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Fahrbericht Ford Mustang Shelby GT350

the real thing

Die Zukunft des Ford Mustang ist rein elektrisch (siehe: hier). Und auch deshalb muss man jede Möglichkeit nutzen, noch einen feinen Verbrenner zu fahren. Zwar hat Ford erst kürzlich die Krönung der Baureihe präsentiert, den GT500 mit groben 771 PS, wir wählten aber trotzdem einen Shelby GT350, weil: freisaugend, handgeschaltet, leichter. Ausserdem wurde er für den Modelljahrgang 2019 ja auch noch einmal verbessert – geschärft.

Es ist bei den Mustang der 6. Generation ja nicht mehr viel, wie es einst war. Endlich ist die Starrachse dort, wo sie hingehört, nämlich auf den Friedhof der automobilen Anachronismen. Das Fahrwerk mit den vier einzeln aufgehängten Rädern erfreut ja schon in den braveren Mustang-Varianten mit einer feinen Balance, die man den gern mit Schwermetall arbeitenden Amerikanern gar nicht so recht zutraut, mit einem sehr tauglichen Kompromiss zwischen harter Sportlichkeit und doch noch ein bisschen, also ausreichend Komfort. Es ist dies selbstverständlich eine gute Ausgangslage für einen Shelby – und für die extra auf den GT350 abgestimmten Michelin-Cup-2-Semislicks (vorne 295/35, hinten 305/35), die ein Garant sind für sagenhaften Grip. Man kann diese Gummis, aufgezogen auf 19-Zoll-Felgen, gar nicht genug wertschätzen, sie ermöglichen ja nicht nur dem GT350 Querbeschleunigungen, die man noch vor wenigen Jahren nicht einmal in einem Renngerät für möglich gehalten hätte; jetzt fährt man auf der Landstrasse so um die Biegungen, als ob man auf einer Rennstrecke mit reichlich Auslaufzone unterwegs wäre. Die Grenzen der Physik wurden deutlich nach oben verschoben, sie liegen eigentlich nicht mehr beim Automobil selber, sondern nunmehr wirklich bei Talent und Mut des Piloten. Es ist teilweise wirklich absurd, gerade auf guten Strassen und so mittelschnellen Kurven, wenn die vier Reifen warm und satt auf dem Asphalt aufliegen, da braucht dann schon Kraft in den Oberarmen und Händen, um das Lenkrad in der Richtung zu halten, in die man den Wagen lenken möchte. Ach ja, MagnaRide, dieses adaptive Fahrwerk, hat er auch noch, es gibt kaum Seitenneigung, in Millisekunden tariert der Mustang alles aus, was ihm die Strasse entgegenhält – und das funktioniert bestens. Ausser, wenn die Schläge zu grob sind. Und er Spurrillen nachlaufen will. Aber das können andere Sportwagen mit diesen extrabreiten Reifen ja auch nicht besser.

Sportwagen? Ja, wir erheben diesen 350GT in diesen automobilen Adelsstand. Das Fahrwerk ist nicht nur dank der ausgezeichneten Reifen sehr weit oben, den leichten Hang zum Untersteuern, der vor der Überarbeitung noch vorhanden war, wurde ihm mit der neuen Abstimmung und den Michelins ausgetrieben. Das Heck kommt eigentlich nur, wenn man vorher die entsprechenden Knöpfchen drückt (es gibt drei Fahr-Modi) und es dann unbedingt will. Oder einen klaren Bedienerfehler macht, er versetzt dann schon, wenn man vom von 3. in den 2. ohne den nötigen Respekt herunterschaltet, manchmal scheint sich das ganze Gebälk zu schütteln, wenn man ihn auf einer schlechten Strasse zu heftig zusammenstaucht beim Bremsen. Aber diese Bremsen sind top, logisch: Brembo, 394 Millimeter Durchmesser und sechs Kolben vorne, hinten derer vier, sehr gut dosierbar – und eine Wand, wenn man sie braucht. Wir gebrauchten sie durchaus intensiv, und obwohl sie gegen über 1,7 Tonnen Gewicht ankämpfen müssen, zeigten sie keinerlei Ermüdungserscheinungen. Und ja, wenn es am GT350 etwas zu bemängeln gibt, dann, dass er zu schwer ist. Andererseits bietet er auf 4,78 Metern Länge halt auch den hinteren Passagieren etwas, was man noch als Bewegungsfreiheit bezeichnen darf – und verfügt über 408 Liter Kofferraumvolumen.

