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Porsche 911 Speedster

Der Optiker

Speedster, ein schöner Begriff aus der Porsche-Geschichte. Schon 1954 wurde auf Wunsch des amerikanischen Importeurs Max Hoffman ein erstes solches Fahrzeug gefertigt, leichter, schneller, preiswerter als das 356 Cabriolet – und schon war eine Legende geboren. Bis 1958 wurden 4822 Stück verkauft, ein grossartiger Erfolg für die damals noch kleine Firma aus Stuttgart. Heute sind echte Speedster rar – und teuer.

 

In den 80er Jahren, als es Porsche nicht gut ging und gute Ideen gefragt waren, kam die Idee für einen Speedster wieder auf. Man hatte das 911 SC Cabriolet im Programm, eine gute Basis für eine weitere Entwicklung. Zu Beginn, man schreibt das Jahr 1982 waren anscheinend nur wenige Mitarbeiter in das Projekt eingeweiht, selbstverständlich Entwicklungschef Helmuth Bott und auch Chefdesigner Anatole Lapine. Es entstand ein erstes Versuchsexemplar, heute als «Bott-Speedster» bekannt, dem vieles entfernt wurde: Windschutzscheibe, Verdeck, Scheibenwischeranlage, Fensterheber, Notsitze. Dafür gab es eine Haube aus GFK mit einem Höcker hinter dem Fahrer, unter der sich ein (allfälliges) Notverdeck verbergen konnte. Neu war dafür eine Plexiglasscheibe, die kaum eine Handbreit hoch war und sich bis zum Ende der Türen spannte. Aber es war wohl zu früh, der Prototyp zu extrem. Erst im Herbst 1986 gab es einen neuen Entwicklungsauftrag, als Basis für diesen zweiten Speedster-Prototypen diente nun ein 3,2-Liter-Cabrio im so genannten Turbo-Look. Der Wagen, der als «Schutz Speedster» bekannt wurde, erhielt eine noch kleinere Frontscheibe als sein Vorgänger. Im Oktober 1986 beschloss der Vorstand den Bau einer «Speedster Strassenversion mit Notverdeck und Steckscheiben». Und im September stand auf der IAA eine Designstudie, ein Einsitzer mit einer gewöhnungsbedürftigen Rundum-Haube aus GFK.

1989 kam der Speedster dann auf den Markt. Vom einstigen Gedanken von Max Hoffman und dem 356 Speedster war allerdings nicht mehr viel übrig geblieben. Zwar war der Speedster tatsächlich 70 Kilo leichter als das 911 Cabriolet, aber es wäre mehr möglich gewesen, hätte Stuttgart auf den Turbo-Look (M491) verzichtet. Und wirklich günstiger war das Fahrzeug auch nicht: 110’000 DM verlangte Porsche für den Speedster, das (schmale) Cabrio gab es aber schon ab 94’200 DM. Schon damals hatte Porsche das Prinzip verstanden, dass «weniger» durchaus mehr kosten darf – die Turbo-Verbreiterungen waren ja eh schon vorhanden, für dieses «mehr» konnte man dann viel mehr Geld verlangen.

Der Speedster wurde zu einem Erfolg. Dies auch deshalb, weil damals, 1989, die «Supercar»-Blase schon mächtig Luft hatte, für Speedster-Verträge wurden dann auch gleich 150’000 DM geboten, bevor das Fahrzeug überhaupt auf der Strasse war. Andererseits: es waren schwierige Zeiten, nicht nur für Porsche, die gesamte Auto-Branche rutschte in eine Inflation. So gesehen sind die 2104 Exemplare, die innert weniger Monate abgesetzt werden, schon eine stattliche Anzahl. Seltener sind übrigens die schmalen Versionen, die es auf Wunsch auch gab, davon entstanden nur gerade 161 Exemplare.

Kürzlich durften wir so einen (breiten) Speedster fahren, zur Verfügung gestellt wurde uns das Fahrzeug von der Oldtimergalerie in Toffen (es wird am 29.12. in Gstaad versteigert, mehr Infos dazu: hier). Optisch ist er schon sehr fröhlich, ein klassischer 930er-Turbo als Cabrio, dazu diese aussergewöhnliche Verdeck-Haube – das sieht heute fast noch besser aus als damals. Dieses Fahrzeug ist in perfektem Zustand, auch innen, auch mechanisch. Und es ist halt immer wieder eine Freude, ein Luftgekühlten zu fahren, dieses so typische Geräusch, das Schnarren im Heck. Aber seien wir ehrlich: so ein Speedster sieht nach deutlich mehr aus als er tatsächlich ist, die 231 PS des 3,2-Liter-Boxer sind nicht gerade Wildpferde. Und irgendwie ist das auch egal, denn das Frischlufterlebnis ist derart grossartig, dass man gar nicht zu schnell fahren will. Sondern: geniessen. Zuhören. Wieder einmal einen 911er mit manuellem Getriebe bewegen. Dies auch im Wissen: keinerlei elektronische Helferlein.

Daran kann ich mich bestens erinnern, denn ich war damals, als der Speedster vorgestellt wurde, als noch junger Mann auf der Presseveranstaltung, irgendwo im italienischen Hinterland. Es war ziemlich kühl, die Nacht vorher hatte es noch geregnet, und ich kam auf nasser Strasse etwas zu flott auf diese eine Kurve zu, würgte noch den zweiten Gang rein – und trat dann, obwohl ich spürte, dass der Wagen sehr unruhig ist, zu früh wieder auf das Fahrpedal. Und produzierte einen der übelsten Dreher meiner Karriere, erstaunlicherweise ohne irgendwo anzuschlagen. Nach etwa drei Zigaretten war ich dann wieder fähig, den Speedster sicher nach Hause zu bringen; ich muss geschlichen sein, ich hätte ihn wohl auch stossen können und wäre wohl gleich schnell gewesen. Dieser Abgang bescherte mir dann auch ein jahrelanges 911er-Trauma, ich traute dem Wagen (und meinen Fahrkünsten) nicht, das hat sich erst vor ein paar Jahren wieder gebessert (ja, ich geb es zu: dank der elektronischen Helferlein).

