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radical zero: Genesis GV90

Vom Geheimtipp zum Grossmaul – geht das überhaupt?

Das Segment der Luxus-SUV ist längst kein Klub mehr, in dem sich ein paar deutsche Platzhirsche gemütlich die Kundschaft aufteilen. Wer heute mit 5,28 Metern Länge und sechsstelligem Anspruch antritt, muss sich nicht nur an BMW X7 und Mercedes GLS messen, sondern zunehmend an chinesischen Herstellern, die diese Klasse mit einer Selbstverständlichkeit aufmischen, die man in Stuttgart und München erst noch verdauen muss. Man tut also gut daran, chinesische Marken hier ernst zu nehmen, statt sie süffisant als Kopisten abzutun. Genau das war lange der bequeme Reflex, mit dem man auch koreanische Hersteller abgetan hat. Bis jetzt.

Genesis, die Nobeltochter aus dem Hyundai-Konzern, kennt dieses Schicksal aus erster Hand. Exzellente Autos baut man dort seit Jahren, nur wahrgenommen wird das ausserhalb Südkoreas kaum. Selbst die veritable Luxuslimousine G90 mit ihrem XXL-Radstand blieb international ein Nischenprodukt, während BMW 7er und S-Klasse ungestört weiterregierten und selbst der mittlerweile eingestellte Audi A8 mehr Beachtung fand. Jetzt also der Befreiungsschlag: der elektrische GV90, enthüllt in San Francisco, direkt aus der Konzeptstudie Neolun hervorgegangen, die man 2024 in New York erstmals zeigte.

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Und man muss sagen: Genesis meint es ernst. Zwei Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse liefern zusammen 490 kW respektive 657 PS und ein Drehmoment von 800 Nm, gespeist aus einem mit 123,5 kWh üppig bemessenen Akkupaket. In 4,9 Sekunden geht es auf Tempo 100, bei 240 km/h ist elektronisch Schluss – Zahlen, mit denen man auch Bentley Bentayga oder Maybach EQS SUV nicht ganz grundlos in den Rückspiegel schielen lässt, wie es die Marketingabteilung selbst gerne formuliert. Das 800-Volt-Bordnetz erlaubt zudem eine Ladeleistung von bis zu 350 kW, was den Sprung von 10 auf 80 Prozent auf rund 20 Minuten drückt. Klar andere laden schon mit einem Gigawatt, aber das Kabel glüht auch bei 350.000 Watt ausreichend.

Wirklich wild wird es bei den Türen. Gegenläufig öffnende Portale sind jetzt kein neuer Scherz, aber so ganz ohne B-Säule ist dann mittlerweile doch eher: selten. Überhaupt sind die Selbstmördertüren cool, kaum ein anderes Feature zeigt dem Plebs, dass man hier nicht selbst fährt, sondern gefahren wird. Und bei 3,25 Metern Radstand will man eigentlich auch hinten sitzen. Zumal es da nicht nur feinste Einzelsitze gibt, sondern in der Neolun-Ausstattung gleich auch noch Echtholz-Parkett mit Fussbodenheizung. Und ja, das ist kein Scherz.

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Wer mag, dreht die Vordersitze um 180 Grad – ein Feature, das man sich in der Praxis eher selten wünschen wird, das aber hervorragend in eine Werbebroschüre passt. Man fragt sich dann allerdings was mit dem gemeinsamen Fussraum passiert, denn wirklich grosszügig sieht das auf den Bildern nicht aus. Aber: Sie werden schon ihre Gründe haben.

Genesis-CEO respektive Hyundai-Motor-Group-Chef Euisun Chung lässt es sich nicht nehmen, gross aufzufahren: «Der GV90 ist nicht bloss ein neues Fahrzeug, sondern eine neue Vision für Luxusmobilität, die inspirierendes Design, KI-gestützte Software und Konnektivität sowie branchenführende Sicherheit vereint.» Schöner Satz, den man in ähnlicher Form schon von halb Wolfsburg, Stuttgart und Zuffenhausen gehört hat. Konkreter wird es beim ersten in einem Serienfahrzeug verbauten Dach-Airbag, der im Überschlagsfall zusätzlichen Lebensraum sichern soll.

Bleibt die Kernfrage: Reicht das, um sich gegen die etablierte Konkurrenz und gegen die aufstrebenden China-Marken durchzusetzen? Man würde sagen: technisch ja, markenpsychologisch ist das eine andere Geschichte. 657 PS, 800 Nm, ein Dach-Airbag als Weltneuheit und ein Innenraum, der zwischen 23 und 25 Zoll grossen Displays sowie 25 Lautsprechern kaum noch Platz für Understatement lässt – das alles ist auf dem Papier konkurrenzfähig. Ob grosse Scheine aber auch für einen Markennamen ausgegeben werden, den man sich in der Schweiz noch buchstabieren muss, entscheidet sich nicht am Datenblatt, sondern auf der Ausstellungsfläche. Und allein davon hat Genesis mit seinen Flagship-Stores schon zu wenig.