Nun kommt aber die Magie dazu – oder besser ausgedrückt: Voodoo. So heisst der ganz spezielle 5,2-Liter-V8, den Ford in den GT350 einbaut, ein 533 PS starkes Wunderwerk, das bis 8250/min hochdreht, mit 12,0:1 verdichtet ist und über eine um 180 Grad gekröpfte Kurbelwelle verfügt. Letztere reduziert die Rotationsträgheit, braucht weniger Gegengewichte – und macht aus dem Mustang einen bissigen, bösen Hund. Es fehlt ihm das liebliche Grummeln anderer V8, der Lauf ist nicht seidenweich, sondern mehr so ein Gewehrfeuer, giftig, hart – und doch herzlich. Bis etwa 3000/min ist es nett, geht auch anständig vorwärts, doch erst darüber blasen die Trompeten von Jericho, er wird laut (ganz besonders, wenn man den Klappenauspuff scharf stellt), sehr bissig, reagiert auf das geringste Zucken im Fahrpedalfuss – und dreht souverän in Höhen, die sonst italienischen Filigran-Technikern vorbehalten bleiben. Der Lärm, den er dabei erzeugt, macht süchtig, denn er ist nicht künstlich, nicht einmal beim Herunterschalten mit Zwischengas kommt es zu diesen programmierten Fehlzündungen, die heute sogar bei Kleinwagen Mode sind. Und es ist alles andere als viel Lärm um nichts, der Vorwärtsdrang ist beeindruckend, 582 Nm maximales Drehmoment bei 4750/min sind ja auch nicht von schlechten Eltern. Man darf es nicht vergessen: freisaugend, diese Drehmoment-Wand entsteht nicht mit Hilfe von Tubos oder Kompressoren oder Chip-Tuning. Geschaltet wird über ein grossartiges Tremec-6-Gang-Getriebe, sehr kurze Wege, perfekt abgestimmt, der 6. Gang ist unendlich lang, damit die anderen fünf fein dem Fahrspass dienen können. Ja, es ist Arbeit, ja, es braucht Konzentration, aber genau das wollen wir ja von solchen Fahrzeugen – Schmusebärchen gibt es ja schon genug.

Zwar wurde der Modelljahrgang 2019 auch innen etwas verschönert, was in erster Linie mehr Carbon-Blenden bedeutet; modern ist das weiterhin nicht, es bleibt viel Hartplastik, die Mischung zwischen analogen Anzeigen und wild flackernden Leuchtdioden könnte sicher ansprechender serviert werden. Aber dann sind da ja noch die Recaro-Sitze, die sind ausgezeichnet, eigentlich braucht es ja nicht mehr als gutes Gestühl und einen Drehzahlmesser und allenfalls noch den Tacho, weil man eh viel zu schnell viel zu schnell ist. Man darf ja nicht vergessen: in den USA kostet so ein Ford Mustang Shelby GT350 ab 57’000 Dollar (unser wirklich komplett ausgestatteter Proband war mit genau 64’000 Dollar angeschrieben), dafür bekommt man bei Porsche knapp den feuchten Händedruck eines krawattierten Verkäufers. Beim Mustang ist im Preis auch noch ganz viel Authentizität inbegriffen – und das Andenken an Carroll Shelby, den schnellsten aller Hühnerfarmer, jenen Texaner, der Enzo Ferrari einst den Mittelfinger gezeigt haben soll.

Aber auch wenn wir uns jetzt damit etwas weit aus dem Fenster lehnen: der Shelby ist auf einem ganz anderen Level als ein Hellcat oder übermotorisierter Camaro oder all diese anderen dumpfen Längsbeschleuniger, die es ja auch von deutschen Anbietern gibt – er muss aber den Vergleich mit einem 911er nicht scheuen. Er geht vielleicht nicht ganz so präzis ins Eck – dafür kommt er dann ab dem Scheitelpunkt so richtig grob. Es mag elegantere Sportwagen geben, auch liebevoller verarbeitete – dafür bietet der Mustang im Alltag alle Vorteile eines Vierplätzers mit anständigem Kofferraum, ohne dass er deshalb auf dem Track hoffnungslos hinterhergurken zu müssen. Es mögen seine dicken Backen und die Spoiler eine etwas gar heftige Schminke sein, doch allein schon der Sound spült die optischen Bedenken wieder weg. Leider kommen diese Shelby GT350 nicht über die offiziellen Ford-Verkaufskanäle nach Europa, sondern nur auf (teuren) Umwegen. Doch für Menschen, bei denen nicht die Selbstdarstellung und das Ansehen bei den Nachbarn sowie Arbeitskollegen, sondern die pure Fahrfreud’ im Vordergrund steht, ist so ein böser, böser Mustang unbedingt eine Alternative. Die man ja nicht an jeder Strassenecke sieht. Und die viel, viel mehr kann als man ihr zutraut.

Mehr Ford finden Sie immer in unserem Archiv. Wir haben aber selbstverständlich auch etwas zum Ur-Modell.

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