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China: MG

Auf die Überholspur
 

Bis 1984 dürfte ausserhalb von China wohl nie jemand von der Shanghai Automotive Industry Corporation, kurz SAIC, gehört haben. Dann aber wurde der Staatskonzern, der schon früher vereinzelt Autos produziert hatte, auf einen Schlag berühmt: Das Joint Venture mit Volkswagen war das erste dieser Art – und machte SAIC auf Anhieb zum grössten chinesischen Auto-Hersteller. Das ist SAIC immer noch, mit grossem Abstand, im vergangenen Jahr konnten 5,37 Millionen Fahrzeuge verkauft werden.

Mit Volkswagen ist SAIC immer noch bestens verbandelt, seit 1998 auch mit General Motors. Doch man hat auch zugekauft, über Umwege kam man zu MG, war unglücklich mit SsangYong liiert. Und schliesslich eigene Marken und Produkte lanciert, Maxus kennt man auch hierzulande, Rising Auto hiess schon Feifan und konzentriert sich auf alternative Antriebe, es gibt auch noch Yuejin und ganz viele Kooperationen. Das Konglomerat ist so riesig wie unübersichtlich, die Führungscrew unter Chen Hong und Wang Xiaoqiu so gut wie unbekannt.

Das Aushängeschild von SAIC auf den Märkten ausserhalb von China ist MG. Ja, diese einst englische Marke, gegründet schon 1923, kommt in ihrer neuen Heimat zu neuen Ehren. Und das mit Macht und Tempo. Noch im vergangenen Jahr konnte uns bei Testfahrten die zwei unterschiedlichen MG-Produkten nicht wirklich überzeugen, sie erschienen uns billig, nicht günstig. Und der Plastik war von der sehr harten Sorte. Heuer versuchten wir es in Dänemark mit dem MG4 und dem MG5, beides reine Stromer.

Insbesondere der 4er hat es uns angetan. Dies nicht bloss, weil in einer mutigen, kräftigen Farbe antritt, sondern weil er sich überraschend gut fährt. Fast schon: sportlich. Was ja dann auch zur kantigen Form mit dem sehr prominenten Heckspoiler passt. Der MG4 verfügt über einen E-Motor an der Hinterachse, der 150 kW, also 204 PS leistet. Wem diese Zahl bekannt vorkommt, an den VW ID.3 denken lässt, der liegt sicher nicht falsch – der chinesische Stromer zielt noch in vielen Bereichen sehr direkt auf das deutsche Produkt. Die Batterie verfügt über 51 oder 64 kWh Kapazität, sie kann daheim mit 11 kW, am Schnelllader mit maximal 135 kW nachgeladen werden. Keine jenseitigen Spitzenwerte, doch absolut anständig – für einen Basispreis von 31’990 Euro in Deutschland sowieso.

Auch innen gibt es eigentlich nichts zu bemängeln. Wir würden die Gestaltung als eher sachlich bezeichnen, aber das passt ganz gut zum flotten Chinesen. Auch hier wieder: eine gewisse Nähe zum VW ID.3 lässt sich nicht leugnen, das liegt nicht nur am kleinen Bildschirm direkt auf der Lenksäule. Die Platzverhältnisse sind für eine Plattform, die nur auf E-Antrieb ausgelegt ist, nicht gerade überragend, auch die 363 Liter Kofferraumvolumen sind für ein fast 4,3 Meter langes Automobil nicht besonders grosszügig.

Das kann dann der MG5 besser. Aber schliesslich ist er wohl auch der einzige E-Kombi, den es bisher zu kaufen gibt. Von aussen sieht man ihm seinen Antrieb nicht an, er wirkt einigermassen konservativ, aber doch auch adrett gestaltet. Und packt dann halt 480 Liter weg, mit abgeklappten Sitzen sogar 1387 Liter. Und nein, der MG5 basiert nicht auf der gleichen Plattform wie der MG4, das Thema mit den Synergien und Skaleneffekten scheint den Chinesen noch nicht besonders wichtig zu sein. Der 5er verfügt über einen 61-kWh-Akku, kommt auf 115 kW/156 PS Leistung und 280 Nm maximales Drehmoment. Als Reichweite werden 400 Kilometer angegeben (beim MG4 sind es 450), nachgeladen werden kann hier nur mit maximal 87 kW. Weil er grösser ist, kostet der elektrische MG5 auch etwas mehr, in Deutschland ab 35’490 Euro.

Einen Schweizer Preis können wir hier nicht nennen, weil die MG nicht in die Schweiz importiert werden. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil die Marke MG doch eine lange und gute Tradition, viele Fans hat. Und es wahrscheinlich einfacher wäre, einen schon bekannten Namen wieder neu einzuführen. Aber das kann sich ja auch über Nacht ändern, es läuft derzeit ein wildes Geschacher um all die neuen chinesischen Marken, die nach Europa drängen. Übrigens: MG ist unter all diesen Neueinsteigern die klare Nummer 1 bislang.

Und man davon ausgehen, dass dies so bleiben könnte. Schon im nächsten Jahr soll der MG Cybster kommen, das wäre dann der erste vollelektrische Roadster (sofern bei Tesla nicht noch ein Wunder geschieht). Überhaupt wollen die Chinesen massiv ausbauen, sie versprechen auch für Europa 10 komplett neue Modelle bis 2030. Dazu kommen aber auch weiterhin klassische Verbrenner – gerade erst wurde das hübsche SUV namens ZS in Deutschland eingeführt. Und kostet dort trotz moderner Technik nur knapp über 20’000 Euro. Da erwächst Dacia von unerwarteter Seite ein starker Konkurrent. Dass es in diesem ZS auch ein paar Original-Teile von VW und Audi hat, lässt sich entweder mit der sehr engen Zusammenarbeit oder dann Logistikproblemen erklären. In den MG4 und MG5 haben wir allerdings nichts gefunden, was uns bekannt vorkam. Dafür waren wir positiv überrascht von der Verarbeitungsqualität und auch den verwendeten Materialien. So schnell kann das gehen.

Mehr Stromer haben wir unter: zero. Alles andere: Archiv.

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