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Fahrbericht (Zastava) Yugo 45

Stirb langsam

Zaid behauptet, er sei über 120 gefahren. Das glaube ich ihm nicht. Ausser vielleicht: bergab. Aber auch dann: Man muss es ja wieder bremsen. Und obwohl ich Zaid viel zutraue, die Eier hat auch er nicht. Ich mühe mich mit knapp 70 ein Hügelchen hoch, gut, ich will den Yugo jetzt auch nicht zu sehr plagen, Alexander, der Besitzer des Fahrzeugs (und auch der Markenrechte), sitzt neben mir, aber viel mehr würde eh nicht gehen. 120, niemals, das 0,9-Liter-Vierzylinderchen mit seinen 45 PS ist ein doch eher zäher Bursche. Zumindest, was die Drehfreudigkeit und die Laufkultur betrifft – in Sachen Langlebigkeit werden ihm keine Wunderdinge nachgesagt. Dafür liess er sich immer einfach reparieren, das wichtigste Werkzeug sei der Gummihammer.

1953 war Crvena Zastava, rote Flagge, in Kragujevac gegründet worden. Ende der 50er Jahre begann die Jugoslawen mit der Lizenzfertigung des Fiat 600, bezeichnet als Zastava 750. Das lief recht anständig, es wurden andere Fiat kopiert – und Mitte der 70er Jahre wurden die Jungs etwas übermütig, wollten ein eigenes Auto konstruieren. Klar, die Basis war wieder ein Fiat, diesmal der 1971 vorgestellte 127, aber der Radstand wurde von 2,23 auf 2,15 Meter verkürzt – und dazu ein eigenständiges Design entworfen. Wobei Design vielleicht etwas übertrieben ist, da wurden ein paar Kanten zusammengenietet, fertig war. Für Vortrieb sorgte besagtes 45-PS-Maschinchen. Erstmals gezeigt wurde der Zastava Yugo 45 1980 auf der Leipziger Messe, ab 1981 lief die Produktion in Kragujevac an, bis zu 200’000 Exemplare pro Jahr wurden gefertigt. Am 9. April 1999 zerbombten die Amerikaner das Werk, danach war nichts mehr wie früher, auch wenn bis 2008 irgendwie weitergebastelt wurde. Insgesamt wurden es so 774’941 Exemplare.

Über die Jahre wuchs die Leistung auf 55, dann 60, schliesslich sogar 65 PS (dies dann aber mit einem 1,3-Liter-Vierzylinder, den es auch mit einer digital geregelten Einpunkt-Saugrohreinspritung gab). Es gab auch ein geniales Cabrio, ein Design-Meisterwerk, entstanden mit der Kettensäge – offen war das Fahrzeug wohl dichter als mit Verdeck. Irgendwann fiel der Markenname Zastava weg, irgendwann hiessen die Dinger Koral, ab 1986 wurden sie in die USA exportiert. Das war einerseits ein Segen, Zastava konnte jeden Dinar brauchen, andererseits dafür verantwortlich, dass der Yugo ganz schnell Karriere machte als «schlechtestes Automobil aller Zeiten» (New York Times). Es gab reichlich Film-Auftritte, Dragnet, 1987, mit Dan Aykroyd und Tom Hanks, Stirb langsam, 1995, mit Bruce Willis, Bowfinger, 1999, mit Steve Martin, Cars 2; Bette Midler stirbt in «Im Fall Mona» (2000) in einem Yugo. 2010 schrieb Jason Vuic ein Buch mit dem eindeutigen Titel: «The Yugo: Rise an Fall of the Worst Car in History».

Dabei: Eigentlich hat der Yugo seinen schlechten Ruf gar nicht verdient. Nach Deutschland wurde er ab 1990 offiziell importiert und beworben mit: «Mehr Auto braucht kein Mensch». Was ja auch stimmt, vier (oder in extremen Notfällen auch fünf) Menschen können mit ein ganz klein wenig Gepäck von A bis wahrscheinlich B transportiert werden. Bequem oder gar komfortabel ist es nicht, auch nicht ruhig, aber dafür billig: In den USA wurde der Yugo für 3990 Dollar angeboten, in Deutschland kostete er unter 10’000 DM, also etwa zwei Drittel des günstigsten VW Polo. Gut, die Verarbeitung war wirklich ein grosses Problem, Spaltmass, dafür wehrten sich die Yugo auch so wirklich gar nicht gegen Rost. Man hat das Gefühl, dass sogar der reichlich verbaute Hartplastik im Yugo rosten könnte. Und die dünnen Sitzpölsterchen ebenfalls. Auch schön: die Geruchsentwicklung.