Als kleine Randnotiz: Um die Steifigkeit mit ohne B-Säule zu gewährleisten hat Genesis tüchtig Material in den GV90 packen müssen. Hochfest Stähle, ausgeschäumte Rohre und allerhand andere Tricks. Zusammen mit der mächtigen Batterie soll es die Topversion entsprechend kaum schaffen die 3,5 Tonnen-Gewichtsbegrenzung moderner EU-Führerscheine einzuhalten. Aber: Wer so einen Neolun ordert, der hat auch einen Fahrer. Im Auswahlgespräch dann aber die Frage nach dem entsprechenden Schein nicht vergessen…

9 Kommentare

  1. Carl Carl

    Puh, irgendwie grotesk. Habe woanders gelesen, dass man den riesigen Monitor um 9cm versenken kann Eine Antwort auf ein Problem, das man nicht hätte erschaffen müssen.
    Das Heck sieht in heller Lackierung aus wie das uneheliche Kind aus einem Airstream und einem Rimowa-Koffer.
    Findet das Ding irgendwer ernsthaft gut?
    Er wird uns zum Glück in Mitteleuropa nicht allzu oft begegnen 🙂

  2. DeHavilland DeHavilland

    Optisch tatsächlich nicht weit entfernt von dem Bentley Kleinlaster, an dem ich täglich in seinem Ausstellungpavillon vorbeifahre. Da der Genesis wahrscheinlich nur 1/3, kostet durchaus ein Angebot, das Interessenten finden wird, in China und Nahost versteht sich. Wobei – da hat man auch das Kleingeld für das Flying B – wie man ja auch keine Casio kauft, nur weil sie genauer, robuster und viel preiswerter als eine PRolex ist.
    Wie dem auch sei – ich kann die Leistung von Genesis anerkennen, sowas kann man viel schlechter machen, nicht wahr Cullinan?
    Brauchen würde ich so was sicher nicht – hätte ich dieses Geld für ein weiteres Auto übrig, ich wüsste so rund 483 Autos, die ich eher kaufen würde.

    MfG
    DeHavilland

  3. hugoservatius hugoservatius

    Ich hasse SUV‘s. Egal, ob klein, mittel oder groß.
    Und ganz besonders hasse ich die Riesengroßen.
    Ich halte wenig von Langstreckenfahrzeugen mit Elektroantrieb, jedenfalls solange die Entwicklung der Akkus nicht weiter fortgeschritten ist.
    Ich käme vermutlich nicht auf die Idee, ein Auto aus Korea zu erwerben.

    Aber:
    Diesen absurden Genesis in ic genial!
    Die Dimension, das Design, das Interior, den Parkettfußboden mit Fußbodenheizung, der lautlose Antrieb, das alles ist endzeitliche Dekadenz, pure Hedonismus und so überdrüber, daß Maybach, Bentley und Rolls Royce etwas ärmlich-kleinbürgerlich dagegen wirken.
    In Auto wie das Burj al Arab!

    • hugoservatius hugoservatius

      Sorry für die Rechtschreibfehler, die Tastatur meines iPads spinnt mal wieder…

      • Rolf Rolf

        Dos behaubten sie olle ….

  4. Nick Nick

    Der Punkt ist doch, dass Hyundai (!!!) ein Auto baut, bei dem jeder Betrachter spontan den Vergleich zu Bentley zieht.
    Währenddessen ist ein Mercedes-Maybach ein androgynes Stück Seifen mit einem Innenraum wie eine Viedeospielhalle. Entschuldigend wird da der Geschmack asiatischer Kunden vorgeschoben.

  5. Rolf Rolf

    Ich habe mir den jetzt etliche male angesehen. Ich finde ihn sehr interessant.
    In mehrfacher Hinsicht.

    Einmal finde ich den Wandel im Design spannend.
    Hatten wir bisher viel Glas und Dachsäulen so verkleidet, dass die Glasfläche beinahe durchgehend wirkt, wandelt es sich nun zu viel Blech und einer erstaunlich kleinen Heckscheibe. Halt ein bisschen Panzerfahrzeug, hier aber sehr glatt und streng.

    Zum anderen muss man klar anerkennen, dass der SUV nicht nur den Kombi verdrängt hat, er verdrängt jetzt auch die Luxuslimousine. In England ist der Range Rover längst die Staatskarosse. Nur der König holt ab und zu die Repräsentationslimousine raus, die aber auch SUV-Abmessungen hat, sogar in der Höhe.

    Das mit den Türen ohne B-Säule passt dazu.
    Der Fernseher im Innenraum zerstört leider den positiven ersten Eindruck. Sieht aus wie die Grundmaske bei einem Heimgerät mit Google TV.

    Elektrisch ist halt angesagt in Asien, vielleicht in den USA. Leider viel zu schwer.
    Mir macht das, nicht lachen, nach einem Test vor ein paar Tagen mit einem Laubsauger Angst. Der Akku war nach so wenigen Minuten leer, es war erschütternd. Man ist das nicht gewohnt von benzingetriebenen oder kabelgebundenen Geräten.

    Insgesamt finde ich dieses Trumm aber durchaus ansehnlich und überhaupt nicht hässlich.

    • Rolf Rolf

      PS: Herr Ruch, warum hat der Grüne die Türgriffe hinten an „normaler“ Stelle sitzen? Kann man wählen?

      • Rolf Rolf

        PPS: Ich antworte mir selbst, nur das Topmodell hat die Selbstmördertüren.

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