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Lotus Elite 504

Wellness, ganzheitlich

Zwei Wochen bin ich eine Lotus Elite 504 aus dem Jahre 1975 gefahren. Rund 1500 Kilometer, zur Arbeit, über Bergstrassen, auch auf der Autobahn. Abgesehen von zwei, drei Kleinigkeiten, siehe weiter unten, zickte die Engländerin nie, sie sprang immer problemlos an, fuhr brav zum Ziel und auch wieder zurück. Und es war immer ein sehr sinnliches Erlebnis, Autofahren, wie Autofahren sein muss. Denn es sind alle Sinne mit dabei, hellwach, manchmal riecht es nach Benzin, wenn man die Kurve zu flott nimmt, immer macht es eigenartige Geräusche, auf die man hören muss – dafür spielt man dann auf der Autobahn auf der Überholspur nicht mit dem Handy. Ganz besonders am Morgen, beim ersten Kontakt, muss man voll da sein, Choke ziehen, das Gaspedal behandeln wie ein rohes Ei, ganz genau hinhören, damit sich der 2-Liter-Vierventiler nicht verschluckt, behutsam den Choke reinschieben, nicht zu viel, nicht zu wenig, auf Geräusche achten, die der Wagen gestern noch nicht machte. Sogar taktil ist man gefordert, der Lotus ist ein Rechtslenker, man schaltet also mit der linken Hand, daran muss man sich schon gewöhnen. Dafür sitzt man näher am Strassenrand, kann zurücklächeln, wenn die hübschen Damen das hübsche Fahrzeug betrachten. Und überhaupt, in Rechtskurven ist man schneller.

Ich erlaube mir fünf Thesen, warum nur Oldtimer wie dieser Lotus die individuelle Mobilität retten können.

These 1: Das sinnliche Erlebnis
Manchmal lässt sich die Beifahrertür nicht öffnen. Manchmal schon. Eine Logik dahinter ist nicht zu erkennen, vielleicht hängt es mit den Temperaturen zusammen. Oder auch nicht. Manchmal hat die Elite von Lotus: Schlafaugen. Da stehen die Scheinwerfer so halb offen. Manchmal sind sie aber auch ganz offen, mitten am Tag macht es ein komisches Geräusch, das an einen Furz erinnert, und dann kommen sie aus der Versenkung. Obwohl der Lotus einfach nur parkiert ist, gar kein Licht braucht. Andererseits: Nächtens sollte man eh nicht fahren. Das Licht ist nicht so gut, die Scheinwerfer haben die Strahlkraft ausgebrannter Fackeln. Manchmal funktionieren auch die elektrischen Scheibenheber nicht. Also, jener auf der Fahrerseite geht gar nicht, das Fenster ist einfach offen. Immer. Das macht die Elite dann zu einem reinen Sonnenschein-Auto, zum Parkieren sucht man sich gedeckte Plätze. Wo sich ja dann die Scheinwerfer, manchmal, wieder selbständig machen. Immerhin: Das Radio geht gar nicht, nie. Und weil man ja nur bei schönem Wetter fährt, hat man dann auch keine Probleme mit dem Scheibenwischer. Der eine ganz besondere Schwachstelle der Elite ist, eigentlich wurde das ganze Fahrzeug um den Scheibenwischermotor herum konstruiert. Was dann zur Folge hat, dass der Lotus quasi komplett auseinandergebaut werden muss, um ein allfälliges Problem mit dem Scheibenwischer beheben zu können. Den Kampf gegen die Sitzverstellung gibt man bald auf, sie gewinnt sowieso.

These 2: Bewusster leben
Es ist beim Automobil schon lange nichts mehr, wie es einst war. Vollgestopft mit elektronischen Helferlein ist so ein modernes Gerät, ein fahrendes Smartphone, das alles selber macht, die Spur hält und den Abstand, das künstlichen Lärm erzeugt und null Emotionen. Die meisten Pilotinnen und Fahrer sind mehr mit ihrem Handy beschäftigt als mit dem Lenkrad, kümmern sich mehr um Excel-Tabellen als um den Fahrspass, hören Bum-Bum-Musik anstatt Motorengeräusche. Im Oldtimer ist das ganz anders, er erfordert volle Konzentration auf das Wesentliche, der Geist muss alert sein, es ist Yoga im Kopf. Und ja, die Sitze der Elite sind auch nicht über viele Zweifel erhaben, es ist also auch noch Rückentraining. Und das Ein- und Aussteigen erfordert eine gewisse Fitness, nicht wie bei diesen doofen, modernen SUV, in die man hineinplumpst und dann auch wieder hinaus. Alle wollen sie zurück zur Natur, intensiver leben, mehr geniessen, bewusster wahrnehmen, besser auf sich und das Innere hören. Kann man alles haben, wenn man so einen Klassiker fährt. Und man kann sogar den Grad der Intensität dieses sinnlichen Erlebnisses selber bestimmen, ein noch nicht wirklich alter Mercedes ist mehr so der Softie – ein betagter Engländer wie die Elite dann mehr so «hardcore».

