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Fahrerlebnis Kia Stinger

Und täglich grüsst das Murmeltier

Und dann macht man es halt so, wie man es eigentlich nicht macht: Man kommt viel zu flott auf die Kurve zu, bremst den Kia Stinger viel zu brutal ein, zieht ihn zu sehr in den Bogen, geht zu früh und zu heftig auf das Fahrpedal. Und all das, was man eigentlich nicht macht, macht dann nur noch Spass, Gegenlenken, mehr Gas, spielen – und der Koreaner knallt mit dem Heck weit, weit draussen sehr, sehr quer durch die Biegung. Ok, manchmal geht es nicht, zu viel ist zu viel, dann hat man die Landschaft kurz im 180-Grad-Überblick, aber je länger man übt, desto schöner werden die Drifts, desto breiter das Lächeln im Gesicht. Wir haben lange geübt.

Mit dem Stinger hatte Kia 2017 für eine höchst erfreuliche Überraschung gesorgt. Wir mögen den Koreaner, fairer Preis, gutes Design, anständiger Motor (zumindest mit dem 3,3-Liter-V6), gutes Fahrwerk; wir durften ihn einst gar über die Nordschleife hauen. Doch die Zeit bleibt halt nicht stehen, darum hat Kia den Stinger auch behutsam erneuert, verbessert – und das ziemlich still und heimlich, der Schweizer Kia-Händler unseres Vertrauens, zum Beispiel, hat das gar nicht mitbekommen. Auch ist etwas unklar, was in welchen Ländern wirklich schon erhältlich ist. Die Rede ist von einer feinen Harmon-Kardon-Anlage, Anpassungen bei den Motoren (etwa dem «Smart Neutral Cruising», das in gewissen Fällen die Maschine vom Getriebe entkoppelt), einer Sportabgasanlage mit Klappensteuerung für den 3,3-Liter – und vor allem einem neuen Sportfahrwerk. Als Zückerchen obendrauf gibt es dafür auch noch ein mechanisches Sperrdifferential.

Und genau deswegen sind wir hier auf einem ehemaligen Flugplatz. Und genau deswegen machen wir selbstverständlich alles falsch. Verantwortlich dafür und überhaupt für den Fahrspass zeichnet Sven Rechtsteiner, bei der Hyundai Motor Group zuständig für Vehicle Testing & Development, «steering & suspension». Was er jetzt hier mit uns macht, macht er auch sonst den ganzen Tag: er haut Stinger und andere Koreaner brachial in die Kurve. Er hetzt sie über schlechte Pisten und feinsten Asphalt, über kurvige Landstrassen, fiese Gässchen in Innenstädten, Autobahnen. Er probiert es mit unterschiedlichen Reifen, unterschiedlichen Einstellungen, anderen Dämpferraten, anderen Federn. Er kann es ganz smooth, er treibt es ganz wild, er treibt sie quer und sich selber vielleicht manchmal an den Rand des Wahnsinns, wenn da wieder einmal eine Kleinigkeit nicht so ist, wie sie sein sollte. Dieser Mann muss ein Gefühl im Hintern und den Händen haben, jenseits. Aber selbstverständlich hat er auch alle nur erdenklichen Hilfsmittel, einer seiner häufigsten Beifahrer ist das Messgerät.

Dass der Stinger jetzt so richtig quer gehen kann, trotz Allradantrieb, das haben wir Sven zu verdanken. Gut, dieser Kia ist jetzt nicht der ganz typische Koreaner, da mussten bei Kia einige sonst sehr hohe Hürden nicht übersprungen, sondern schlichtweg ausgelassen werden. Aber dass es nun auch noch möglich ist, den Wagen ganz bewusst nicht nur gut längs, sondern auch formidabel quer zu beschleunigen, das hat ganz viel mit der Arbeit der Fahrwerk-Ingenieure zu tun. Wobei wohl mindestens so viel Überzeugungsarbeit hinter der Einsicht steht, dass auch ein Kia Fahrfreud’ machen kann. Rechtsteiner spricht kein Wort darüber, aber er freut sich, wenn der Berichterstatter den Stinger auch sauber im Drift aus der Biegung bringt, stabilisiert, um gleich beim nächsten Bogen die Reifen wieder zu strapazieren. Er kann das besser, klar, aber er macht das ja auch quasi dauernd.

Und deshalb geht die Entwicklung auch am Stinger quasi dauernd weiter. Da geht dann noch mehr, bald, nicht nur beim Fahrwerk. Es sind selbstverständlich nur Gerüchte, die uns da zu Ohren gekommen sind vom grösseren, stärkeren V6 aus den Genesis, die durchaus auch im Kia Platz finden könnten. Und sogar noch ein bisschen mehr Sportlichkeit, sowohl bei der Längs- wie auch der Querdynamik. Und vielleicht noch ein paar neue Töne bei der Geräuschentwicklung. Die Zeit bleibt ja nicht stehen.

Mehr Kia haben wir in unserem Archiv. Ach ja, hier haben wir noch ein kleines Filmchen unserer Übungen: Stinger-drift2

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  1. […] Es gibt wenig Unschärfe, der GT ist stets gut am Fuss zu halten und wenn es doch etwas zu arg war, dreht er auf einen Gaslupfer sachte mit dem Heck ein. Natürlich ist das Fahrwerk von einer soliden Strenge, aber es ist nicht unkomfortabel. Was auch daran liegt, dass er dann doch nur 18-Zoll-Felgen sind, deren Reifenflanke eine gute Portion Eigendämpfung zulässt (warum Kia-Fahrwerke mittlerweile so gut sind, das lesen Sie auch: hier). […]

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