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Die Käfer-Karawane

Besinnliche Stunden

Urs hupt gern. Stimmt nicht ganz: Urs hupt dauernd. Wann immer er jemanden am Strassenrand sieht, hupt er. Zweimal, dreimal – dann winkt er. Und lacht wie ein kleiner Bub, wenn die Angehupten zurückwinken. Er lacht auch sonst wie ein kleiner Bub, freut sich, wenn sich jemand freut. Und er freut sich, wenn er einfach hupen kann. Er hat ja auch Zeit zum Hupen – mit 25,5 PS bricht man keine Geschwindigkeitsrekorde. Und die vielen, vielen Angehupten freuen sich tatsächlich – einen Uralt-Käfer mit Jahrgang 1948 sieht man selten. Dass dann noch 24 weitere Bretzel-Käfer hinter jenem von Urs folgen, ist noch seltener – und bringt die Leute noch mehr zum Lächeln.

Es ist eine höchst friedliche Ausfahrt von Lörrach nach Luzern. Lächelnd tuckern wir zumeist mit 40, selten mit 60 km/h durch wunderschöne Gegenden, Kienberg, Salhöhe, eine schöne Strecke auf kaum befahrenen Nebenstrassen; die Schweiz im Frühling, sie ist wunderbar. Anfangs hatte unser Käfer etwas Schwierigkeiten, wir diskutierten: Blasenbildung? Doch Urs meinte, zwischen zweimal Hupen: der Bakelit-Stössel in der Benzinpumpe hat zu warm. Also begiessen wir diese mit kaltem Wasser. Dann geht es wieder weiter. Oder auch nicht. Irgendwann beruhigt sich der zickige Stössel (so er es denn überhaupt ist) – und als wir den 48er Volkswagen mit Hilfe eines Astes und Kabelbinder zur Langheck-Abarth-Version verwandeln, läuft er einwandfrei. Die Hupe macht auf der ganzen Fahrt keine Probleme.

Es begab sich dies alles auf einer Ausfahrt zum Jubiläum von 70 Jahren Volkswagen-Import in die Schweiz durch die AMAG. Am 8. Mai 1948 um 14 Uhr überfuhr der erste Käfer bei Lörrach die Grenze zur Schweiz, 25 Stück waren es insgesamt, die alle auf eigener Achse von Wolfsburg angefahren kamen. Auf der Schweizer Seite warteten die ersten VW-Händler, drückten Walter Haefner, der den Import-Vertrag hatte abschliessen können, Bargeld in die Hand – und fuhren mit ihren Typ 1 zu ihren Garagen. Es wurde in diesen 70 Jahren eine kaum fassbare Erfolgsgeschichte geschrieben, über 2 Millionen Volkswagen hat die AMAG unterdessen in die Schweiz importiert. (Gut, die Geschichte hätte auch ganz anders laufen können, jene 25 Stück vom Mai 1948 waren nicht die ersten Käfer in der Schweiz, schon 1947 war eine unbekannte Anzahl Volkswagen über die Grenze gekommen – darüber schreiben wir vielleicht irgendwann…)

Urs kann nicht nur hupen, er hat auch viel zu erzählen. Der 48er, in dem wir durch die Gegend fahren, gehört zwar nicht zur allerersten Charge vom Mai 1948 (da existiert – wahrscheinlich – nur noch ein Stück), aber zu jenen 1380 Stück, welche die AMAG noch 1948 in der Schweiz verkaufen konnte. Urs erzählt von den Originalblinkern, die heute 3000 Euro kosten, aber nicht besonders gut funktionieren – und gerne durchbrennen (ein guter Zeitpunkt, übrigens, um wieder einmal zu hupen). Er erzählt von anderen Ausfahrten mit den Uralt-Käfern, von seinem Vater, der ab 1961 eine VW-Garage hatte (www.autoweibel.ch, existiert noch heute), von seinen Söhnen, die den Betrieb übernehmen werden, wie er an die Autos gekommen ist und von den Geschichten dahinter – wir könnten gut auch noch über den Gotthard fahren ins Tessin fahren, mit Urs würde es nicht langweilig werden. Wobei, am Berg, da mutiert der Käfer dann zum Krabbeltier, wirklich wild geht es dann nicht mehr voran, zweiter Gang und reichlich Drehzahl. Der erste Gang ist unsynchronisiert, da braucht es schon ein bisschen Übung.

Man fragt sich ja dann schon, wenn man in diesem 70jährigen Käfer sitzt: wo genau ist der Fortschritt geblieben? Er fährt, er fährt gut, man kommt vorwärts; man sitzt so einigermassen bequem, und etwas Gepäck lässt sich auch transportieren. Das Infotainment besteht aus Urs, das Navi aus dem vorausfahrenden Organisator dieses kleinen Ausflugs, die Temperatur im Innenraum wird über das Öffnen der Fenster reguliert, telefonieren kann man auch (mit dem Handy). Man hört dafür dem Motor zu, man spricht miteinander, man lernt Menschen kennen. Es ist auch etwas eine Besinnung auf das Wesentliche.

Wir bedanken uns bei Bruno von Rotz von www.zwischengas.com für die Photos; mehr Volkswagen haben wir in unserem Archiv.

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