These 3: Die Wertschöpfung.
Wer bei einem neuen Automobil zum ersten Mal den Schlüssel dreht, der vernichtet mit einer einzigen Handbewegung gleich einmal 30 Prozent des Wertes der Gerätschaft. Bei einem Klassiker hat genau das jemand ja schon vor vielen Jahren übernommen – in der heutigen Zeit wird man auch mit einem Oldtimer kaum mehr einen Abschreiber haben. Wer heute einen Kadett für 7000 Euro kauft, wird ihn in drei Jahren auch wieder für das gleiche Geld verkaufen können – wer heute einen alten 911 für 100’000 Euro kauft, wird in drei Jahren wohl 150’000 dafür kriegen. Gut, Versicherung, Garagierung etc. können bei einem Klassiker ganz schön ins Geld gehen – doch das tun sie bei einem Neuwagen im genau gleichen Masse. Aber die Reparaturen? Na und? Bei einem Kadett kann man wenigstens noch selber Hand anlegen, das geht bei einem neuen Skoda Octavia schon längst nicht mehr. Und dann ist ja da noch der Freund, der schweissen kann oder die Benzinpumpe wieder in Gang bringt, der es für einen Kasten Bier macht am Samstagnachmittag, dann sitzt man dann da und arbeitet miteinander und plaudert und trinkt und grilliert später auch noch – da kommen zwischenmenschliche Werte mit ins Spiel, die mit Geld nicht zu bezahlen sind. Gilt übrigens auch für das Lächeln der hübschen Damen am Strassenrand. Oder das Fachsimpeln bei Ausfahrten, auf denen man immer, aber immer jemanden trifft, der gerne über das Fahrzeug plaudern will. Passiert in einer neuen, abgedunkelten S-Klasse nie. Aber sowas von gar nie.

These 4: Der Umwelt zuliebe
Stimmt, wenn es um die lokalen Emissionen geht, das sieht so ein Oldie nicht wirklich gut aus. Doch diese Betrachtung ist dümmlich, der Strom für ein Elektroauto kommt ja auch nicht einfach so aus der Steckdose, so wenig wie die Milch aus dem Tetra-Pak. In der Gesamtbetrachtung hat ein 30jähriger Land Rover Defender eine deutlich bessere Energiebilanz als jeder VW Polo (von einem Tesla ganz zu schweigen), es musste keine neue Fabrik aus dem Boden gestampft werden, es arbeiteten nicht Heerscharen von Ingenieuren an neuen elektronischen Helferleins (denn es fand in 50 Jahren quasi keinerlei Entwicklungsarbeit statt), es braucht keine Abwrackprämie, damit der ewige Kreislauf der Wertschöpfung durch die Industrie künstlich aufrechterhalten werden kann. Wer einen Oldtimer rettet und bewegt, der tut der Umwelt nur Gutes – ein neuer Tesla ist dagegen eine absolut sinnbefreite Verschwendung von Ressourcen. Auch wenn er bei den lokalen Emissionen deutlich besser aussieht. Ausserdem: Klassiker werden viel bewusster gefahren, da holt man dann die Milch lieber zu Fuss als mit dem Lotus, das gesamte Startprozedere würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

These 5: Stil.
Es sehen heute alle Autos gleich aus, man kann den Cayenne kaum mehr vom Ignis unterscheiden. Nun ist es ja aber definitiv so, dass das Automobil für ganz viele Menschen nicht bloss ein Transportmittel ist, sondern mehr noch Ausdruck für ihren ganz persönlichen Lebensstil. Ich fahre Audi, also bin ich. Oder so. Wenn man nun aber den A6 der vorletzten Generation nicht mehr vom gerade aktuellen Modell unterscheiden kann, was bleibt dann? Wer ist man in der Aussenbetrachtung, wenn man einen zwar neuen BMW, diesen aber im klassischen Leasing-Silber jeweils am Samstag in der Einfahrt zum Reihenhäuschen wäscht? Sehen so Sieger aus? Ist man(n) ein Held, wenn man im AMG-Benz durch die verkehrsberuhigte Strasse röhrt – oder mehr so: der Depp? Wen schätzt man auf einen höhren IQ ein, den friedlichen Piloten einer Ente oder den sonnebrillenbewehrten Fahrer eines Touareg mit R-Paket? Sorry, viel cooler als mit einer Elite von Lotus kann man gar nicht sein, Gentleman, Freak, Stil-Ikone. Oder stellen Sie einmal eine alte Giulia von Alfa Romeo neben einen neuen 7er von BMW – mal schauen, wer die Sympathiepunkte abkriegt.

