ihn sogar sehr. Er hätte bedeutend mehr Kunden verdient, als er haben wird. Und wir sind auch überzeugt, dass er all jenen, die ihm eine Chance geben, gefallen wird. Und das nicht bloss an der Tankstelle.

Mehr Toyota und Lexus gibt es im Archiv.

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