Die Streber
Eric Li kennt man auch als Li Shufu, er hatte seine Karriere mit Recycling von Elektroschrott (sic!) und der Produktion von Kühlschrankteilen begonnen, er wird im Sommer 63 – und ist wahrscheinlich der mächtigste Mann der Auto-Industrie. Nicht bloss ist er Gründer des Geely-Konglomerats mit mindestens 16 Marken, er ist auch grösster Einzelaktionär bei der Daimler AG und hat sich in die Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz eingekauft. Ach ja, bei Aston Martin ist er ebenfalls mit im Spiel, aber das wohl mehr als so als Zeitvertrieb, Geld verdienen lässt sich mit den Engländern bekanntlich nicht. Aber Li Shufu hat es, das Spaziergeld, offiziell nicht so viel wie Elon Musk – aber er hat dafür noch mehr Macht, viel mehr Einfluss in der Auto-Industrie. Die Prognose, dass Geely zusammen mit BYD die nächsten zehn Auto-Jahre dominieren wird, ist nicht besonders gewagt. Und es macht den Eindruck, als hätte Li Shufu ein Lieblingskind. Zwar hat er mit Lotus und Volvo zwei berühmte europäische Premium-Marken in seinem Portfolio, er hat auch noch Polestar und Lynk & Co. und eine kaum mehr überblickbare Masse an weiteren chinesischen Brands unter seiner Fuchtel, doch irgendwie macht es je länger, je mehr den Eindruck, als ob Zeekr die weltweite Speerspitze des Geely-Konzerns werden darf.

Zeekr? Nein, das ist nicht ein geheimes Rezept für eine chinesische Suppe mit Gänsefüssen, sondern setzt sich zusammen aus der Generation Z und einem «geek», einem Streber, verwandt mit dem mittelniederdeutschen Wort «Geck». Zeekr, gegründet erst 2021, hat tatsächlich so etwas Streberhaftes, will immer ganz vorne dabei sein, lieber mittendrin als voll daneben. Doch es gibt sie ja tatsächlich, wenn auch selten genug, diese Musterschüler, die zudem bei den Mädels den richtigen Schmus bringen können und auch beim Fussball auf dem Pausenplatz noch zuerst gewählt werden. Das kann man eigentlich weder am Reissbrett konstruieren noch in der Marketing-Abteilung in Auftrag geben, doch Shufu scheint ein Händchen dafür zu haben. Als erstes Modell lancierte Zeekr in China den mächtigen, fast fünf Meter langen und 2,3 Tonnen schweren 001. Die Bezeichnung mag nun extrem phantasielos sein, aber man kann sich ja gut auch das Geld sparen für Agenturen, die dann für teuer so grosse Würfe wie Karl oder Koleos hervorbringen. Aber man muss ihn sich halt genau anschauen, diesen 001, eine Mischung zwischen dem verunglückten Ferrari Purosangue und einem Aston Martin Shooting Brake, den es leider seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Vielleicht war der Zeekr 001 «the most sexy electric car», den es Anfang der 20er Jahre zu kaufen gab.





Man muss sich das Geely-Konglomerat vorstellen wie ein grosses Warenlager. Am Eingang hängt eine grosse Bestandesliste, dann kann sich jede Marke bedienen, so, wie es ihr gefällt. Selbstverständlich verläuft das nicht komplett planlos, die einzelnen Marken müssen schon begründen können, wie sie zum Beispiel die SEA-Plattform nutzen wollen, wie sie damit Geld zu verdienen gedenken. Die Billigeimer für den Heimmarkt erhalten das gute Zeux natürlich nicht, Zeekr aber halt eben schon, wie man beim jüngsten Modell sieht, das jetzt auch in Europa angeboten wird: Mit dem 7X haben die Chinesen einen rausgehauen, der zumindest in Europa seinesgleichen sucht. SEA-Plattform, klar, 800-V-Architektur, muss heute einfach sein. In der Basis-Version gibt es die hauseigene «Golden Battery» mit 75 kWh und (günstiger) LFP-Chemie, die mit chinesischen Ladeanschlüssen und entsprechenden Schnelladern mit bis zu 480 kW betankt werden kann. Gut, das gibt es in Europa (noch) nicht, aber mit den auch in Deutschland und der Schweiz möglichen 360 kW Spitzenladung macht der Zeekr immer noch alle richtig nass, inkl. drei Mal teureren Porsche und Audi. In 13 Minuten geht es von 10 auf 80 Prozent Ladezustand (in China sogar in 10,5 Minuten). Der 103,8-kWh-CATL-Akku im Topmodell kann das nicht ganz so flott, aber 16 Minuten für 10/80-SoC sind immer noch ein Spitzenwert. Ach ja, es gibt den 7X ab 53’990 Franken, die all-inclusive-Variante mit der grossen Batterie, Allradantrieb und feinsten Materialien im Innenraum kostet 64’900 Franken – da beginnen bei den europäischen Premium-Herstellern die Preislisten für Mittelklasse-Fahrzeuge. Ohne Strom.




Der schon ein bisschen legendäre 001 steht auch weiterhin im Programm, dies ab 59’990 Franken. Und dann ist da noch der X, den man durchaus als ein fahrendes Smartphone bezeichnen kann, da sind die Chinesen nicht einmal beleidigt. Er kann das, was ein iPhone 17 oder das neuste Samsung-Dings auch können, er spielt mit dem Piloten Playstation 17 und generiert per sofort die aktuellsten Spotify-Listen, er antwortet über Sprachbefehle auf WhatsApp-Nachrichten und liest die News aus dem Darknet vor. Vor allem aber ist so ein X doch erfreulich kompakt, 4,43 Meter lang, 1,84 Meter breit, 1,57 Meter hoch. Damit liegt er irgendwo zwischen Kompaktwagen und SUV, doch einordnen lassen will er sich sowieso nicht, was man auch an seinem durchaus gewagten und gleichzeitig adretten Design sieht. Die vielen Kanten und Brüche stehen dem Chinesen gut, er fällt auf – etwas, was den anderen chinesischen Herstellern eher abgeht. Mit Vollausstattung und Allradantrieb und 428 PS und einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden kostet so ein X 46’990 Franken; die Basisversion gibt es ab 37’990 Franken.






In der Schweiz ist Zeekr seit Mitte 2025 vertreten, dies über die Emil Frey AG (wie auch Leapmotor). «Wir sehen eine starke Synergie zwischen der Premium-Positionierung von Zeekr, der Spitzentechnologie und der europäischen Design-DNA mit Wurzeln im schwedischen Göteborg und den Erwartungen der Schweizer Kundinnen und Kunden», erklärt Marcel Guerry, CEO Emil Frey Gruppe Schweiz. Ein noch junges Team darf sich mit Enthusiasmus mit dieser neuen Marke beweisen – und sie haben noch ein schlagendes Argument in Hinterhand: Jeder Zeekr wird mit einer zehnjährigen Garantie ausgeliefert, die bis zu 200‘000 Kilometer Laufleistung abdeckt.
Es ist dies eine Story aus radical#6. Mehr gute Geschichten hat es im Archiv.


Herr Marcel Guerry hat per Ende 2025 bei Emil Frey aufgehört, ob das psitiv oder negativ ist, überlasse ich den Lesern.
(bigsmile) – und ja, ich weiss das, aber den Zeekr-Deal hat er halt damals noch signiert…