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Car of the Year 2023

Ein schwacher Jahrgang

Heute, am 12.1.2023, mussten die 60 Jurorinnen (stimmt nicht, es sind viel weniger weibliche als männliche Mitglieder) von «The Car of the Year» bis 17 Uhr ihre Stimmen abgeben. Sieben Autos standen zur Wahl, 25 Punkte waren zu vergeben, maximal 10 für ein Auto, Null geht auch, doch es muss eine erste Wahl geben – und diese muss auch schriftlich begründet werden. Morgen, Freitag, den 13., wird der Sieger um 12 Uhr auf der 100. Brussels Motor Show verkündet. Unter diesen sieben Kandidaten gab es auszuwählen (ja, das sind acht auf diesem Bild, der Toyota bZ4X und der Subaru Solterra treten gemeinsam an):

15 Jahre ist radical nun in der Jury – und noch nie fiel es uns so schwer, eine Wahl zu treffen. Es war wohl der schwächste Jahrgang in all diesen Jahren, es gab heuer kein Fahrzeug, das wirklich herausstach, von dem man sich wünschte, dass es unbedingt gewinnen sollte. Doch wir sind da ja offen und ehrlich, jederzeit, deshalb arbeiten wir uns jetzt hier an den einzelnen Kandidaten ab. Dazu gibt es noch zu schreiben, dass wir jedes Fahrzeug (mit Ausnahme des Kia Niro) schon mindestens einmal vorab gefahren sind, sie in letzten Tagen in Belgien mindestens vier Runden über den «Circuit de Mettet» prügeln durften (bei widrigen Bedingungen allerdings) – und sie über eine selbstgewählte kleine Runde gescheucht haben, 25 Kilometer über belgische Landstrassen inklusive einer kleinen Denksportaufgabe für das Navi. Es geht nun schön nach Punkten:

Wir beginnen hinten in unserer Rangliste, also mit dem Volkswagen ID.Buzz. Klar, cooles Design – zumindest aussen. Innen ist es dann schon etwas schwieriger, vor allem die verarbeiteten Materialien vermögen uns nicht so zu überzeugen – einmal strömender Regen, und schon hat es Wasserflecken auf den Sitzen. MEB taugt uns nun halt schon im dritten Jahr nicht, wir wüssten nicht so recht, weshalb wir den Buzz besser beurteilen sollten als den ID.3 – weil er grösser ist und schwerer und noch weniger Reichweite hat? Oder weil er halt weiterhin nicht überzeugend lädt, dafür so richtig viel kostet? Oder weil die Software weiterhin komplett untauglich ist, das Navi die Abkürzung nicht erkannte, dafür jedes zweite Verkehrszeichen falsch interpretiert? No way.

Gleich viele Punkte gab es für den Renault Austral. Es ist uns ein Rätsel, wie es dieses Fahrzeug in die Auswahl der letzten 7 schaffen konnte, ein ganz typisches SUV, in keiner Beziehung aussergewöhnlich. Und als Mildhybrid halt schwer verständlich, das komplizierte Getriebe sucht dauernd nach dem richtigen Gang und findet ihn eigentlich nie, dann jault die Maschine dauernd auf 6000/min – und bringt die Kiste doch nicht anständig vorwärts. Auf dem Track schiebt der Austral brutal über die Vorderräder, das haben wir in dieser Form lange nicht mehr erlebt. Immerhin: das Navi fand die Abkürzung, die Google-Anbindung funktioniert bestens. Ob man das als Kunde aber wirklich will, ist dann wieder eine andere Frage. Und nein, ein Schnäppchen ist der Renault nicht.

Wir gaben dem Peugeot 408 doppelt so viele Punkte wie dem VW und dem Renault, also: 2. Was wahrscheinlich einzig und allein an der Farbe unseres Testwagens geschuldet war. Und daran, dass der Löwe die Abkürzung im Navi-Test auch packte. Doch ansonsten fehlt uns das Verständnis für dieses riesige Pseudo-Coupé, dessen Kofferraum zu klein ist und in dem die hinteren Passagiere doch eher begrenzt Raum vorfinden. Als PHEV ist die elektrische Reichweite zu gering, dafür der Benzin-Tank zu klein – worst of both worlds, als Langstrecken-Fahrzeug eher untauglich (was er aber optisch anders darstellt). Und «preiswert» sieht unserer bescheidenen Meinung nach ganz anders aus. (Ja, wir haben mehr Bilder, aber der Peugeot ist unser aktueller Testwagen, da kommt dann noch ein ausführlicher Bericht.)

