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Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut-Coupé

135 Millionen

Man ist diskret auf dem Klassikermarkt. Besonders, wenn es um die Blue Chips geht, also die wirklich wirklich wertvollen Fahrzeuge. Man macht den Eigentumsübergang dann gerne unter sich aus, im Hinterzimmer, bleibt verschwiegen. Wenn dann aber plötzlich aus den verschiedenen Ecken des Internets «Gerüchte» auftauchen, dass Mercedes sein bestes Stück verkauft hat, dann muss man genauer hinhören.

Niemand setzt das Gerücht in die Welt, dass Mercedes einen Uhlenhaut verkauft habe, wenn das nicht stimmt. Denn ein verkaufter Uhlenhaut ist ein Ding der Unmöglichkeit. Oder?

Roger Welti von Mercedes-Benz Schweiz kommentierte unsere Anfrage zu den Gerüchten in der vergangenen Woche so: «Mercedes-Benz erreichen regelmässig private Kaufanfragen zu Fahrzeugen aus unserer Sammlung. Der Markt für Oldtimer ist ständig in Bewegung und somit gibt es auch immer viele Gerüchte. Zu solchen nehmen wir grundsätzlich keine Stellung.» Peter Becker von der Mercedes-Benz Classic Kommunikation kommentierte unsere Anfrage so: «Wie Sie sich sicherlich vorstellen können, erreichen uns regelmässig private Kaufanfragen zu Fahrzeugen aus unserer Sammlung. Der Markt für Oldtimer ist ständig in Bewegung und somit gibt es auch immer viele Gerüchte. Deshalb haben Sie sicher Verständnis dafür, dass wir dazu grundsätzlich keine Stellung nehmen.»

Wir waren einfach ein bisschen früh dran. Fuhren vor die Wand der Phrasendrescher. Schade und ärgerlich zugleich. Aber eben den Funken Hoffnung wahrend, dass man in Stuttgart die eigene Geschichte noch nicht vollends aufgegeben hat. Heute kam es anders. Gleich aus mehreren britischen Rohren wurden wir mit hochauflösendem Bildmaterial, ja sogar mit Videos von der geheimen Versteigerung bombardiert. Alles perfekt orchestriert, von RM Sotheby’s, die die Auktion abhalten durften, von Simon Kidston, der sich die Einfädelung des Deals beim Mercedes-Vorstand persönlich auf die Fahnen schreibt und – oh Wunder – auch kommissarisch für den unbekannten Höchstbieter bei einem Aufrufpreis von 135‘000‘000 noch immer seine Bieterkarte in die Höhe hielt.

Einhundertfünfunddreissig Millionen Euro. Vor Aufgeld. Das ist mehr als das Dreifache, das für das bislang teuerste Auto der Welt auf einer Auktion, einen Ferrari 250 GTO, bezahlt wurde. Doch das war klar. Es kann kein teureres Auto geben als das Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut-Coupé. Es gibt zwei. Einer fährt, einer seit Jahrzehnten nicht. Einer war schon immer Ausstellungsstück, der andere fuhr mit seinem Namensgeber in einer Stunde von München nach Stuttgart – im „Berufsverkehr“. Und letzteren hat Mercedes verkauft.

Aber wer in einem Mercedes-Maybach Haute Voiture Concept mit Bouclé-Stoff die Käuferinnen von Chanel locken und auf Grund deren Portemonnaie-Schwere gleich die günstigen A-, B- und C-Klasse-Modelle aus dem Programm nehmen will, weil man den Plebs gar nicht mehr im Showroom sehen möchte, wer stattdessen eher von Louis Vuitton-Designer-gezeichnete Wüstenbuggies oder von Goldzahn-Rappern gestaltete AMG-Verschnitte (die von West Coast Customs aufgebaut werden – Pimp my ride, sie erinnern sich (hoffentlich nicht)) in den Vordergrund rückt, bei dem passt der Verkauf der Verkauf des Uhlenhauts ins Bild.

Man braucht das Alte nicht mehr. Es ist lästig. Zeuge einer Zeit, mit der man nichts mehr zu tun haben möchte. EQ all the way. Am besten, man spricht nicht mal mehr Schwäbisch und rationiert auch die Butterbrezel zum Morgenkaffee in der Produktion. So kann es einem vorkommen, wenn man mit dem Menschen vom Daimler spricht. Denen, denen die Marke noch immer tief im Herz sitzt. Die plötzlich Angst haben, dass man gleich das gesamte Museums-Inventar verkauft. Natürlich hielten wir das für unvorstellbar, lächerlich gar, aber so dachten wir auch über einen möglichen Verkauf des Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut-Coupé. Warum dann nicht auch gleich die anderen knapp 1‘200 Exemplare von Classic und Museum verschachern?

Allerdings scheint die Teppichetage in Untertürkheim den moralischen Kompass noch nicht völlig verloren zu haben. Die 135 Millionen des Verkaufs gehen in die Gründung des Mercedes-Benz Funds, durch den Bildungs- und Forschungsstipendien in den Bereichen Umweltwissenschaften und Dekarbonisierung für junge Menschen ermöglicht werden. Auch der Pimp-AMG von Will I Am wird mit ähnlichem Zweck veräussert: Sozial benachteiligte Studierende sollen mit den Stipendien leichteren Zugang zu Fächern wie Mathe, IT, Naturwissenschaften und Technik erhalten.

Doch so nobel und absolut unterstützenswert diese Ziele sind: Am Geld kann es nicht liegen. Davon hat man noch immer mehr als genug. Es wäre ein Spaziergang gewesen, den Funds aus der Portokasse des Marketings aufzulegen. Als Aussenstehender wird man das Gefühl eines heftigen Machtkampfes und Strategiegerangels nicht los. Auf der einen Seite ein Management, das absolut der Rendite und Marge hörig und dem dabei völlig egal ist, wie sie das erreicht. Auf der anderen Seite die, die „den Daimler“ zu dem gemacht haben, was er ist. Ein Konzern, der das Auto nicht nur erfunden, sondern immer wieder auch neu erfunden hat. Ein Konzern, der in seiner Innovationskraft sicher noch immer seinesgleichen sucht. Aber eben auch ein Konzern, in dem genau diese Ingeniösität kaum mehr ein Gehör zu finden scheint.

Man fragt sich: Warum? Gerade in einem Zeitalter, in dem alles auf lautlose Elektrizität hinausläuft, in der kein AMG-V8 für einen Emotionsvorsprung sorgen kann, in dem die Marke mehr zählt als je zuvor, weil die Möglichkeiten der technischen Abgrenzung immer kleiner werden, ist nichts wichtiger als Image. Denn wenn alles gleich ist, dann kauft der Kunde das, was er für begehrenswerter hält. Warum sollte er das eine Stück Seife kaufen, wenn das andere die Hände genauso gut wäscht?

Es sind dann die soft skills, die entscheiden. Es sind die Uhlenhauts, die SLs, die S-Klassen, die Erinnerungen, die entscheiden. Kurz: Es ist der Stern, der entscheidet, weil man weiss, wessen Kühler er schon alles verziert hat.

Dieses Pfund zu verscherbeln, macht sprachlos. Denn man kann nicht wissen, wohin man will, wenn man nicht mehr weiss, wo man gewesen ist.

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