Résistance
Es waren Mitte der 30er Jahre düstere Zeiten, auch im Rennsport. Die beiden deutschen Hersteller Mercedes-Benz und Auto Union dominierten (fast) alles, auch deshalb, weil die Nazi-Regierung ihnen fast unendlich Geld zur Verfügung stellte, sie sich gegenseitig in immer höhere Sphären trieben, zu Rekordfahrten mit über 600 PS antraten. In Frankreich sah man diesem Treiben etwas hilflos zu. Zwar gewannen die einheimischen Hersteller zwischen 1937 und 1939 noch die 24 Stunden von Le Mans, doch wenn es um Geschwindigkeits- und Ausdauerrekorde ging, da schienen die Nazis unschlagbar. Also lobte die französische Regierung in Zusammenarbeit mit dem Automobile Club de France den «Prix du Million» aus, eine Million Francs für den französischen Hersteller, der vor dem 31. August 1937 den von Mercedes aufgestellten Geschwindigkeitsrekord auf der Strecke von Montlhéry brechen konnte (200 Kilometer mit einem Schnitt von mehr als 146,5 km/h mussten es sein). Bugatti schickte einen modifizierten Type 51 ins Rennen, musste aber bald schon mit technischen Problemen aufgeben. Aber dann war da noch Delahaye. Und eine Dame namens Lucy Schell O’Reilly.

Lucy, geboren 1896 in Paris, war das einzige Kind eines amerikanischen Baulöwen und einer Französin. Kurz vor dem 1. Weltkrieg traf sie «Laury» Schell, Sohn eines amerikanischen Diplomaten, geboren in Genf. In den 20er Jahren begann sich das Paar für den Motorsport zu interessieren, Lucy fuhr zuerst auf Bugatti Rundstreckenrennen, gewann dann 1929 auf einem Talbot die Coupe des Dames bei der Rallye Monte Carlo. 1933 besuchte sie zusammen mit ihrem Mann den frischgebackenen Rennleiter von Delahaye, Charles Weiffenbach, in dessen Büro, verlangte nach einem Fahrzeug mit kurzen Chassis (134) und dem grossen 3,2-Liter-Sechszylinder aus dem 138 – der Delahaye 135 war geboren. Als sich Delahaye 1936 wieder aus dem rennsport zurückzog, übernahm das Rennteam von Schell O’Reilly, die Écurie Bleue; finanziell war das kein Problem, Lucy hatte gerade das Vermögen ihres Vaters geerbt. Aus dem sie nun ein neues Projekt finanzierte, einen 4,5-Liter-V12, den Jean François konstruierte. Ziel war die oberste Liga, Grand Prix, Le Mans. So ganz nebenbei holte sich das Delahaye 145 getaufte Fahrzeug auch noch den «Prix de Million», am Steuer des Fahrzeugs mit der Chassisnummer #48773 sass René Dreyfus (Bild oben). Doch viel mehr ging dann nicht mehr, Dreyfus gewann noch den GP von Pau 1938 sowie den GP von Cork im gleichen Jahr.
Insgesamt wurden zwölf dieser Zwölfzylinder gebaut von Delahaye. Vier davon (48771, 48772, 48773 und 48775) wurden für die zweisitzigen 145 verwendet, einer für den einsitzigen 155 (48774). Dazu kamen noch vier 165 (60741, 60742, 60743, 60744), mehr so Gran Turismo als Sportwagen, je zwei Exemplare eingekleidet von Henry Chapron sowie Figoni & Falaschi (letztere zwei existieren noch). Insgesamt brachte das viele Geld von Lucy aber nicht den erhofften Erfolg, sie wanderte 1939, nach dem Tod ihres Mannes, in die USA aus; Lucy Schell O’Reilly verstarb 1952 in Monaco.

Nun haben wir hier aber noch die Fortsetzung, Chassisnummer #48773, wahrscheinlich Gewinner der Million sowie der Rennen von Pau und Cork (andere Quellen meinen, das sei #48771 gewesen). Das Fahrzeug wurde im 2. Weltkrieg versteckt, 1946 von einer Privatperson gekauft – und sofort zu Marius Franay geschickt, der dem Renn-Zweisitzer ein neues Kleid verpasste. Bloss, der Kunde konnte nicht zahlen, weil er im Gefängnis sass, als kaufte Franay den Delahaye selber – und behielt ihn bis 1956, als seine Firma Konkurs anmelden musste. In den 60er Jahren wurde der Delahaye wieder zum Rennwagen zurückgebaut (die Franay-Karosse wanderte Delahaye 135 MS), in den 90er Jahren kaufte Sam Mann dann sowohl den 135 MS wie auch den 145, zwischen 2013 und 2015 wurde aus dem Rennwagen wieder das Cabriolet, das Franay entworfen hatte. RM Sotheby’s versteigert den grossartigen Delahaye nun in Monterey 2026, erwartet werden zwischen 4,5 bis 6 Millionen Dollar.
Andere grossartige Klassiker haben wir im Archiv.

