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Fahrbericht Ford Focus 2018

Rückkehr

Immer wieder sind wir erfreut, welch herrliche Gassen das Hinterland von Nizza bieten kann. Schon so oft waren wir da, glauben auch zu wissen, welches die schönsten Pässe und kleinen Landstrassen sind – und doch finden sich alleweil neue Routen, fernab von Dörfern, quasi verkehrsfrei, eine Biegung folgt auf die nächste, und es ist einfach nur eine Fahrfreud‘. Der Beifahrer sagt nicht mehr viel seit längerem, der Fahrer dagegen lächelt, und es sind nicht 400, 500 PS an der Hinterachse, er bewegt einen 1,5-Liter-Diesel mit 120 PS, dessen Kraft über eine 8-Gang-Automatik auf die Vorderräder übertragen wird. Doch das Spiel ist ein schönes, eine sehr präzise Lenkung, dazu ein Fahrwerk, das weder zu hart noch zu weich ist, sondern eine saubere Linie unterstützt; der Wagen wirkt ausgesprochen stabil, was auch daran liegen dürfte, dass die hinteren Hohlräume mit einem Nassschaum ausgespritzt werden, der sich verhärtet und für eine höhere Steifigkeit sorgt. Das Dieselchen verfügt «nur» über eine Verbundlenker-Hinterachse, die stärkeren Versionen erhalten eine solche in Multilink-Bauweise.

Selbstverständlich ist das alles nicht in einem jenseitigen Geschwindigkeitsbereich, und sicher hätten wir noch mehr Freude in einer Alpine oder einem Porsche GT3, aber der neue Ford Focus macht das schon ausgesprochen gut. Und irgendwie ist es doch auch befriedigender für den Piloten, wenn er sein Gerät selber ans Limit bringt, wenn er noch selber fahren kann, nicht von der Elektronik stabilisiert wird, wenn die Reifen in den Serpentinen noch quietschen und der Wagen ganz leicht, aber jederzeit kontrollierbar über die Vorderräder rutscht. Oh ja, Ford hat aus seinem Focus wieder einen «drivers car» gemacht, etwas, was nicht nur wir beim Vorgänger vermisst haben – das Fahrvergnügen ist um Meilen grösser als beim Golf oder den südkoreanischen Konkurrenten. Und nein, das geht nicht auf Kosten des Komforts, der Focus plättet die oft nicht sonderlich gut instandgehaltenen französischen Landstrassen problemlos, auf der Autobahn gleitet unser Dieselchen dann in erfreulicher Ruhe und Souveränität einher.

Es ist schon erfreulich, dass Ford die Selbstzünder nicht aufgibt, neben dem neuen 1,5-Liter auch noch einen 2-Liter mit 150 PS im Programm hat. Zwar wird (vorerst) nicht mehr die ganz grosse Energie in die weitere Entwicklung der Diesel gesteckt, wobei: man braucht diese Diesel ja auch für die Nutzfahrzeuge, und da ist ihnen noch ein langes Leben gewiss. Wir fuhren den neuen Focus, nach interner Zählweise die fünfte Generation, dann auch noch mit dem 1,5-Liter-Dreizylinder mit 182 PS, ein Aggregat, das uns schon im Fiesta ST viel Freude bereitet hatte und auch im schwereren, grösseren Focus für feine Fahrleistungen sorgt. Und erfreuten uns an noch mehr Agilität, an noch Präzision (Multilink hinten, wie schon erwähnt). Andererseits: die 120 PS im Diesel reichen locker, 300 Nm maximales Drehmoment, damit kommt man so flott voran, wie es der Fahrer halt kann. Und an der Tankstelle wird es nicht so teuer – gemäss Norm sollen es weniger als 4 Liter sein.

