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radical zero: Jeep Avenger

(Fast) Alles richtig gemacht

Im polnischen Tychy, unweit von Katowice und Krakau, werden seit den 70er Jahren Fiat gebaut. Kürzlich konnte das 12,5 millionste Exemplar ausgeliefert werden. Und auch wenn das für unsere Ohren etwas komisch klingt: «Made in Poland» ist definitiv ein Qualitätssiegel. Es gibt wohl kein anderes Werk auf der Welt, in dem Mitarbeiter und Chefetage derart motiviert sind, einen ausgezeichneten Job abzuliefern. Die Arbeitsplätze in Tychy werden von Generation zu Generation «vererbt», der Stolz ist gewaltig. Da lässt man gar nichts anbrennen, da ist man auf jeder Schicht darum bemüht, alles richtig zu machen.

Derzeit wird Tychy massiv umgebaut. Rechts werden weiterhin Fiat 500 und Konsorten montiert, von links kommen in Zukunft drei Produkte auf der eCMP-Plattform von Stellantis. Die ganz grosse Herausforderung besteht darin, keinen Unterschied machen zu müssen zwischen Stromern und Verbrennern; das ist wohl auch ziemlich einmalig in Sachen Automobil-Produktion. Die Polen wollen das im Griff haben, sagen sie, und man glaubt ihnen das gerne. Um zwei dieser drei Stellantis-Fahrzeuge wird noch ein grosses Geheimnis gemacht, das dritte läuft derzeit schon als Vorserien-Produkt von den Bändern: der Jeep Avenger.

Prinzipiell: alles gut. Ein kompakter, sehr gut aussehender Jeep, darauf hat der Markt sicher gewartet. Auch deshalb, weil es ein gutes, hübsches, modernes E-Fahrzeug für weniger als 30’000 Euro zu kaufen geben wird. In der Folge schreiben wir von den «Kleinigkeiten», die das alles etwas relativieren, aber das wird dem zukünftigen Erfolg des Jeep Avenger mit grösster Wahrscheinlichkeit keinen Abbruch tun.

Ja, natürlich sind wir jetzt nicht positiv überrascht, dass der kleine Jeep auf der in mancher Hinsicht nicht wirklich überragenden eCMP-Plattform basiert, das wird ihn nicht zu einem grossartigen Produkt machen, aber life is a bitch, das weiss niemand besser als Carlos Tavarez, der grosse Zampano und noch grössere Zahlenkönig von Stellantis. Deshalb, weil der Mann so gut rechnen kann, geht es um Skaleneffekte und Synergien, da müssen manchmal auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Das ist beim Alfa Romeo Tonale so, das ist jetzt beim Jeep Avenger auch der Fall.

Aber was haben wir denn zu jammern? Es geht um die eCMP-Plattform, auf der ja auch diverse Citroën, DS Automobiles, Peugeot und Opel auflaufen. Gerade kürzlich wurde die zweite Generation eingeführt, da gibt es jetzt ein paar Verbesserungen, eine neue Batterie mit neu 54 kWh (vorher 50 kWh) Kapazität, mehr Leistung (115 kW statt 100 kW, also 156 anstatt 136 PS) bei gleichem Drehmoment (260 Nm), weiterhin nur Frontantrieb. Geladen werden kann mit 11 kW an der Wallbox oder mit 100 kW am Schnellader; die Steuerung übernimmt eine 400-V-Architektur. Als Reichweite nach WLTP werden auch für den Avenger 400 Kilometer genannt.

Klar ist das ausreichend. Aber es ist halt wirklich nur knapp genügendes Mittelmass in der aktuellen E-Technologie, Renault ist da moderner im Megane, auch der Fiat 500e aus dem Stellantis-Konzern verfügt über eine «frischere» Plattform. Und Maserati, ebenfalls bei Stellantis, hat gerade eine 800-V-Architektur eingeführt. Selbstverständlich ist das alles eine Preisfrage, ausserdem lässt eCMP/CMP ja auch den Einbau von reinen Verbrennern zu. In Italien und Spanien, sagt Stellantis, sind die Infrastruktur sowie die Kaufbereitschaft noch nicht vorhanden, dort kommt der Avenger deshalb ausschliesslich mit einem 1-Liter-Turbo-Dreizylinder auf den Markt. Vorerst. Die anderen Märkte erhalten den Verbrenner nicht. Vorerst.

Und dann steht das weiter oben noch ein anderes interessantes Wort: Frontantrieb. Der kleine Jeep kommt tatsächlich nicht als 4×4 (vorerst). Das ist für einen Jeep nun etwas erstaunlich, man könnte auch von einem Sakrileg sprechen. Es geht auch da wieder um Kosten, aber im Fall von eCMP halt auch um die technischen Möglichkeiten, da ist ein zweiter e-Motor an der Hinterachse bisher nicht vorgesehen (und beim reinen Verbrenner auch gar nicht möglich). Es ist aber noch nicht aller Tage Abend, bald schon können wir in diesem Bereich News verkünden.

Aber schauen wir uns doch den Jeep Avenger etwas genauer an. Abgesehen vom Ur-Willys dürfte er mit einer Länge von 4,08 Metern der kleinste Jeep aller Zeiten sein. Und doch hat das Design-Team um Ralph Gilles und Daniele Calonaci es geschafft, auf kurzem Raum alles reinzupacken, was eine moderne Interpretation eines Jeep ausmacht. Er wirkt nicht nur sympathisch, sondern auch sehr stabil, robust – und doch verspielt. Rein optisch ist der Kleine ein absoluter Volltreffer, unserer bescheidenen Meinung nach. Auch innen, alles bestens, sehr praktisch, zwei grosse Bildschirme, aber weiterhin Tasten und Knöpfe. Dazu gibt es reichlich Stauraum schon im Cockpit, 580 Ping-Pong-Bälle, wie Calonaci vorrechnet; in den Kofferraum passen nach seiner Aussage 2443 Gummi-Entchen.

Da haben wir es wieder, das Verspielte, das so gut zum Avenger passt. Und das der Marke gerade in Europa zu einem Schub verhelfen dürfte. Christian Meunier ist als CEO der Marke sehr zufrieden mit den Marktanteilen bei den SUV in den USA (11 Prozent) und Brasilien (20 Prozent), doch in Europa (mit Ausnahme von Italien) dümpeln die Amerikaner bei einem Prozent rum. Da ist also viel, viel Luft nach oben. Aber man darf davon ausgehen, dass Jeep die E-Welle ganz massiv reiten wird, schliesslich sind die Stromer im Gelände dank viel und sofort vorhandenem Drehmoment sehr tauglich, da hat man ein ausgezeichnetes Argument. Und Ralph Gilles, der Chefdesigner der Marke, bringt noch ein zweites: die Ruhe. In einem vollkommen offenen Wrangler lautlos durch die Mojave-Wüste zu fahren, das sei ein grossartiges Erlebnis. Da hat er wohl nicht unrecht.

Nach dem rein elektrischen Avenger wird der rein elektrische Recon kommen, eine Art Wrangler. Und dann spätestens 2025 der Wagoneer S, von dem man jetzt schon weiss, dass er der schönste Jeep aller Zeiten werden wird. Der frontgetriebene Avenger hat dafür das Zeug, zum Bestseller der Marke zu werden – auch deshalb, weil er Anfang 2023 als reiner Stromer für weniger als 30’000 Euro (und ab 249 Euro Leasingrate) auf den Markt kommen wird. Da hat der Kleine, Hübsche dann aktuell nicht viel Konkurrenz.

Mehr Strom haben wir auf: zero. Und dann gibt es da ja noch das Archiv.

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