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Test Renault Talisman

Das Grosseganze

Das Grosseganze ist ein Wort, das es so im Duden nicht gibt. Aber Martin Walser hat es genau so verwendet, und irgendwie gefällt uns das, ein Nomen für, eben, das Grosseganze. Und warum beginnen wir den Test Renault Talisman damit? Weil er Teil des Grossenganzen ist, das Renault derzeit aufstellt. Eine wirklich gescheite Plattform, die sich noch breiter auslegen lässt als der MQB des Volkswagen-Konzerns, wir kennen bisher Espace, Megane, Scenic/Grand Scenic. Und eben auch den Talisman, den es unterdessen auch als Kombi gibt und der die grösste klassische Limousine ist, die Frankreich derzeit zu bieten hat.

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Ach, die grosse französische Limousine, das war einst ein Segment ganz für sich. Die DS von Citroën, der CX, die XM, aber auch die Peugeot 604 und 605 und die Renault 30 und Safrane und so. Zuletzt gab es noch den C6 von Citroën, und dieser war, ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass es eben auch anders geht als riesig und statusbetonend und superpotent wie bei den deutschen Herstellern. Nein, vom neuen Talisman wird es keinen V12-Diesel-Hybrid geben, da ist bei 1,6 Liter und vier Zylindern schon Ende Feuer. Gepflegt Reisen lässt sich damit aber ähnlich gut wie in fünfmal teurerem Protz-Stahl.

Also, nehmen wir mal an, gehen wir davon aus, die Reise geht von A nach B, von daheim, zum Beispiel, in die Ferien. Nun mag es Menschen geben, die müssen ihren Nachbarn beweisen, dass sie sich den fetten Brocken leisten können, weil sie ja dann auch in einem überteuerten Hotel absteigen werden, wo der Portier ein massives Trinkgeld erwartet, wenn man in einem Premium-Gefährt vorfährt. Dazwischen aber, also zwischen A und B, da reist man gerne komfortabel, in Ruhe, mit viel Raum, ganz entspannt. Den ganz grossen Auftritt vor Nachbarn und Hotel-Portier kann so ein Talisman nicht bieten, aber das, worauf es ja eigentlich ankommt, kann er vorzüglich. Die Frage muss halt sein, ob man solches schätzt – oder ob das Image, die Aussenbetrachtung wichtiger ist. Womit wir einen ersten Kreis, jenen des höchstpersönlichen Lebensentwurf als Grossesganzes, schon einmal so ein bisschen geschlossen hätten. Man kann sich ja auch die Frage stellen: Audi A8 oder Skoda Superb? Da gibt es auch noch die gleichen Motorisierungen bei einem exorbitanten Preisunterschied.

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4,87 Meter lang ist der Talisman; so lang war, es ist noch nicht so lange her, eine S-Klasse. In der zweiten Reihe bietet der Franzose nicht so viel Platz wie der superbe Superb, aber immer noch mehr als reichlich. Man könnte schreiben: Taxi-Qualitäten. Was auch für den Kofferraum gilt, der satte 608 Liter fasst. Und bei abgeklappter Rücksitzbank sind 1022 Liter; die belädt man dann aber besser durch die hinteren zwei Türen. Oh ja, wartet auf den Kombi genannt Grandtour.

Doch wichtiger ist der allgemeine Wohlfühl-Faktor nicht nur für die hinteren Gäste, und da sei die Ruhe gelobt; da muss wohl manch ein Kilo Dämm-Material verbaut worden sein, denn der Talisman wiegt mindestens 1,6 Tonnen, und das ist nicht zu wenig. Auch fein ist der Komfort: die französische Sänfte ist passé, doch das macht er schon sehr gut, der Renault. Für die Kurvenhatz empfiehlt sich der Fahrmodus «Sport», doch irgendwie will der nicht zum Franzosen passen, man schätzt diese weiche, souveräne Abrollen irgendwann sehr, will gar nicht mehr wechseln auf eine schärfere Kennung der Elektronik. Wir hatten das Vergnügen mit der Top-Ausstattungsvariante «Initale Paris», und das liegt alles locker auf Premium-Niveau, Verarbeitung, Materialien – und auch die Phantasie bei den Details. Es ist schon zu sehen, dass gerade die französischen Hersteller da in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht haben und sich auf elegante, charmante Art und Weise den deutschen Herstellern annähern. Es ist halt einfach so: Stil kann man nicht kaufen oder konstruieren – und da ist man in Paris dem modischen Chic definitiv näher als in Ingolstadt oder Stuttgart. Auch wenn Dingens wie die Möglichkeit, die Farbe des Ambiente zu wechseln, eher in den Bereich Schischi gehören.

