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Lamborghini Countach LP500

Danach war alles anders

«Klar ist der Miura die grossartigste Ikone für die Marke Lamborghini. Aber der Countach ist sicher das wichtigste Modell überhaupt – der Countach definiert Lamborghini bis heute», sagt Federico Foschini, bei den Italienern unter anderem zuständig für Marketing. Und das Polo Storico. Also jene Abteilung, die sich intensiv mit der Geschichte der Marke beschäftigt. Foschini muss es wissen, er ist so etwas wie der Hüter der Vergangenheit bei Lamborghini. «Wir haben nicht wie andere Hersteller eine grossartige Renngeschichte», sagt Foschini, «doch wir haben seit dem Countach eine stringente Design-Sprache, das hat sonst keine andere Marke».

Wir wollen hier nicht noch einmal die ganze Countach-Geschichte erzählen, das haben wir schon: hier. Aber kurz einfach dies: Als am 11. März 1971 auf dem Genfer Salon morgens um 10 Uhr das Tuch vom Lamborghini Countach LP500 gezogen wurde, da blieb die Welt des Automobils für ein paar Minuten stehen. Wer den gelben Prototypen auf dem Stand von Bertone sah, der wusste: Es würde nichts mehr sein wie vorher. Zwar hatte Marcello Gandini schon vorher die wahre Keilform auf die Räder gebracht, den Carabo für Alfa Romeo (1968), den ultimativen Stratos Zero für Lancia (1970), doch der Countach war: pure Geometrie. Die ganz reine Lehre. Noch nie hatte die Auto-Welt ein solches Fahrzeug gesehen, dieser erste Entwurf, knallgelb lackiert, war frei von Spoilern, Schwellern und sonstigen Wucherungen. Es war ein Faustschlag gegen die Sehgewohnheiten, absolute Aggressivität, brutale Funktionalität – unendliches Charisma.

Mittelmotor, das war klar. Doch im Gegensatz zum Miura sollte dieser nun hinten längs eingebaut werden, LP, longitudinale posteriore. Paolo Stanzani, damals General Manager und technischer Direktor und überhaupt für alles zuständig bei Lamborghini, träumte auch von einer stärkeren Maschine, der 3,9-Liter-V12, einst von Giotto Bizzarrini konstruiert, kam an seine Leistungsgrenzen; Stanzani wollte für mehr Drehmoment mehr Hubraum, 5 Liter und über 400 PS, also LP500.

Die Begeisterung für den Countach gross, noch in Genf wurde entschieden, dass er in Serie gehen musste; Bestellungen lagen schon reichlich vor. Doch es kam anders, Lamborghini geriet ins Stolpern, 1972 musste Ferruccio Lamborghini die Traktorensparte an die Same Group verkaufen, holte sich für die Sportwagen die Investoren Georges-Henri Rossetti sowie René Leimer an Bord. Es beginnt eine sehr hektische Zeit, im Mai 1972 gaben Rossetti/Leimer grünes Licht für den Bau des Countach, aber es war kein Geld da, den 5-Liter-V12 weiterzuentwickeln, also wurde der bekannte 3,9-Liter verbaut. Der LP400 war bei seiner Vorstellung auf dem Genfer Salon 1973 (das erste Kundenauto wurde allerdings erst am 11. April 1974 ausgeliefert) 4,14 Meter lang, 1,99 Meter breit und nur 1,07 Meter hoch; der Radstand betrug 2,45 Meter.

Bevor die als Lamborghini Countach LP400 bezeichneten Neuwagen allerdings homologiert werden konnten, musste noch der Prototyp sterben. Beim Mira-Test in England wurde er mit 50 km/h gegen einen 110 Tonnen schweren Betonblock gefahren. Was ihn um einen halben Meter verkürzte. Um das Wrack ranken sich noch so manche Gerüchte, es soll jahrzehntelang in Sant’Agata im Regen gestanden haben. Oder in der Schweiz bei einem Sammler. Oder, egal. Es gibt übrigens auch keine gesicherten Quellen dafür, ob es den 5-Liter-Motor tatsächlich jemals gab, ob Bob Wallace wirklich aus eigener Kraft in der Nacht vor der Premiere an den Genfer Salon fuhr.

Dabei ist viel recherchiert worden in den vergangenen vier Jahren. Denn 2017 trat der wichtigste Lamborghini-Sammler überhaupt, ein Schweizer, an das Polo Storico und schlug vor, den LP500 doch wieder aufzubauen. Die Monate der Vor-Analyse wurden lang und hart, man war sich bei Lamborghini lange nicht sicher, ob es wirklich möglich war. Man befragte dann die noch lebenden Ingenieure des Projekts zu befragen, das einst den Codenamen 112 getragen hatte (Paolo Stanzani, der wichtigste Mann, war leider Anfang 2017 verstorben), man fand die alten Pläne, man konnte Pirelli gewinnen, die Originalreifen nachzubauen.

Dabei ist viel recherchiert worden in den vergangenen vier Jahren. Denn 2017 trat der wichtigste Lamborghini-Sammler überhaupt, ein Schweizer, an das Polo Storico und schlug vor, den LP500 doch wieder aufzubauen. Die Monate der Vor-Analyse wurden lang und hart, man war sich bei Lamborghini lange nicht sicher, ob es wirklich möglich war. Man befragte dann die noch lebenden Ingenieure des Projekts zu befragen, das einst den Codenamen 112 getragen hatte (Paolo Stanzani, der wichtigste Mann, war leider Anfang 2017 verstorben), man fand die alten Pläne, man konnte Pirelli gewinnen, die Originalreifen nachzubauen.

Es war ein ewiger Prozess, rund 25’000 Arbeitsstunden mussten investiert werden. Die Karosserie, die auf traditionelle italienische Weise handgeklopft wurde, entstand in monatelanger Arbeit. Das Innenleben wurde mit Hilfe zeitgenössischer Fotos nachgebaut. Die Technik-Restauration sollte ein wenig einfacher sein. Denn der Lamborghini Countach LP500 verwendete den Bizzarrini-V12-Entwurf, der schon in den anderen Stieren seinen Dienst tat. So weist Lamborghini stolz hin, dass alle mechanischen Komponenten entweder aus Original-Ersatzteilen, restaurierten Komponenten oder nach Originalspezifikation nachgefertigten Teilen bestehen; im Prinzip könne man nun den gesamten Triebstrang der Countach-Modelle als Ersatzteil ab Werk liefern. Bloss: Er läuft bisher noch nicht sauber, der 5-Liter-V12, da braucht es noch viel Abstimmungsarbeit.

Wir stehen tief in der Nacht in einer düsteren Halle im Industriegebiet von Sant’Agata. Vor uns: der Lamborghini Countach LP500, dieser sagenumwobene Prototyp (und der neue Lamborghini Countach LPI800-4). Selbstverständlich haben wir nur Augen für den Grossvater aller Countach, für diese 50jährige Quintessenz des Sportwagens. Die auch 50 Jahre nach ihrer Premiere in Genf ein Wunder ist, das fast ein bisschen sprachlos macht. Oder zu Tränen rührt. Und zur Frage führt: Was kam danach, was besser war? Es ist schön, es ist wichtig, dass er wieder da ist. Wann immer sie die Chance haben, dieses Fahrzeug aus der Nähe betrachten zu können, dann muss man sie nutzen. Es ist so ein bisschen wie die «Mona Lisa» der Automobil-Geschichte.

Fotos: ©Vesa Eskola für www.auto-illustrierte.ch. Mehr schöne Klassiker haben wir in unserem Archiv.

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