So, wer sich nun nicht wirklich interessiert für die Details, der kann die Lektüre der folgenden Zeilen unterlassen, denn nun geht es: tiefer. Es gibt da nämlich eine Website, die sich sehr intensiv mit dem Speedster beschäftigt, auch eine grosse, sehr feine Story zu diesem Wagen verfasst hat: www.turbo-look.de. Weil so viel geballtes Wissen auch etwas Breitenwirkung verdient, wollen wir die von Autor Norbert Franz herausgearbeiteten Unterschiede zwischen Speedster und 911 Cabriolet hier auch noch auflisten:

Rohkarosserie (Vorderwagen, Aufnahmen des gesteckten Scheibenrahmens)
Schalttafeloberteil
Radkästen vorn und Längsträger zwischen diesen Radkästen
Scharniersäule (untere A-Säule)
Führungsrohr vorn und hinten
Fond Innenwand
Windlauf unten
Aufnahmerahmen
Frontschürze (besondere Ecken am WTL u. Speedster WTL (M470))
Rohbautür
Türfeststeller
Abdichtgummi unten, Seitenscheibe
Türschachtabdichtung
Sicherungsknopf
Druckknopfstange
Abdeckleiste außen
Kreuzarm (Fensterhebemechanismus)
Fensterkurbel vom 911 Carrera CS
Fensterführungsschiene vorn u. hinten
Verglasung komplett
Teile des Klebeteppichs hinten (Sitzmulde, Radkästen)
Seitenwandverkleidung
Türverkleidung
Dämpfungsmatte hinten (es muss die vom Carrera bearbeitet werden)
Sonnenblenden
Innenspiegel
Notverdeck
Fondraumabdeckung (Höcker)
Betätigung per Seilzug
Luftverteiler vordere Belüftung
Wischermotor, und -blätter
Türlautsprecher (flacher)
Antenne (halblang)

Und ausserdem die technischen Daten, das ist ja auch noch wichtig:

Porsche 911 Speedster Turbo-Look Serienausstattung (für den deutschen Markt):
Luftgekühlter 6-Zylinder Leichtmetallmotor in Boxeranordnung Hubraum 3,2 Liter – 170 kW (231 EG-PS), Digitale Motorelektronik (DME), Kraftstoffschubabschaltung, Leerlauf-Füllungsregelung, Kraftstoffqualität 98 ROZ, verbleit, vorbereitet für Einbau von Katalysator zur Schadstoffreduzierung, gefilterte Tankentlüftung, mit Katalysatorkonzept: 160 kW (217 EG-PS), geregelter 3-Wege Katalysator, Kraftstoffqualität 95 ROZ, unverbleit, 5-Gang Schaltgetriebe, Leichtmetallräder geschmiedet, Radschüssel schwarz, Felgenkranz blank, 7Jx16 mit Reifen 205/55 ZR 16 vorn, 9J19 mit Reifen 245/16 ZR 16 hinten, abschließbare Radmuttern, Stabilisatoren vorn und hinten, 2 Rohr Gasdruckdämpfer in sportlicher Abstimmung, Bremsanlage wie Turbo, Feuerverzinkte Karosserie, Hohlraumkonservierung, Unterbodenschutz, Verbundglas Frontscheibe, ungefüttertes Faltverdeck, Kunststoffhaube als Fondraumabdeckung, grün getönte Verglasung, verbreiterte Kotflügel vorn und hinten, H4 Scheinwerfer, H3 Nebelscheinwerfer in Bugschürze eingelassen, 2 Nebelrückleuchten, elektrisch von innen verstell- und beheizbare Außenspiegel links und rechts, elektrische Frontscheiben-Waschanlage, beheizte Waschdüsen, 3 Wischergeschwindigkeiten plus regelbares Intervall. 4 Lautsprecher, manuelle Antenne, manuelle Fensterheber, 4 Speichen Lederlenkrad 380mm Durchmesser, Schaltknauf mit Leder-Manschette und –Knopf, Fahrer- und Beifahrer-Sonnenblende, Teilledersitze, Fahrer und Beifahrersitz mit ausgeprägten Seitenwangen im Lehnenbereich, integrierte Kopfstützen, Sitzlehnen beidseitig entriegelbar, Vordersitze mit 3-Punkt Automatikgurten, Gurtschloss am Sitz, Fondraum mit Veloursteppich ausgelegt, Tachometer, Drehzahlmesser, Ölmanometer, Ölthermometer, Ölstandanzeige, Tankanzeige, Analog Quarzuhr, Bremsbelag-verschleißanzeige, manuelle Heizungsregelung für Fahrer- und Beifahrerseite getrennt, optimiertes Düsensystem, Gepäck- und Motorraumbeleuchtung, Kartenleselampe, Handschuhfach beleuchtet und abschließbar, Gepäckraum mit abschließbarem Haubenzug, Motor- und Kofferraumdeckel mit Gasfedern.

Und nochmals der Hinweis: www.turbo-look.de, da gibt es auch weitere spannende Stories. Und ein Register. Und überhaupt. Mehr, viel mehr Porsche haben wir in unserem Archiv.

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