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China: Nio

Die Selbstbewussten

Nicht in Norwegen, sondern in Berlin kündigt zwar nicht Nio-Gründer Willaim Li persönlich den europäischen Markteintritt seiner Marke an, sondern der unbekanntere Co-Gründer Qin Lihong. Das Nio-House liegt direkt neben der Gedächtniskirche, der Auftritt ist mehr so grossspurig, luxusaffine Kunden will man locken. Doch so vollmundig die Erklärungen des zweiten Mannes hinter dem «Elon Musk von China» auch tönen, er hat auch ein paar Überraschungen zu bieten. Etwa die Umbenennung der aktuellen Fahrzeug-Palette, aus den ES6, ES7 und ES8 werden die ET5, EL7 und ET7. Damit gehen die Chinesen einem Namensstreit mit Audi aus dem Weg. Die Deutschen hatten geklagt, dass ES zu sehr wie S töne, und darauf bestehe das Recht auf geistiges Eigentum. Wie man einen Buchstaben schützen kann, das verstehe, wer wolle, die Chinesen haben auf jeden Fall eingelenkt, «man habe Wichtigeres zu tun».

Die zweite grosse Überraschung war der EL7. Zwar wird das Luxus-SUV bereits seit einigen Monaten in China verkauft, doch mit dem baldigen Markteintritt auch in Europa rechnete eigentlich niemand. Überhaupt wollen die Chinesen innert weniger Monate ein ziemlich volles Modell-Programm aufgleisen, in Norwegen sind sie schon vertreten, ab sofort kommen auch noch Deutschland, Schweden, Dänemark und die Niederlande dazu. Auf die Frage, ob auch in der Schweiz bald Nio-Fahrzeuge verkauft werden, schaute Qin Lihong etwas verständnislos – Schweiz?

William Li und Qin Lihong hatten Nio 2014 gegründet – und wollten von Anfang an nur Elektroautos verkaufen. 2018 stand die Firma dann vor dem Aus, musste mit Hilfe der Provinz Anhui und der Stadt Hefei gerettet werden, kam schliesslich an die Börse – und war auf einen Schlag 60 Milliarden Dollar wert. Mittlerweile ist es zwar nur noch die Hälfte, doch unterdessen haben die Chinesen dafür in ihrer Heimat schon fast 250’000 E-Fahrzeuge verkauft – Tendenz stark steigend. Derzeit werden die meisten Fahrzeuge zwar noch auswärts produziert, doch das neue Nio-Werk in Hefei ist auf eine Jahreskapazität von 500’000 Exemplaren ausgelegt.

Szenenwechsel ins winzige Tverstedt in Dänemark. Im Dauerregen steht ein schwarzer Nio ES8 (neu wohl EL8), das einzige und bisher nur in Norwegen verfügbare Nio-Modell in Europa. Es ist ein mächtiges Teil, klar über 5 Meter lang, fast zwei Meter breit (ohne Spiegel), 1,75 Meter hoch und trotz Voll-Alu-Karosse rund 2,5 Tonnen schwer. Bei unserem Fahrzeug handelt es sich um einen 7-Plätzer – und da müssen wir schon nachdenken, gibt es denn überhaupt ein weiteres E-Auto mit sieben Sitzen? Tesla Model X? Kann man den noch kaufen?

Platz ist also reichlich, also setzen wir uns rein. Und fühlen uns sofort: beobachtet. Dem ist auch so, Nomi heisst eine Kugel auf der Mittelkonsole, die uns aus Kulleraugen anschaut. Eigentlich ist Nomi so etwas wie Alexa, man kann das Ding ansprechen, es kann Befehle ausführen, die Heizung wärmer stellen, Radiostationen suchen, man kann es sich vorstellen. Doch Nomi kann mit seiner künstlichen Intelligenz anscheinend noch viel mehr – wir wollen es uns nicht vorstellen.

Das mit den technischen Daten des Nio ist etwas schwierig. Wir wissen, dass das SUV über einen 100-kWh-Akku verfügt, damit auf eine Reichweite von 580 Kilometer kommen soll, umgerechnet 544 PS stark sein soll. Vielleicht ist dem auch nicht so, es gibt den Chinesen auch in anderen Ausführungen, aber es kann und will uns niemand Auskunft geben. Beim Fahren fühlt sich der Chinese gross und schwer an – und sehr potent. Also ist es wahrscheinlich doch die stärkste Variante, die in weniger als 5 Sekunden auf 100 beschleunigt und maximal 200 km/h schnell sein kann. Ansonsten ist das Fahrerlebnis eher so: schwammig. Nicht schlechter als in anderen E-Autos, aber sicher auch nicht besser.

Was aber schon erstaunlich gut ist: die Verarbeitung. Die verwendeten Materialien sind jetzt nicht edler oder nachhaltiger als in den meisten anderen Fahrzeugen, doch es ist Leder mit schönen Nähten und auch sonst ganz viel Blimblim – Nomi schaut uns zu, während wir fahren. Für die hinteren Passagiere gibt es mehr als reichlich Platz, weiter hinten ist entweder ein riesiger Kofferraum oder halt Raum für zwei weitere Mitfahrer; die Raumausnutzung ist vorbildlich. Genau so, wie sie es nur in einem E-Auto sein kann.

In Norwegen tritt der voll ausgestattete Nio ES8 zu einem Preis von rund 65’000 Euro an. Das ist nicht günstig – oder eben doch, denn wir bewegen uns im Nio ES8 doch eher auf dem höchsten Niveau eines E-Automobils, grosse Batterie, grosse Reichweite, viel Power, viel Platz, reichlich Luxus. Und so ist der Wagen irgendwie auch nicht vergleichbar, es gibt ausser dem Tesla Model X nichts im gleichen Segment. Wobei: Von der Nio-Website ist der ES8 unterdessen verschwunden, es werden nur noch der ET7 (eine sehr hübsche Limousine), der EL7 (ein SUV) und der ET5 (noch eine Limousine, die sehr stark dem Tesla Model 3 gleicht) angeboten. Ja, wir sind etwas verwirrt. Aber vielleicht müssten wir einfach Nomi fragen.

Mehr Strom gibt es unter zero, alles andere ist im Archiv.

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