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radical zero: Der Rück-Stand der Dinge

«Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei»

Es ist tatsächlich nicht so, dass die E-Autos den europäischen Händlern aus den Showrooms gerissen werden. In Deutschland gingen die Verkaufszahlen in diesem Jahr um etwa 15 Prozent zurück, in der Schweiz sank der Marktanteil der reinen Stromer unter den Neuwagen von knapp 21 auf etwas über 17 Prozent. Das ist noch weit entfernt von einer Tragödie, aber Euphorie sieht sicher anders aus. Andererseits: Verglichen mit Bosnien, wo die EV nur gerade 0,01 Prozent am Gesamtfahrzeugbestand ausmachen, sind die Zahlen in Mitteleuropa immer noch grandios. Im Vergleich zu China dagegen, dem weltgrössten Automarkt – aber lassen wir das.

Man kann also durchaus Verständnis haben dafür, dass gewisse Hersteller nun doch nicht mehr alles auf das Strom-Pferd setzen wollen. Bei den Amerikanern, also Ford und GM, ist das irgendwie klar, erstens scheint ihre Kompetenz nur so mässig, zweitens verdienen sie mit Abstand am meisten Geld mit fetten Pick-up mit ganz fetten Verbrennern. Diese Kuh wird gemolken, so lange sie sich noch in den Stall schleppen kann. Auch Mercedes hat den Rückwärtsgang eingelegt, will keinen genauen Termin mehr nennen für einen Verbrenner-Ausstieg, investiert dafür wieder in einen Doppel-Turbo-V8, weil niemand, gar niemand einen SL mit vier Zylindern für 150k kaufen will. Das war absehbar (also: der V8), auch wenn es noch vor wenigen Wochen lächerlicherweise heftig abgestritten wurde.

Und nun also auch noch Volkswagen. Dort hat man in den letzten Wochen das Budget für Forschung und Entwicklung massiv umgeschichtet. Von den 180 Milliarden Euro, die man bis 2028 investieren will, fliessen nun nur noch zwei Drittel in die Elektrifizierung und Digitalisierung (wobei letzteres wohl sogar den höheren Anteil benötigen wird). Dafür sind jetzt plötzlich wieder ein paar Euro da, «um unsere Verbrenner-Autos wettbewerbsfähig zu halten», wie Arno Antlitz, COO/CFO des Konzerns, erklärt. Um dann gleich auch noch hinzuzufügen: «Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei». Einfach so unter uns Klosterschwestern: 60 Milliarden sind ein Brett, das reicht für weit mehr als ein paar Weiterentwicklungen, sogar bei Volkswagen. Vielleicht kann man sogar eine Software entwickeln, die den CO2-Ausstoss bei Verbrennern ganz unterbindet, zumindest beim Messen.

Die Wortwahl des ansonsten so eloquenten Arno Antlitz erstaunt schon. «Die Zukunft ist elektrisch», das weiss und sagt er auch. Man kann sich nun fragen, ob er als Chief Financial Officer einfach nur Vorsicht walten lässt, den Euro noch mitnimmt, wo er einen mitnehmen kann (was der immer nur an seinen eigenen Vorteil denkende Shareholder ja von ihm verlangt) – oder ob auch ihm klar ist, dass die Musi in Zukunft eh woanders spielt, er eh nicht genug Flüssiges bereithalten kann, um mit den Chinesen mithalten zu können. Dann könnte man sich aber weiter fragen, warum er nicht sein ganzes Spielgeld auf die Verbrenner (und die Digitalisierung) setzt, wohl bis etwa 2050 werden wohl sowieso noch fossile Brennstoffe zum Explodieren gebracht, dann ist er 80 und seit 20 Jahren sorglos mit einer grossartigen Pension. Und den jetzigen Shareholdern danken auch nur noch deren Enkel und Erben. Die aber dann wohl mit einem chinesischen Auto rein elektrisch fahren müssen.

