Zurück zum Content

Aus dem Redaktionsalltag

Grobes Geschütz

Es begab sich an diesem wunderfeinen Sonntagmorgen, ich sass auf der Terrasse beim ersten Kaffee und der zweiten Zigarette, scrollte durch die Mails, als ich auf die Zuschrift eines Herrn aus Deutschland stiess. Dieser hatte im vergangenen Jahr einen Hypercar über ein bekanntes Auktionshaus versteigern lassen wollen, doch die Angebote entsprachen wohl nicht seinen Vorstellungen. Wo genau diese lagen, manifestierte sich nach der Auktion, als das Fahrzeug auf der Plattform des Auktionshauses zu einem festen Preis angeboten wurde. Dies habe ich, wie üblich, fein säuberlich in der entsprechenden Sammlung dokumentiert, selbstverständlich mit allen Bildern, die dazu verfügbar waren (und immer noch sind), ohne weiteren Kommentar. Nun verlangte dieser Herr ultimativ, dass ich all diese Angaben sofort zu entfernen habe, er schoss gleich aus allen Rohren, Rechtsanwälte, tralala.

Ich war sonntäglich bester Laune und antwortete ihm, ich gebe es zu, einigermassen süffisant, dass er doch einfach freundlich hätte fragen können, ohne gleich das ganz grobe Geschütz aufzufahren. Und teilte ihm auch noch mit, wie ich die Lage einschätze: Eine Versteigerung, wie sie verschiedenen Auktionshäusern organisiert wird, ist ein öffentliches Angebot im öffentlichen Raum (in diesem Fall: dem gar nicht mal so kleinen Internet). Dieses Angebot nun will eine möglichst breite Öffentlichkeit ansprechen – und ist deshalb darauf angewiesen, dass es weiterverbreitet wird (irgendwie noch verständlich, ein Angebot, von dem niemand etwas weiss, erweist sich im Normalfall als nicht besonders erfolgreiches Geschäftsmodell). Sämtliche Angaben zu diesem öffentlichen Angebot, Text, Bilder etc., werden vom Anbieter frei zugänglich gemacht, denn eben, sie sollen ja verbreitet werden. Genau das habe ich getan – wie schon so oft.

Nun denn, die Antwort kam sofort, nun noch einige Stufen verschärft. Die Wortwahl liess darauf schliessen, dass der Herr dies nicht zum ersten Mal machte; ich übermittelte den Schriftverkehr meinem Anwalt. Wir kamen zum Schluss, dass wir einer allfälligen Klage doch sehr gelassen entgegensehen können, in diesem Sinne antwortete ich auch dem Herrn aus Deutschland. Heute morgen, Montag, erfolgte dann die nächste Eskalationsstufe, Einleitung zivilrechtlicher Schritte wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung, Geltendmachung von Schadenersatz und Genugtuung, Prüfung weiterer rechtlicher Schritte im Zusammenhang mit unlauterem Wettbewerb und rufschädigender Marktbehauptung, etc. – Kanonen. Nach kurzer Rücksprache mit meinem Anwalt nahm ich den entsprechenden Artikel vom Netz. Aus einem ganz einfachen Grund: Ich habe weder die Zeit noch die Nerven und auch nicht das Geld, mich auf einen langwierigen Rechtsstreit einzulassen. Und dann ist da ja auch noch: Karma.

Es ist aber so: Es geht hier um etwas ganz Grundsätzliches. Eine Kleinigkeit namens Pressefreiheit nämlich. Ich erlaube mir hier auf «radical», die Geschichten einiger (zumeist teurer) Fahrzeuge zu dokumentieren. Zeige – häufig mit den Bildern der Auktionshäuser – den aktuellen Ist-Zustand eines Automobils, übernehme – meist unkommentiert, ausser, es ist wirklich zu dumm – die Beschreibungen der Fahrzeuge zum aktuellen Moment, gebe die Schätzpreise an und auch noch die erzielten Resultate. Wenn genau dieses Fahrzeug in drei oder sieben Jahren oder auch schon in sechs Monaten wieder auf den Markt kommt, dann hat die Betrachterin, der potenzielle Interessent allenfalls eine Referenz. Ich mache das weder für die Auktionshäuser noch für die Verkäufer, sondern einzig und allein für die Leserinnen, also allfällige Käufer. Das Spiel heisst: Transparenz. Und wenn das nicht mehr erlaubt sein darf, dann hat nicht nur radical, sondern noch manch andere Publikation ein richtig grosses, fieses Problem. Man kann es ja weiterdenken, wohin das führt. Willkommen in diesen Trump’schen Zeiten: Drohe der Presse mit Klagen – und sie wird dann schon klein begeben. Ist mir jetzt auch passiert, ich hätte nicht im Traum gedacht, dass so etwas einmal geschehen könnte.

Aber machen Sie sich keine Sorgen. Alles wird gut.

4 Kommentare

  1. Beat Walti Beat Walti

    Ich würde mir da nicht zu grosse Sorgen machen. Bellende Hunde und so….

  2. Max Max

    Fehlspekulierender auf der Suche nach Sündenbock.

  3. Nicht zu fassen!
    Durch nichts und niemanden darf die Presse ruhig gestellt werden. Ich bin sehr froh in einer Demokratie zu leben. Das soll auch so bleiben, bitte!

  4. fancy pancy mike fancy pancy mike

    Grüß Gott,

    ich lese ja „radical-mag“, weil man einen Einblick in die Branche, zu Autos, und deren relevanten Themen bekommt.
    Exkurs: „Radial“ Synonym für elementar, radikal, rigoros etc. und „mag“ auf österreichisch (i mog) für mögen, macht Artikel lesbar- abseits von „Marketing/ Influenzer- blabla“ – und wertvoll.
    Das bedeutet ja nicht, daß Leser und Schreiber gleicher Meinung sein müssen.
    Aber wenn Tatsachen nicht mehr veröffentlicht, oder ausgesprochen, werden dürfen, wird`s halt schwierig. Auch für uns als Gesellschaft!
    Ich dachte diese Unart gibt`s nur im politischen Journalismus……

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert