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Maserati A6GCS/53 Berlinetta

Der Grossartigste

Vielleicht erinnern Sie sich noch, #theitalianjobs im vergangenen Herbst, Mechtel und Ruch reisten für einige Tage in die Emilia-Romagna, sahen unter anderem eine leere Bugatti-Fabrik und die Ruinen von DeTomaso, fuhren Lamborghini und Maserati, plauderten mit Spitzenkoch Bottura und dem ehemaligen Ferrari-Rennleiter Forghieri. Und wir übernachteten ausserdem im Panini-Museum, der besten Maserati-Sammlung überhaupt – Fabian hat dazu schon eine wunderschöne Geschichte zum Maserati 250F V12 geschrieben. Und jetzt kommt hier der Ruch mit seinem Liebling, dem vielleicht grossartigsten Automobil, das er je gesehen, berührt, gerochen hat: die Pininfarina-Berlinetta des Maserati A6GCS/53, Chassisnummer 2056.

Was macht ein Automobil derart aussergewöhnlich, so richtig grossartig? Sicher, die Optik – was Pininfarina 1953/54 für Maserati geschaffen hat, das war sein wohl bestes Werk überhaupt. Dann die Technik – der 2-Liter-Reihensechszylinder des A6GCS/53 ist eigentlich eine Rennmaschine, 170 PS waren damals Wahnsinn, Maserati gewann in der Klasse bis 2 Liter Hubraum alles, was es zu gewinnen gab (und zum Vergleich: der Porsche 911 kam zehn Jahre später auf den Markt – mit 40 PS weniger). Und dann die Geschichte – wie so oft bei Maserati sehr verworren, unübersichtlich, mit wilden Absurditäten und schönen Anekdoten, die mindestens ein Buch wert sind (wären). Wir mussten deshalb auch erst die Historie der A6 1500 und der A6GCS aufarbeiten, um uns der A6GCS/53 Berlinetta annähern zu können – es ist dies ja aber nicht zum Schaden unserer Leserschaft, so hoffen wir zumindest. Auch hier wieder, schräg ist das alles, denn es gibt nur vier dieser Berlinetta – von denen aber noch sechs Exemplare existieren.

 

Und schuld war (wahrscheinlich): der Regen. Zwar hatte Maserati bei der Mille Miglai im Jahr 1953 einen anständigen 6. Gesamtrang erreicht, zwar gegen die groben Ferrari 340MM Vignale (von Sieger Marzotto), Alfa Romeo C6 3000 CM (von Fangio) und Lancia D20 (von Bonetto), aber doch immerhin die 2-Liter-Klasse gewonnen (Emilio Giletti/Guerino Bertocchi). Doch die Fantuzzi-Spyder hatten (wie die meisten anderen Konkurrenten auch) ein grosses Problem gehabt: das Rennen fand bei strömendem Regen statt. Der teilweise so heftig war, dass es die Passagiere fast aus dem Fahrzeug spühlte; die Sicht war katastrophal. Um für das folgende Jahr besser gewappnet und flexibler zu sein, wollte Maserati seinen Kunden auch eine geschlossene Variante des A6GCS anbieten können. Gerne hätte man dieses Fahrzeug von Pininfarina einkleiden lassen, doch da gab es ein Problem: Just in diesem Jahr waren die Turiner zum Haus-Schneider von Ferrari auserkoren worden. Und Pininfarina wollte das neue Geschäftsglück mit dem als cholerisch bekannten «Commendatore», das erst nach schwierigen Verhandlung zustande gekommen war, nicht auf Spiel setzen. Andererseits: Die Beziehung zu Maserati war immer gut gewesen – und Auftrag war Auftrag. Die Lösung war simpel: Der Römer Maserati-Händler Guglielmo Dei bestellte die Chassis – und liess sie direkt nach Grugliasco liefern. Bekanntlich führen ja auch Umwege zum Ziel.

Dieses Ziel war: ein Rennwagen, der wie ein Sportwagen aussah. Oder dann ein Sportwagen, der eigentlich ein Rennwagen war. Und was Pininfarina da aus dem Nichts auf das Chassis mit seinen 2,3 Metern Radstand zauberte, das war schlicht und einfach: ergreifend. Das erste Chassis, #2056, wurde noch 1953 eingekleidet, eine nochmals etwas geschärfte Variante dann 1954 auf dem Turiner Salon ausgestellt. Das Fahrzeug mit der Chassisnummer #2057 war im unteren Teil dunkelblau lackiert, das Dach kam etwas heller – und das Publikum war begeistert, dieses Fahrzeug gewann auch den Schönheitspreis am «Concorso Internazionale di Eleganza» in Rom. Es folgten noch zwei Berlinetta von Pininfarina, #2059 in Rot mit einem weissen Band und auf dem Salon von Paris 1954 ausgestellt, #2060 ebenfalls in Rot, aber mit einem blauen Band. Ach ja, 740 Kilo.

