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Fahrbericht Bentley Continental R Mulliner

Die Macht der Gelassenheit

Es waren bittere Jahre für Bentley, damals, nach der Übernahme durch den direktesten Konkurrenten Rolls-Royce im Jahre 1931. Zwar gab es in den ersten Jahren noch ein paar auslaufende Eigenkonstruktionen, doch spätestens nach dem 2. Weltkrieg wurde die Marke zur kleinen Schwester degradiert. Erst 1982 kam so etwas wie ein eigenständiges Produkt auf den Markt, der Mulsanne Turbo. Doch auch das war nur Abfallprodukt, Rolls-Royce hatte den aufgeblasenen 6,75-Liter-V8 in den Camargue einbauen wollen. Aber der konstruktive Aufwand war den verwöhnten, trägen Briten zu gross, also gab man den Turbo weiter an Bentley. Dort kam man anscheinend auf den Geschmack, John Heffernan und Ken Greenley durften das «Project 90» zeichnen, einen hübschen Zweitürer, der dann 1985 vorgestellt wurde und viel Applaus erhielt.

Es dauerte aber dann noch ein paar Jahre, bis Bentley mit dem ganz eigenen Bentley Continental R antreten durfte. Selbstverständlich basierte das 1991 vorgestellte Fahrzeug auf den seit einer kleinen Ewigkeit bekannten Rolls-Royce-Komponenten, Bodengruppe, Fahrwerk, auch Motor. Dieser, der legendäre L410, war zuerst mit 6,2, dann mit 6,75 Liter Hubraum in den verschiedensten Rolls-Royce und folglich auch Bentley schon seit 1959 im Einsatz (und wurde von Bentley auch erst 2020 beerdigt, zuletzt schaffte er 530 PS und 1100 Nm maximales Drehmoment). Über die Leistung schwiegen sich die Briten ja gerne aus, als der Mulsanne Turbo 1982 vorgestellt worden war, hiess es: «ausreichend plus 50 Prozent».

Die ersten Continental R (also nicht zu verwechseln mit dem R-Type Continental aus den 50er Jahren, den bringen wir dann auch noch) brachten es wohl auf etwa 325 PS (oder vielleicht auch 360) und für die damalige Zeit sehr beeindruckende 750 Nm maximales Drehmoment schon bei 2000/min. Diese Leistung brachte den 2,45 Tonnen schweren Briten in 6,5 Sekunden auf 100 km/h und machte ihn maximal 245 km/h schnell. Damit war der Conti damals sicher eines der schnellsten Serien-Coupé der Welt. Das durfte man auch erwarten, der Basispreis lag auch bei absurden 376’850 Franken. Und verkaufte sich trotzdem weit über den Erwartungen gut.

Schnell legten die Engländer weitere Varianten auf, zuerst den Continental S mit 385 PS. Und bald auch den Continental T mit um 10 Zentimeter verkürztem Radstand, rund 100 Kilo weniger Gewicht und nun satten 426 PS sowie ab 1997 dann 880 Nm maximalen Drehmoments. Damit war der Bentley dann bis zu 280 km/h schnell – ziemlich beeindruckend für so ein schweres Trumm.

Wir hatten das Vergnügen mit einer weiteren Variante, dem Continental R Mulliner. Das bedeutete dann wieder den normalen Radstand, aber auch die Maschine aus dem T. Und über Mulliner ein gewaltiges Programm an Individualsierungsmöglichkeiten. Unser schönes Stück aus dem Fuhrpark der Klassik-Abteilung von Bentley ist aber eher zurückhaltend konfiguriert worden, schönes Holz, edles, selbstverständlich handvernähtes Leder (dem man sein Alter nicht ansieht), tiefe Teppiche aus Schafswolle. Auch wenn der Bentley doch ziemlich sportlich auftritt, so scheint Seitenhalt damals noch nicht wirklich ein Thema gewesen zu sein. Der Pilot kann sich immerhin am Lenkrad festhalten, auf dem Beifahrersitz ist dann eher Rutsch-Fest; hinten ist das besser, weil es hinten doch ziemlich beengt zugeht (die Continental T galten gar als 2+2-Sitzer). Kofferraum gibt es dafür: reichlich.

Doch viel wichtiger ist doch: das Fahren. Und das ist für heutige Verhältnisse ein ganz besonderes Vergnügen. Die Lenkung ist butterweich, mehr so eine ungefähre Richtungsangabe. Das macht es auf den ersten Metern nicht einfach, man bewegt ein doch doch 5,34 Meter langes Fahrzeug. Hat man sich dann aber einmal daran gewöhnt, auch verstanden, dass der Brite alles andere als ein Sportwagen ist, sondern in erster Linie wunderbar gleitet, also mit einer gewissen Gelassenheit bewegt werden will, dann kommt auch Freude auf. «Bentley-Fahren ist eine Sache der Überzeugung», schrieb Götz Leyrer einst, «man muss grosszügig sein gegenüber gewisser Schwächen».

Eine seiner Stärken, sogar eine Macht ist der Antrieb. Geschaltet wird über eine Viergang-Automatik, die darauf ausgelegt ist, das Fahrzeug prinzipiell nur im höchsten Gang einherrollen zu lasen. Kommt der mächtige Turbo zum Einsatz, hat man eigentlich etwas falsch gemacht – und das zeigt dieser auch an, indem er dann über ein Wastegate gut hörbar Druck aushaucht. Zusammen mit dem dumpfen Grollen ein schönes Geräusch aus einer Zeit, als Verbrauch und CO2 noch kein Thema waren, sondern wunderbare Kraftentfaltung und Laufruhe noch im Mittelpunkt stehen durften.

So richtig grossartig ist im Bentley aber der Blick über die ewig lange Motorhaube, die man als Pilot noch in ihrer Gesamtheit im Blick hat. Und diese Ruhe, von der man selber erfasst wird, die Hektik des Alltags und des Umfelds bleiben im Bentley aussen vor. Und das ist ein Genuss wie aus einem anderen Zeitalter. Der übrigens gar nicht so teuer ist, heute – selbst eingefleischte Sammler fürchten allerdings die hohen Unterhalts- und Benzinkosten.

Technische Daten: Bentley Continental R Mulliner

8-Zylinder in V-90-Grad, 6750 cm3, 313 kW/426 PS, 880 Nm bei 2000/min, automatisches 4-Gang-Getriebe, Heckantrieb, Verbrauch ca. 18 Liter, 0-100 m/h ca. 6 s, Spitze ca 270 km/h, L/B/H 5340/187/1460 Millimeter, Leergewicht 2450 kg, Zuladung k.A, Ladevolumen k.A..; Preis über 400’000 Franken (1998), Gebrauchtwagen kosten einen Bruchteil des Neuwagen-Preises

Mehr feine Youngtimer haben wir auch in unserem Archiv. Zu den älteren Bentley Continental haben wir schon einmal etwas geschrieben, hier.

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