Wir haben den Gipfel dann doch noch erreicht. Der Wendekreis ist für so ein kleines Fahrzeug überraschend gross, Servo oder sonstiges elektronisches Zeux ist selbstverständlich gar nicht vorhanden – kann in der Folge aber auch nicht kaputtgehen. Bergab geht es logischerweise schneller als vorher hoch, doch die Bremse scheint nur so minimal vertrauenswürdig, das braucht dann schon viel Druck. Also, sehr viel. Hallo, Bremse, äh – es ging dann gerade nochmal gut, mein Mütchen war aber gekühlt. So rollen wir dann ganz gemächlich, friedlich einher, das Motörchen tuckert vor sich hin, das Fahrwerk ist zwar weich abgestimmt, gibt aber trotzdem eine sehr unmittelbare Rückmeldung vom Strassenzustand an die Insassen weiter. Das ist auch eine Form der ansonsten nicht wirklich stattfindenden Sicherheitsausstattung: Man bleibt auf jeden Fall wach.

Es ist, wie so Vieles im Leben, halt relativ: In den ehemaligen jugoslawischen Ländern wird der Yugo heute mehr geliebt als damals, als es ihn neu zu kaufen gab. Er ist ein Held, er war für viele Jugoslawen das erste Auto – und er ist ein Symbol dafür, dass man auch unter schwierigen Umständen etwas erreichen kann. Natürlich darf man ihn trotzdem ein bisschen belächeln, den Kleinen, aber er ist halt auch sympathisch, reduziert auf das Wesentliche. Was uns doch ganz allgemein gut tun würde. 120? Never, nicht mal im Traum.

Wir fuhren diesen Yugo im Rahmen einer Veranstaltung von CarDesignEvent. Mehr spannende Fahrzeuge haben wir in unserem Archiv.

8 Kommentare

  1. Anton Anton

    Da fehlen nur noch 2 Sachen..

    1.) Bruce Willis + Samuel L Jackson
    2.) der Goldbarren

    Simon befiehlt..

    Das Auto mit der Resteverwerteten Inocenti Karosserie ( oder balkan reverse engeneering sbrzka..) nimmt das Mopedauto vorweg.
    Wenn man schaut das diese 5kw Dinger 500 Kilo haben.. wahnsinn..
    Als Keycar wirst in Japan vom Hondaaa betoniert, der wiederum und leider so
    sau tuer ist, bei uns in Eurpa, das er sich net auszahlt..

    Der Bericht ist spassig.
    Hatte selbige Karre in Dubrovnik in den mid 80zigern..
    Das war was..
    Und 2025 haben alle Herstller Angst davor, das wer kommt und das in neu und besser und leicht baut.. so 15-20 kw sub 500 Kilo.
    6900.- Euro..
    Ich wette der Markt verblutet. Oder wolen Sie ernsthaft eine
    Walleiche ala Skoa Einiykack oder reich scheiss, kaufen, der fett , träge über
    2300 Kilo grotten end hässlich und lächerlich wei harter Stuhl in jeder Gasse, von
    Wien stecken bleibt, und für diese Geschmacksentgleisung über 40.000 Euro hin
    legen?
    Sind Sie perves oder vollblind?
    eben.
    tauschen Sie die fette Karre mit 100% aller derzeitigen E-kisten oder Mülltonnen.
    Die chinesichen am schlimmsten.
    Der Scheisseimer von Täsle am peinlichsten.
    eben.

    Der Yugo ist eine Wohltat.
    er kann nix er tut nix.
    Aber erzählt net wie die obigen auf 1000 Werbeseiten wie toll die sind.
    sind sie nicht.
    Aber. deppen werden gefangen. Und deppen kaufen.
    Die, die gerade vor meinem Alfa Rome Giulia sind.. 2028. 3.0 v6 500ps handg..

    Als wäre vor mir eine rollende Komastation mit bereits toten aber frisch gehalten Leichen.. sind Leichen.
    grausig so zu enden..
    CIAUuuuu und gute Weihnachten.

    ( ich sitz gerade im beginnenden Stau, weil ein Datschia Depperl in einen Volchswogen gebretter ist, der einen chipionkgchuk abgeschossen hat.
    auf der GERADEN TROCKENEN STRASSE– was muss man da können?
    und so lese ich radicalMag)

    bella

    • Rolf Rolf

      Zu Letzterem:

      Ganz einfach: Smartphone.

  2. Rolf Rolf

    Mal ehrlich, das war eine üble Kiste (siehe „Spaltmaß“ auf dem Foto mit dem rechten Rücklicht) und kein Mensch würde heute so etwas kaufen.

    Vor diesem gab es den genauso kargen Polo, siehe Fahrbericht VW Polo (1975) bei radical. Dieser sah wenigstens hübsch aus, kam laut Wiki ja 1974 als Audi 50, von Gandini gezeichnet, auf den Markt. Ich wusste gar nicht, dass wir auch mal einen echten Gandini hatten …..

    Den konnte man auch problemlos 120 fahren, sogar Tacho 140, mit gehörigem Anlauf.