So, und jetzt müssen wir die Geschichte eines jeden einzelnen Fahrzeugs erzählen, denn aus diesen vier Originalen wurden ja im Laufe der Jahre sechs Stück Beginnen wir von vorne, #2056, unserem Liebling. Dieses Fahrzeug wurde von Graf Paolo Gravina di Catania gekauft, der es sogleich an den «Giro di Sicilia» anmeldete. Doch der Graf hatte einen fürchterlichen Unfall, bei dem sein Beifahrer getötet wurde – voller Gram schickte er den Wagen zu Maserati zurück. Dort stand der Wagen während Jahrzehnten in einer dunklen Ecke, erst in den 90er Jahren wurde er wieder von der Carrozzeria Campana einigermassen hergerichtet, erhielt dabei eine neue Nase. Als Alejandro de Tomaso 1996 die gesamte Maserati-Sammlung über das Auktionshaus Brooks verschachern wollte, kam #2056 in die Panini-Sammlung. Und dort steht er heute noch. Manchmal wird er auch bewegt – und bewegt, denn er zwang etwa den Autor dieser Zeilen vor aluter Ehrfurcht in die Knie.

Bei #2057 ist die Geschichte noch wilder (und wohl nicht in allen Details wirklich zu bestätigen). Nach dem Turiner Salon kaufte ein Pietro Palmieri das Fahrzeug und meldete es zur Mille Miglia 1954 an. Bloss, es regnete nicht, ganz im Gegenteil, es war heiss im Fahrzeug. Und laut. Also liess Palmieri die Pininfarina-Karosserie entfernen und baute #2057 zu einem Fantuzzi-Spyder um; dabei wurde das Fahrzeug auch gleich noch umnummeriert, erhielt die neue Chassisnummer #2086. Den Pininfarina-Aufbau verkaufte er an Corrado Cupellini, der ihn wiederum an Franco Lombardi weitergab (gegen ein nettes Entgelt, wie anzunehmen ist).

Ein ziemlich ruhiges Leben hatte #2059. Nach der Show in Paris wurde der Maserati von Graf Alberto Magi Diligenti gekauft, der den einst rot-weissen A6GCS/53 komplett weiss lackieren liess – und damit 1955 an der Mille Miglia den 105. Rang (oder den 109., nach anderen Quellen) erreichte. Irgendwie kam #2059 dann in die USA, wurde von Stan Nowak entdeckt (und später von David Sydorick gekauft, und dann von Erich Traber, und dann von – wem?) und kann seither immer wieder auf Schönheitskonkurrenzen bewundert werden – in wunderbaren, unrestauriertem Zustand. Wir hatten auch schon das Glück – und durfte ihn hören. Oh ja, die Musik eines Reihen-Sechszylinders gehört definitiv zum Besten, was man sich antun will.

Weniger Glück hatte da #2060. Das Fahrzeug wurde von der Scuderia Centro Sud (die Guglielmo «Mimmo» Dei gehörte…) gekauft. Aus unbekannten Gründen wurde die Pininfarina-Karosse durch einen Fiandri-Aufbau ersetzt – und der Wagen diente so viele Jahre als Schulungsfahrzeug für angehende Rennfahrer. 1970 wurde #2060 vom deutschen Hubertus Graf von Dönhoff gekauft, dem Gründervater des AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring, der alles daran setzte, den Wagen wieder in eine Pininfarina-Berlinetta zurück zu verwandeln. Er wollte unbedingt die Karosserie von #2057 – und als er die nicht kaufen konnte, liess er in England einen Nachbau erstellen.

So weit, so gut. Doch dann gibt es da auch #2070, der sein Leben als Fantuzzi-Spyder begonnen und und Anna Maria Peduzzi gehört hatte. Irgendwann gelangte dieses Fahrzeug in die Hände von Franco Lombardi, von dem wir seit einigen Zeilen wissen, dass er die Karosserie von #2057 besass. 1997 liess er das Chassis #2070 mit dem Aufbau von #2057 vermählen – und seither gibt es eine Pininfarina-Berlinetta mehr. (Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass damals gleich noch «Sicherheitskopien» entstanden, es heisst: weitere zwei… . Ausserdem muss man davon ausgehen, dass der Original-Motor schon vor langer Zeit in Chassis-Nummer #2090 installiert wurde…)

Und schliesslich kommen wir noch zu #2089, der sein Leben ebenfalls als Spyder begonnen hatte, im Besitz von Francesco Giardini ab 1955 erfolgreich bei Rennen eingesetzt wurde, etwa Klassensiege bei der Mille Miglia und der Targa Florio erreichte. Irgendwann hatte er einen Unfall – und liess das Fahrzeug mit der Pininfarina-Karosserie von #2060 wieder aufbauen, die er den Scuderia Centro Sud abgekauft hatte. #2089/#2060 stand viele Jahre in der Rosso-Bianco-Collection. Und ist die sechste Berlinetta. von der es ja nur vier gab.

Ja, wir bleiben darn. Und dies: gern. Mehr Maserati gibt es in unserem Archiv, die Hinweise auf die anderen A6-Stories oben im Text.

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