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radical zero: Fahrbericht BYD Atto 3 Evo

SchniPoGrüSa

Es ist nicht ganz so einfach, die Übersicht zu behalten über die einzelnen chinesischen Auto-Modelle. Am schwierigsten ist es wahrscheinlich bei BYD, dem grössten Auto-Hersteller in China, da geht das so schnell mit den Modellwechseln, da wissen die Chinesen wohl selber nicht mehr, was sie gestern noch angeboten haben, was es aber übermorgen schon gar nicht mehr gibt. Nehmen wir den BYD Atto 3 (in China: Yuan Plus), der im Februar 2022 in China auf den Markt kam, ab Januar 2023 auch in Europa angeboten wurde. 2025 gab es eine sanfte Überarbeitung, jetzt bringen die Chinesen in Europa den nochmals deutlich verbesserten Atto 3 Evo auf den Markt (dazu kommen wir dann noch) – und haben gleichzeitig in China einen ganz neuen Yuan Plus, also Atto 3, vorgestellt, deutlich grösser, verbesserte Technologie (inkl. «Flash Charging», dazu kommen wir dann auch noch).

Nun, es ist das übliche Problem: Die Entwicklungszeiten sind in China unterdessen derart kurz, dass es durchaus vorkommen kann, dass einzelne Modelle in der Zeit von Produktion über Verschiffung bis zur Auslieferung an die europäischen Händler sich selber schon überholt haben. Und es muss dies auch geschrieben sein: Manch ein chinesischer Hersteller bringt Fahrzeuge nach Europa, die in China schon gar nicht mehr angeboten werden – und baut damit Überkapazitäten ab. Erstaunlicherweise werden diese «veralteten» Fahrzeuge dann aber nicht zu Kampfpreisen angeboten, sondern teilweise doppelt oder gar dreifach so teuer wie einst auf dem chinesischen Markt. Dass das dann trotzdem funktioniert – wenn auch nur in verhältnismässig kleinen Mengen -, das liegt halt daran, dass auch fünfjährige «Chinesen» technologisch auf dem gleichen Stand sind wie die meisten Europäer. Und dass die Basis-Preise in China auf einem wirklich extrem tiefen Niveau sind. (Was dann wieder zur Frage führen könnte, warum die aktuellen Fahrzeuge der, schreibenwirmal, etablierten Hersteller so unglaublich teuer sind. Aber diese Frage stellen wir uns jetzt besser nicht.)

Der Atto 3 Evo nun (also nicht das ganz neue Modell, sondern einfach das neuste für Europa) hat gegenüber seinem optisch genau gleichen Vorgänger technologisch deutlich zugelegt. 800-V-Architektur, 75-kW-Akku (vorher: entweder 50 oder 60 kW), auf Wunsch auch Allradantrieb, dies dann mit 449 PS und 560 Nm maximalem Drehmoment und einem Wert von 3,9 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h. Die Basis-Variante kommt mit Frontantrieb, 313 PS, 380 Nm – und einem Preis von ab 43’900 Franken. Da ist dann schon sehr viel inbegriffen, selbstverständlich alle nur erdenklichen Helferlein, aber auch so tolle Sachen wie «veganes Leder» (manche lernen es nie). 490 Liter Kofferraumvolumen (maximal 1360 Liter), dazu ein Frunk mit noch einmal 95 Litern Fassungsvermögen – das ist sehr gut für ein 4,46 Meter langes Fahrzeug mit 2,72 Meter Radstand. Überhaupt sind die Platzverhältnisse gut. Und das Innenraum-Design ist, wie es bei fast allen Chinesen ist: sehr minimalistisch, es läuft quasi alles über den 15,6 Zoll grossen Touchscreen über der Mittelkonsole.

Ja, es fährt. Es fährt ganz anständig, man kommt sicher gut von A nach B (Reichweite nach WLTP 510 Kilometer, maximale Ladegeschwindigkeit 210 kW). Aber es fährt halt genau so, wie es auch aussieht: Noch ein (optisch ödes) SUV. Es ist schwierig, sowohl beim Design wie auch beim Fahrverhalten irgendeine Emotion zu empfinden. Der Atto 3 macht das alles zur vollen Zufriedenheit, es ist so ein bisschen wie im Landgasthof, SchniPoGrüSa, grosse Portionen, relativ fairer Preis, man ist dann gut gesättigt, auch nicht unglücklich, aber irgendwie fehlt doch etwas – und nein, es ist nicht der Coupe Dänemark. Andererseits: Es sind schwierige Zeiten – und vielleicht brauchen wir mehr denn je etwas von dieser langweiligen Verlässlichkeit. Ja, der BYD scheint anständig, sauber verarbeitet, auf die Batterie gibt es acht Jahre oder 250’000 Kilometer Garantie.