    Heute wollen alle den absoluten Ausstattungs-Overkill und der Kunde entscheidet.
    Als ich kürzlich den wunderbaren elektrischen R5 probefuhr, abends, war ich erst mal entsetzt, als ich den Startknopf drückte und das Cockpit aufleuchtete. Ein Airbus ist nix dagegen.

    Es gab mal in Japan 3 Meter Autos (sonst musste in Tokio ein Parkplatz nachgewiesen werden, der pro Monat mehr kostete als die 12 Quadratmeter „Wohnung“), die hatten starke Turbo-Motoren, Automatik (Dauerstau), super-Hifi und alles, was es damals so gab.

    Bei uns ist es heute ähnlich, jedes Auto muss alle Features haben. Und je mehr Display, umso besser.

    • Max Max

      „Heute wollen alle den absoluten Ausstattungs-Overkill und der Kunde entscheidet.“

      Da wär ich nicht so sicher die Zeit der Basic Cars hat erst begonnen mit Microlino, Ami RocksE etc.

      Und es ist Brüssel mit immer mehr Vorschriften die die Autos immer komplizierter und teurer machen. Und demnächst auch noch den Gebrauchthandel so erschweren will, dass viele kapitulieren.

      Und sogar Trump findet Kei Cars gut.

      • Rolf Rolf

        Ach der, privat u.a. Phantom und als Firmenewagen The Beast.

        • Max Max

          Der würde doch am liebsten die ganze Zeit mit dem Golf Cart rumfahren,

          Aber bis auf ein paar Verirrungen ist sein Fuhrpark ganz erträglich:
          Rolls-Royce: Er besaß einen Phantom und einen Silver Cloud.
          Mercedes-Benz: Ein SL 560 (ein Geschenk an Ivana) und ein gepanzerter S 600 Guard.
          Ferrari F430: Ein rotes Exemplar, das später versteigert wurde.
          Lamborghini Diablo VT Roadster (1997): Ein einzigartiges, blaues Einzelstück mit V12-Motor.
          Cadillac: Maßgefertigte Stretch-Limousinen der „Trump Golden Series“ und Executive Series.
          Tesla Model S: Ein rotes Model S, das er als Präsident erwarb.

  3. Christian Christian

    Also, schauen wir einmal in das Jahr 1981 zurück, und hier speziell nach Jugoslawien.
    1980 war der „König von Jugo“, Josip Broz, besser kekannt als Tito gestorben und das Land „lebte“ ein wenig auf. Allerdings zeigten sich schon die ersten Risse im Staatsgefüge, denn der „König“ hatte vieles zusammengehalten…..
    Der Yugo war also für das Land, bei Kenntnis der wirtschaftlichen Situation im Land, schon eine beachtliche Leistung. Er war m. E. so eine Mischung aus VW Polo/Fiat 127 und Ente. Das Auto sollte einerseits modern sein aber andererseits auch ein echtes Nutzfahrzeug darstellen für Bauern, Handwerker, etc. Einige werden sich noch an den Trabi-Nachfolger, der ja angeblich fertig entwickelt, mit Schrägheck und Frontantrieb war, erinnern. Und es dann dank sozialistishcer Mangel- und Kommandowirtschaft nicht in die Serienproduktion schaffte. In Jugoslawien waren die Verhältnisse vielleicht dank den Einnahmen aus dem Tourismus ein klein wenig besser, aber auch hier „schlug“ der Sozialismus und eine gelenkte Wirtschft noch voll durch. Eigentlich muss man die Menschen bewundern, die unter solchen Gegebenheiten doch noch ein fahrfähiges Auto „auf die Räder“ stellten.
    Ich gebe es zu, ich habe ihn auch belächelt (teils aus westlicher Überheblichkeit, teils aus Unwissen über die Verhältnisse im Land) und heute stelle ich ihn in die Reihe mit, eben, 2CV, Fiat 127, VW Polo usw. Das Auto gehört zu Jugoslawien wie der damals immer gern gehörte Aussspruch „Nema Problema!“ wenn z. B. wieder mal kein Strom da war, der Diesel an der Tanke dreckig war, oder die Toilette im Ferienhaus nicht abgelaufen ist. Iregndwie liebenswürdig und immer mit einer Idee, wie es doch weitergehen kann.

  4. B.P. B.P.

    Genau so eins war meins – erstes Auto bereits 7 Jahre nach dem Tod Jugoslawiens. Die Fahrertür ist bei dem Testexemplar jedoch beleidigt worden – so schlechte Spaltmaße hatte der Yugo eigentlich nicht.

    Und 120 war allemal drin! Der 45-er erreichte bei der Geschw. ein Nirvana – alles wurde ruhig, nichts vibrierte mehr, nur noch die Hochfrequenz des kleinen Vierzylinders war zu hören.

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