Als angenehm empfinden wir die Platzverhältnisse. Der neue Focus ist zwar nur gerade zwei Zentimeter länger als sein Vorgänger (4,36 Meter jetzt), doch ihm wurden fünf Zentimeter mehr Radstand spendiert. Was im Innenraum gut spürbar ist, hinten ist das zwar nicht Oberklasse (und der Octavia kann das besser), doch im Segmentsvergleich macht der Ford eine gute Figur. Was man auch vom Laderaum behaupten kann, der mindestens 341 Liter Raum bietet, bei abgeklappten Sitzen sind es stolze 1354 Liter (Kombi, also Traveller: 575 bis 1653 Liter). Die Sitze sind gut, auch langstreckentauglich, auch mit ausreichend Seitenhalt – in Leder sind sie vielleicht etwas zu rutschig, aber das ist eine Frage von Figur und Gewicht. Das aufgesetzte Tablet als Touchscreen scheint sich allerorten durchzusetzen, das Bediensystem von Ford von Ford, unterdessen sind wir bei Sync3, gehört zu den übersichtlichsten, am einfachsten zu bedienenden auf dem Markt (mit guter Sprachsteuerung). Es bleibt eine erstaunliche hohe Zahl von physischen Schaltern und Knöpfen erhalten – wir bleiben gespannt, was sich durchsetzen wird, diese lauwarmen Konstellationen wie im Ford oder «hardcore» wie in den Tesla oder Volvo. Es sei aber vermeldet, dass die Innenraumgestaltung im neuen Focus schön luftig wird, unaufgeregt ist, und das hat auch etwas für sich. Nicht so total überzeugt hat uns allerdings die Materialwahl, da ist noch viel sichtbarer Plastik (die Cup-Holder wirken gar: billig), ausser in der Vignale-Variante, die dann aber wirklich edel ist.

Selbstverständlich verfügt der neue Focus über alles, was man heute als «state of the art» bezeichnen mag in Sachen Assistenz- und Sicherheitssysteme. Ford nennt das volle Paket dann «CoPilot360», und da ist sogar so etwas wie pseudo-autonomes Fahren möglich dank Spur- und Stau- und Abstandsassistenten; auf Wunsch gibt es ein Head-up-Display. Und in der Cockpit-Anzeige finden sich dafür noch echte Zeiger.

Es ist also alles gut, alles so, wie es bei einem modernen Automobil eines grossen Herstellers sein muss, mit dem ausgezeichneten Fahrverhalten ist auch das gewisse Etwas mit dabei, jener Punkt, der den Focus in Golf-Klasse von seinen Konkurrenten abhebt. Eitel Sonnenschein also? Naja – jetzt müssen wir noch über das Design sprechen. Einverstanden, es ist dies Geschmackssache und entscheiden wird der Markt, doch uns fehlt halt schon das Aussergewöhnliche, das die früheren Generationen immer ausgezeichnet hatte. Problemzone ist das Heck, bislang eine der grössten Stärken des Focus, da war er immer anders, auf den ersten Blick erkennbar, speziell. Beim neuen Modell ist das sehr, sehr brav, da könnte der Focus auch ein Mazda sein oder ein Kia, und das ist schade. Nicht einmal LED-Leuchten gibt es, also gar nichts, was ihn aus der Masse herausheben könnte. Beim Kombi, Traveller genannt, ist das etwas besser als beim Fünftürer, aber wir verstehen diese Biederkeit trotzdem nicht – in diesem hart umkämpften Markt braucht es doch den Mut einem etwas ungewöhnlichen Design, ganz besonders dann, wenn man ja auf eine schöne Tradition zurückblicken kann. Aber das ist selbstverständlich alles sehr subjektiv – und LED spart man sich wahrscheinlich für das Facelift auf.

Darüber, wie die Modelle des neuen Ford Focus aufgestellt sein werden, hatten wir bei der Modellvorstellung schon geschrieben. Wir zitieren uns da jetzt selber: « Natürlich gibt es weiterhin den Viertürer (eher selten zu sehen in Europa, zu recht), den klassischen Fünftürer, den Kombi. Frisch dazu kommt der Active, also: etwas höher, so etwas wie ein Crossover. Und der ST sowie der Vignale werden zu eigenständigen Varianten ernannt». Das tönt kompliziert, ist es aber nicht, eigentlich wird die Wahl vereinfacht. Und am Preis dürfte diese Wahl auch nicht scheitern: der neue Ford Focus steht ab Ende Jahr ab 23’200 Franken bei den Schweizer Händlern.

Mehr Ford haben wir in unserem Archiv.

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