Ja, wir haben den rein elektrischen Fahrzeugen in diesem Jahr deutlich mehr Punkte gegeben. Nein, echte Innovationen boten sie jetzt auch nicht, aber die klassischen Verbrenner/PHEV halt noch viel weniger. Der Jeep Avenger ist irgendwie cool, von aussen hübsch mit allen Jeep-Ingredienzien (ausser halt: 4×4), innen dann eher altbacken, technologisch schliesslich ziemlich von vorgestern. Aber das hübsche City-SUV kostet ab knapp über 30’000 Franken, ist unter den sieben Kandidaten deshalb klarer Gewinner in Sachen Preis/Leistung. Und gleichzeitig Verlierer beim Fahrwerk, ein Rumpeldings, wie wir es schon lange nicht mehr erlebt haben. Ausserdem eher müde im Vorwärtsdrang.

Das kann man vom Nissan Ariya zumindest als 4×4 nicht behaupten – der Japaner war das gröbste Gerät, das wir in diesem Jahr bewegen konnten. Bloss: auf der Rennstrecke war irgendwie nicht ersichtlich, was uns der Wagen sagen wollte. Manchmal kam er aus der Kurve in einem feinen Drift, dann schob er wieder irgendwohin in die Pampa – wie und warum, das blieb uns ein Rätsel, obwohl wir ihn länger auf dem Track fuhren als alle anderen Konkurrenten. Ja, der Nissan ist schwer und fühlt sich auch so an. Und ja, der Nissan ist teuer, das ist jetzt Premium – und ob das der typische Nissan-Kunde goutiert, das muss sich noch weisen. In Sachen Interieur-Gestaltung ist der Ariya in diesem Jahr aber der klare Gewinner, mit riesigem Abstand.

Die wohl grösste Überraschung war heuer der Kia Niro. Er fährt sich richtig gut, komfortabel auf der Gasse, erstaunlich präzis und fast schon sportlich auf dem Track (lustig, wenn man den Pinsel einfach stehen lässt, da würgt er sich irgendwie aus dem Eck). Allerdings fehlt dem reinen Elektriker dann schon ein wenig die Power. Nervig ist das dauernde Gepiepse, beim Vorwärtsfahren, beim Rückwärtsfahren, beim Garnichtfahren. Und sorry, optisch ist der Niro – nogo.

Und so blieben uns am Schluss nur der Subaru Solterra und der Toyota bZ4X. Nein, totale Begeisterung herrscht nicht, da gibt es sogar ein paar Fragezeichen in Sachen Verbrauch und Ladung. Doch die beiden Japaner sehen nett aus, sind innen geräumig, leicht überdotiert, was Sicherheits- und sonstige Assistenten betrifft. Und ausserdem trauen wir Toyota halt mehr zu als allen andern, was E-Mobilität betrifft, insbesondere mittelfristig. Preislich sind beide SUV an der oberen Grenze, doch das gilt ja für alle anderen Stromer (mit Ausnahme des Jeep) auch.

Wir bleiben dabei: wir hätten heuer definitiv ein anderes Fahrzeug zum #caroftheyear gewählt. Aber unsere zwei Favoriten standen halt nicht zur Auswahl, warumauchimmer. Aber wir haben ja andere nette Automobile in unserem Archiv. Nachtrag: Der Sieger ist der – Jeep Avenger!

2 Kommentare

  1. Marc Andrea Grosjean Marc Andrea Grosjean

    … und jetzt aber auch die Katze aus dem Sack lassen: Welcher Wagen war radicals Favorit denn? Oder gilt hier eine Verschwiegenheit-Erklärung?

    • Peter Ruch Peter Ruch

      haben wir doch – Toyota bZ4X/Subaru Solterra. er wurde übrigens letzter )

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