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China: Hongqi

Die Staatskarossen

Erst 1956 wurde das erste chinesische Fahrzeug gebaut. Es war ein Lastwagen, der Jiefang CA-10, und eigentlich war es ein russischer ZIS-150 mit nur sehr sanft veränderter Optik. Hinter diesem Jiefang stand FAW, First Automobile Works, 1953 gegründet vom chinesischen Staat mit dem Zweck, auch endlich selber Automobile produzieren zu können. Dies geschah damals noch mit russischer Hilfe, 39 Chinesen, so erzählt die Geschichte, erhielten eine Ausbildung. Die Russen halfen auch beim Aufbau des ersten Werks in Changchun, wo sich der Hauptsitz von FAW auch heute noch befindet.

1958 gab es dann auch einen ersten Personenwagen, den Hongqi CA72, der eigentlich ein 55er Chrysler Imperial war. Hongqi war in der Folge zuständig für die Herstellung der Staats-Limousinen, bis in die 80er Jahre war dies der CA770, der auf einem Chrysler von Anfang der 60er Jahre basierte. Später, als FAW längst in Joint-Ventures mit VW und Audi eigene Autos montierte, gab es dann verschiedene Hongqi auch auf Basis des Audi 100 und des Lincoln Town Car.

Doch dann, vor etwa einem Jahrzehnt, fand das grosse Umdenken statt. Innerhalb der FAW-Gruppe durfte Hongqi eigenständiger werden, sollte sich als patriotische Premium-Marke bei jenen Chinesen etablieren, die zu Geld gekommen waren. Die ersten Versuche waren in erster Linie: peinlich. Üble Kopien westlicher Produkte, aber definitiv verschlimmbessert. Doch 2018 eröffneten die Chinesen in München ein Designstudio, kauften sich Personal und Kompetenz ein: Für die Hongqi-Optik ist heute der ehemalige Rolls-Royce-Stylist Giles Taylor als Chefdesigner zuständig.

Und das sieht man den neuen Hongqi auch an. In Europa, also: in Norwegen ist bislang nur der E-HS9 verfügbar, ein sehr mächtiges SUV, 5,21 Meter lang, über zwei Meter breit, 2,6 Tonnen schwer. In China gibt es den HS9 auch mit Verbrennern, als E-HS9 kommt der Hongqi dann rein elektrisch. Es sind sogar verschiedene Versionen erhältlich, die stärkste verfügt über einen 99-kWh-Akku, je einen Elektromotor an jeder Achse und umgerechnet 551 PS. Das bringt das riesige Teil in weniger als 5 Sekunden auf 100 km/h und macht es 200 km/h schnell. Als Reichweite nennen die Chinesen 450 Kilometer.

Doch es geht weniger um die technischen Feinheiten, die sind bei einem E-Auto zumeist eh nicht besonders wichtig, das haben die meisten Hersteller einigermassen im Griff. Beim Hongqi geht es mehr um den pompösen Auftritt – und den schafft er locker. Doch es gibt halt auch reichlich Luxus im E-HS9, nicht auf dem Niveau von Rolls-Royce oder Bentley, aber doch erstaunlich gut. Das Cockpit mit seinen drei 16 Zoll grossen Bildschirmen sieht aus wie der Kommando-Stand eines Raumschiffs und zieht sich fast über die ganze Fahrzeugbreite hinweg. Doch, da kann man durchaus beeindruckt sein. Von unseren norwegischen Kollegen haben wir zudem gehört, dass sich die gewaltige rote Fahne auch ganz kommod fährt – kein Wunder, es gibt ja auch eine Luftfederung.

Und es gibt es echtes Leder und echtes Holz, da geben sich die Chinesen gar nicht zurückhaltend oder nachhaltig. Denn letzteres zählt bei der chinesischen Elite anscheinend nicht besonders – und nur für den norwegischen Markt lohnt sich ein Umbau dann auch wieder nicht. Es gibt aber auch hübsche Details, etwa die Kopfkissen, die an die erste Klasse im Flugzeug erinnern.

Das muss man dann alles in Relation zum Preis setzen: In Norwegen sind die Hongqi E-HS9 schon ab knapp über 60’000 Euro zu haben, die Top-Version kommt auf keine 70’000 Euro. Das mag als viel Geld erscheinen für einen China-Import, erscheint aber als sehr angemessen nicht nur für die Grösse, sondern auch für die Leistungen des Hongqi. In Norwegen hat die Marke auf jeden Fall Erfolg, es werden rund 200 Exemplare pro Monat verkauft, der E-HS9 hat es schon in die Top 20 der Verkaufsrangliste geschafft.

Das ist im Vergleich zum Heimmarkt natürlich: nichts. Verkaufte Hongqi in China noch 2015 nur ein paar Hundert Fahrzeuge, waren es 2019 schon über 100’000 – und im vergangenen Jahr mehr als 300’000. Doch dort ist das Angebot auch ganz anders, es sind allein drei vollelektrische Modelle im Programm, dazu kommen diverse SUV und Limousinen mit konventionellen Antrieben. Ganz neu ist auch ein Mini-Van, der HQ9, der wohl über den grössten Kühlergrill der Automobil-Geschichte verfügen dürfte. Limousinen für politische Würdenträger baut Hongi übrigens weiterhin – die chinesischen Kader fahren allerdings bevorzugt Audi.

Wie es weitergeht mit Hongqi in Europa, ist derzeit noch etwas unklar; zwar verfügt FAW als Staatskonzern über schier unerschöpfliche Ressourcen, steht aber halt auch unter genauer Beobachtung. Als nächster Markt werden nach Norwegen ab sofort die Niederlande bearbeitet, dies in Kooperation mit der schwedischen Hedin-Gruppe. Wie es für Deutschland, Österreich und die Schweiz aussieht, steht noch in den Sternen.

Mehr Stromer haben wir in unter: zero. Und mehr spannende Fahrzeuge in unserem Archiv.

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