Es darf geschrieben sein: Renault und Volvo sind derzeit führend in Sachen Vereinfachung der Bedienkonzepte. Nirgends gibt es grössere Touchscreens (ausser: im Tesla), nirgends gibt es weniger Knöpfchen (ausser vielleicht: Citroën C4 Cactus). Es mag sein, dass wir in den vergangenen Wochen manch einen Renault bewegt und uns deshalb an die Vorgänge gewohnt haben, doch das geht ja dem Besitzer eines solchen Wagens auch so. Auf Anhieb mag das etwas kompliziert erscheinen, doch man hat den Dreh schnell raus. Und möchte es dann gar nicht mehr anders haben. Wir wüssten nicht, was da Gestensteuerung noch verbessern könnte: der Talisman fühlt sich an wie ein grosses Smartphone, und das ist sicher der richtige Weg. Es geht auch hier um das Grosseganze.

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Wir haben es schon mehrfach erwähnt, nicht nur bei Renault, sondern auch bei Volvo: ob das Downsizing auf nur noch Vierzylinder im Angebot wirklich der richtige Weg ist – davon sind wir nicht komplett überzeugt. Unser Testwagen war mit dem stärksten Diesel ausgestattet, 160 PS und 380 Nm maximales Drehmoment. Das ist ganz nett, aber eben: es sind mit dem Selbstzünder wohl eher 1,7 Tonnen, die angeschoben werden müssen. Das funktioniert so schlecht nicht, der Wagen wirkt nicht angestrengt, aber extrem souverän ist das trotzdem nicht, das 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe sucht gerade bei Steigungen manchmal etwas bemüht nach dem passenden Gang. Wahrscheinlich ist der 200-PS-Benziner die bessere Lösung, dann marschiert der Talisman auch 237 km/h schnell (Diesel: 215 km/h) und sprintet in 7,6 Sekunden auf 100 km/h (Diesel: 9,4 Sekunden). Dafür gibt Renault als Verbrauchswert nach NEFZ für den Selbstzünder von nur gerade 4,5 Liter an. Wir wissen nach dem Test, dass dies eher ein Phantasiewert ist, unter 6 Liter brachten wir den Franzosen nie, im Schnitt waren es über derer 7.

Mindestens 46’300 Franken werden für so einen Talisman als «Initale Paris» und mit dem Diesel fällig. Das erscheint auf den ersten Blick als ziemlich viel für einen 1,6-Liter. Doch der Talisman hat unbedingt den zweiten Blick verdient. Vor allem dann, wenn die Selbstdarstellung nicht das primäre Lebensziel ist.

Mehr Renault haben wir in unserem Archiv. (Wir entschuldigen uns für die wenigen Photos, aber wir suchen verzweifelt nach dieser einen HD, auf der wir eine ganze Menge abgespreichert haben. Oder wahrscheinlich eher: hatten.)

3s Kommentare

  1. Michel K. Michel K.

    Na ja. Genau 50 Jahre ist es her, daß die S-Klasse 487 cm lang war; Herr Ruch mag sich daran noch gut erinnern, ansonst jedoch niemand mehr.

    Man wünscht Renault Erfolg mit interessanten Autos, nicht jedoch mit diesem passenden Nachfolger des Latitude…

    • Peter Ruch Peter Ruch

      doch, wir wünschen Renault auch mit dem Talisman Erfolg. und die S-Klasse gibt es erst seit 44 Jahren. meines Wissens.

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