Wir bedanken uns bei Daniel K., der uns diesen wunderbaren Wagen zur Verfügung gestellt hat. Andere schöne Oldies finden sich alleweil in unserem Archiv.

6s Kommentare

  1. Stephan Siegwart Stephan Siegwart

    Treffend! Und herrlich geschrieben!
    Danke und weiterhin viel Spass mit den alten Gerätschaften
    🙂

  2. Ein ganz toller und vor allem ehrlicher Bericht. Es muss zwar nicht unbedingt ein Lotus sein….Mit dem MGA hat man dieselben aufregenden Erlebnisse. Grüsse Euch Fritz Griesser, Oerlingen

  3. stemmi211 stemmi211

    Schön, dass man sich wieder einmal an diese Generation des Lotus Elite erinnert. Vor Jahren hatten wir in der Familie einen Lotus Elite 501 als Zweitwagen im Alltagseinsatz. Daher erlaube ich mir einige Kommentare, die sich nicht auf den philosophischen Teil des schönen Artikels, sondern auf das Fahrzeug beziehen. Unser Auto hatte eigentlich nur zwei richtige Probleme, einerseits die vertuschten, über Jahre nicht gemachten Wartungsarbeiten, andererseits die etwas fragile Qualität der Materialien, v.a. im Interieur. Ansonsten wäre das Auto zu 100% alltagstauglich gewesen, inkl. problemloser Elektrik, leistungsfähiger Heizung mit perfektem Defroster, funktionierendem Scheibenwischer, sich öffnenden Türen und willigen Sitzverstellungen. Darüber hinaus brillierte der Lotus mit super knackigem Handling, tiefem Verbrauch bei guten Abgaswerten, damals guten Crashtest-Resultaten etc. Gewöhnungsbedürftiges hatte der Lotus vieles, insbesondere drei verschiedene Schlüssel (Tür links, Tür rechts, Zündung) oder auch das nicht besonders praktische Reinklettern in die hinteren Sitzschalen – aber damit arrangiert man sich irgendwann, schliesslich hatte es erstaunlicherweise tatsächlich Platz für 2+2 Menschen im flachen Auto. Aber auch Praktisches wies er auf, zum Beispiel die beidseitigen Tankdeckel, die ausgefeilte Aerodynamik, die neben Sparsamkeit und geringen Windgeräuschen auch machte, dass der Einarmscheibenwischer bei Regen praktisch nie benutzt werden musste. Und am Schluss ist vielleicht noch zu erwähnen, dass sogar für den Fall, dass etwas schief läuft, einiges reinentwickelt wurde. Beispielsweise die im Erlebnisbericht unberechenbar erscheinenden Scheinwerfer. Diese werden ganz einfach via Unterdruck geschlossen gehalten und bewegen sich so quasi «fail safe» in Arbeitsstellung, sollte eine Undichtigkeit auftauchen. Nicht so ganz falsch und erst noch ganz einfach und leicht. Oder beispielsweise die bereits erwähnte Crashsicherheit. Ich erlebte im Kunststoff-Lotus eine Seitenkollision, bei welcher mir ein viel moderneres Sportcoupé die Fahrerseite aufschlitzte. Meine Tür liess sich ohne Probleme öffnen (und das Türblatt ersetzen und der Rest reparieren), das Sportcoupé, das sich am Lotus verbissen hatte, musste vollständig abgeschrieben werden. Auch wenn wir irgendwann vor den eingangs erwähnten zwei Problemen (und den damit verbundenen Ausfällen und Ausgaben) kapitulieren mussten und den Lotus gegen einen problemlosen Neuwagen eintauschten, habe ich beste Erinnerungen an die damit gefahrenen Kilometer. Und an ein verkanntes Auto, dem eigentlich nur wenig gefehlt hat (vielleicht nebst einem massentauglicheren Design), um sich dauerhaft und positiv in der Geschichte der richtigen 2+2 Sportwagen einzureihen.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      grossartig! ganz herzlichen Dank!

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