Aber ich staune schon über diese etablierten Hersteller. Wer etwas weiter denkt als nur an den aktuellen Shareholder-Value, dem ist ganz offensichtlich, dass die Zukunft elektrisch ist. Und wer jetzt nicht voll darauf setzt, der wird in sehr absehbarer Zukunft nicht mehr mitspielen. Und wird schon vorher an der Börse abgestraft, denn diese ergötzt sich ja an Fantasien. In den Plüschetagen in Wolfsburg, Stuttgart, Detroit, Paris, auch Tokio sollte man das doch auch wissen – oder ist der aktuellen Manager-Generation dieser Horizont zu weit, der Fallschirm zu gülden? Aber vielleicht gilt auch die andere feine Manager-Regel: Wer nichts tut, macht auch nichts falsch.

Ganz sicher falsch ist dagegen die Entscheidung aus Brüssel, chinesische Elektro-Fahrzeuge mit Strafzöllen von bis zu 38 Prozent zu belegen. Es sei erwiesen, dass der chinesische Staat gewisse Hersteller mit bis 2 Milliarden Euro subventioniert habe – ui. VW würde sich bedanken, wenn sie nur so wenig Stütze vom Staat erhalten hätten auf dem Weg zur Energiewende. Die Brüssel mit diesem dümmlichen Schritt, den eigentlich nur die französischen Hersteller wollten, nun quasi abgesagt hat. Die Vergangenheit ist in Europa tatsächlich noch nicht vorbei, sie feiert fröhlich Urständ – während in anderen Weltregionen täglich umweltfreundlichere Batterien, bessere Lader und sinnvollere Automobile vorgestellt werden. Die aber nicht nach Europa kommen werden, hier sollen wir auch zukünftig mit jetzt schon veraltetem, aber immerhin einheimischem Elektroschrott vorliebnehmen.

Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

3 Kommentare

  1. maxi moll maxi moll

    Sie kapieren es noch immer nicht!

    Volchswoogen als Beispiel:

    GOLF 800 Kilo 50 kw E-motor gebaut in Deutschland = 12,900.- EURO

    ich bin fertig

    und net immer relativieren und bla bla bla.. kann man oder will man nicht?

  2. Rolf Rolf

    Liebes radical-Team, ihr habt das immer noch nicht kapiert.

    Wir haben hier in Deutschland die besten Autos der Welt, die fähigsten Ingenieure und die klügsten Kunden.
    Wir haben auch die FDP und die will „Technologie-Offenheit“.

    Was das ist, sagt man uns nicht.
    Ist das ein neuer Wundersprit, wo dann nur Blümchenduft hinten rauskommt?
    Wo kommt der her? Aus Brasilien, wo sie dann den Regenwald weiter roden, um gelbe Blümchen anzupflanzen?
    Kommen dann neue Autos (natürlich Verbrenner) und eine neue Infrastruktur?

    Das können wir in Deutschland nä(h)mlich super, das mit der Infrastruktur.
    Wir haben sogar ganz Schleswig-Holstein voller Windräder, die zur Hälfte stillstehen, weil es keine Leitung nach NRW oder Bayern gibt, wo der Strom gebraucht wird.

    Aber egal, die FDP sagt, wir werden Technologieführer und die Welt wird uns alles aus den Händen reissen.
    Die wissen echt alles, obwohl sie seit ewigen Zeiten an der 5 Prozent Hürde rumkrebsen. Immerhin haben sie eine Menge Macht in Deutschland, lange schon.

    Dass nun in 2023 Model Y das meistverkaufte Auto der Welt geworden ist, ist auch egal. Technologieoffen heisst ja auch, dass man E-Autos bauen und kaufen darf.

    Der gesamte Westen wird völlig ohne (Waffen-)Krieg, nur rein wirtschaftlich und durch Abhängigkeiten unter chinesische Kontrolle fallen, aber bis dahin sind wir weiter so richtig schön arrogant.

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