Doch kommen wir noch einmal zurück zum ganz neuen Atto 3, also jenem, der in einigen Wochen in China auf den Markt kommt (Bild oben). Es wird dies dann eines der Modelle sein, die von der neusten Entwicklung des «Flash Charging» von BYD profitieren können. Da sind die Chinesen nun schon wieder einen Schritt weiter, bis zu 1500 kW hauen die jüngsten Ladestationen raus, das bedeutet dann bei der aktuellen «Short Blade Battery 2.0» (83 kW) eine Ladezeit von 9 Minuten von 10 auf 97 Prozent. Ja, diese Technologie soll so schnell wie möglich nach Europa kommen, vielleicht kommt sie noch schneller als die Fahrzeuge, die sich dann auch verarbeiten kann. So schnell kann das gehen.

Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

3 Kommentare

  1. Rolf Rolf

    Das ist peinlich. Für uns Europäer.
    Das ist wie zu den Zeiten, als ausgediente W123 und W124 nach Afrika verkauft wurden und dort der letzte Schrei waren.

    Es zeigt mir, dass ich nicht ganz falsch liege, wenn ich das Gefühl habe, dass wir noch nicht wirklich bei einem Reifegrad des E-Autos angekommen sind, wo es eine gute und langfristige Investition ist.

    Vielleicht lachen wir in fünf Jahren über die kleinen 2-Tonner, wenn dann kleine und leichte Feststoffbatterien für enorme Reichweiten und kurze Ladezeiten sorgen.

    Die Chinesen stellen sich nur selbst ein Bein, derzeit noch, mit dieser anonymen Markenvielfalt und man als Kunde nicht weiß, ob es die Marke in drei Jahren noch gibt, geschweige denn irgendwelche Ersatzteile.

    Aber man wieß ja auch nicht, ob es Mercedes in zehn Jahren noch gibt ……..

    • Max Max

      Mercedes gibt es sicher noch, ev. als ein kleines Pet Project im Geely Konzern

  2. Odi Odi

    Ja, wie wahr. Schlimmer ist das wir es komplett verschlafen haben und trotzdem jetzt nicht mit der Brechstange die Weichen stellen. Die deutsche Autoindustrie wird leider großflächig sterben. Zu groß ist der technologische Abstand geworden. Das Wunder wird ausbleiben. Habe vor zwei Wochen einen BYD zur Probe gefahren und war über Verarbeitung, Garantie und Qualität erschrocken. Das ist so viel besser als dass was ich erwartet hatte… Tatsächlich beängstigend.
    Jetzt müssen wir tatsächlich dankbar sein, dass Tesla sein Werk in Deutschland weiter aufrüstet. Sie haben sich immerhin konsequent auf die neue Wirklichkeit vorbereitet. Irgendwie wohl doch gut, wenn man Manager beschäftigt die das langfristige Unternehmenswohl im Blick haben und Projekte über fünf Jahre Umsetzungsdauer anfassen. Trotzdem werde ich meinen Tesla aus ideologischen Gründen abgeben. Und das obwohl ich seit 100.000 Kilometern nur einmal die Scheibenwischer als einziges Verschleissteil getauscht habe (möchte gar nicht aufzählen, was unser anderes deutsches Verbrennerauto in der gleichen Zeit an Nebenkosten generiert hat).
    Der Verbrenner ist Geschichte. Wir wollen es nicht wahrhaben, wollen weiterhin in unserer Bubble leben und uns gegenseitig das „jetzt“ schön reden. Energiewende, Elektroautos, Atomkraft (bis es Alternativen gibt) … all das hätten wir als Exportschlager vermarkten können. Nun ist es zu spät. Die Arbeitsplätze sind verloren. Kein Geld für Innovation. Eine Spirale die sich nach unten drehen wird. Nur noch einige fossil subventionierte Medien verbreiten noch den Unsinn von der schönen heilen Verbrennerwelt und der nicht machbaren Energiewende.
    Meinen Verbrenner habe ich letzte Woche verkauft. 25 kWP Solaranlage geht diese Woche mit 40 kWh Akkuspeicher und Wallbox ans Netz. Netzglättende Eigenschaften mit dynamischen Stromtarifen… Bidirektionales Laden scheitert wieder an der Politik. Wärmepumpe folgt im Sommer.
    Und welches Elektroauto meinen Diesel ersetzten wird? Schauen wir was die neue Flash Technologie von BYD kosten wird und ob Tesla vielleicht noch ein Familienauto bringt was bezahlbar ist. Es ist so traurig Deutschland! Wirklich sehr traurig!
    Danke für den interessanten Artikel.

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