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radical zero: Everrati

Mehr Möglichkeiten!

Seine Tochter, damals 11, habe nicht mehr schlafen können, erzählt Justin Lunny, Gründer und CEO von Everrati. Sie habe sich furchtbar gefürchtet vor dem Klimawandel und Angst gehabt vor Überschwemmungen – und habe ihn inständig darum gebeten, etwas dagegen zu unternehmen. Und als er dann direkt vor seinem Haus in Windsor noch ansehen durfte, wie Harry und Megan in einem rein elektrischen Jaguar E-Type zu ihrer Hochzeit vorfuhren, da sei ihm klar geworden, mit welchem Geschäftsmodell er seinen (kleinen) Teil dazu beitragen könne, die Welt zu retten. PR, Klischee, Romantiker? Das mit den schönen, salbungsvollen Worten hat Lunny auf jeden Fall im Griff, aber er ist auch ein knallharter Geschäftsmann, war lange in der IT-Branche, hat mehr als einen Start-up sicher gut verkauft. Wenn Justin Lunny etwas kann, dann rechnen.

Und so beharrt der Chef darauf, dass Everrati sich nicht mit «Umbauten» beschäftigt. Sondern klassische Automobile so baut, wie sie schon damals gebaut worden wären, wenn man damals das Wissen von heute gehabt hätte. Es ist auch nicht so, dass in den grosszügigen Hallen im Heyford Park in der Nähe von Bichester einfach die thermischen Komponenten rausgerissen und irgendwie mit einem Akku und Elektromotoren versehen werden: Jedes Fahrzeug wird 3D gescannt – und erhält dann die per CAD massgefertigten Komponenten. Die genau so angebracht werden, dass sich der Wagen auch jederzeit wieder zurück bauen lässt. Selbstverständlich werden die originalen Motoraufhängungen verwendet, für die Akkus werden bestehende Räume genutzt.

Man stellt sich das nun ziemlich einfach vor. Ist es aber nicht. In den Ford GT40 (keine Angst, kein Original, aber doch eine sehr schöne Superperformance-Replika) hat Everrati rund 6000 Arbeitsstunden gesteckt. Eines der ersten Projekte, eine Mercedes-Pagode, harrt der Vollendung, weil Lunny noch nicht zufrieden ist mit den technischen Feinheiten. Denn es muss nach Ansicht des Gründers unbedingt auch der Charakter des Fahrzeugs erhalten bleiben.

Wir fahren deshalb mit dem ersten Fahrzeug, das Everrati vollendet hatte, einem Land Rover Series IIa. So ein typischer, kurzer Landy aus den 60er Jahren ist ja eigentlich eine Krücke, noch mehr Traktor als nur schon Nutzfahrzeug. Der Vorwärtsdrang befand sich damals auf dem Niveau einer Wanderdüne, die Lenkung war schwergängig, Bremsen so gut wie nicht vorhanden (das war auch gar nicht nötig), dafür machte das Ding unfassbare Geräusche, war undicht und unbequem.

Der Everrati-Land-Rover ist nun eine Warmduscher-Variante des Originals, hat aber tatsächlich und trotzdem seinen Charakter bewahrt. Er ist ein Bock, hüpft über die Gasse, die Lenkung bleibt schwergängig, die Bremse ist viel besser als einst, braucht aber einen langen Weg. Sogar der Schaltstock vibriert wie früher, obwohl er eine ganz andere Funktion hat, nur noch gebraucht wird, um das Fahrzeug vorwärts oder rückwärts in Bewegung zu setzen; die Geländeuntersetzung bleibt dem E-Landy übrigens erhalten. Und dass Strom im Gelände etwas Wunderbares ist (Drehmoment!), haben wir ja andernorts schon geschrieben.

Was auch bleibt: die fiesen Windgeräusche ab ca. 20 km/h. Nur auf den Motorenlärm muss man verzichten – und auf die miserablen Fahrleistungen. Zwar haut es den Stromer nicht vorwärts wie andere E-Autos, aber so bis 80 km/h geht das ganz flüssig, fast wie bei einem modernen Fahrzeug. Viel schneller möchte man ja nicht dann auch nicht fahren, am Fahrwerk macht Everrati so gut wie nichts. Reichweite? «Etwa 200 Kilometer», sagt Lunny, «weiter wollen sie an einem Tag mit diesem Auto sowieso nicht fahren». Und ja, selbstverständlich verfügen alle Everrati über Schnelllade-Fähigkeiten.

Ansonsten ist innen wie aussen zwar alles gleich und doch komplett anders. Everrati bringt so genannte «doughnut»-Fahrzeuge komplett auf Vordermann, das sind dann Restaurationen vom Feinsten, aus einem Wrack entsteht ein wahres Juwel. Man sitzt auf feinstem Leder statt auf durchgesessenem Uralt-Stoff, die Armaturen sehen zwar gleich aus wie damals, sind aber mit digitalen Angaben erweitert worden. Auf Wunsch ist so ziemlich alles möglich, wie auch ein zweiter Series IIa zeigt, den Everrati am Tag unseres Besuchs an eine Dame in London ausliefert. Schönstes Teak-Holz innen, eine gewaltige Sound-Anlage, ein wunderschönes Monolithe-Lenkrad; diesem Exemplar wurden auch Scheibenbremsen und eine Servolenkung verpasst, die Besitzerin wünschte sich allen Komfort und «zero emissions» und den höchsten Grad an Coolness.

Und wie ist das mit technischen Komponenten? Das sein kein Problem, sagt Justin Lunny, der Markt sei unterdessen stark. Die meisten Batterien bezieht Everrati von Enivision, einem Unternehmen, das zu Nissan gehört. Elektro-Motoren gibt es zuhauf, da entstehe unterdessen sogar eine Konkurrenzsituation, auch weil grosse Hersteller wie Ford diesen Markt zu bearbeiten beginnen. Für eine seiner Porsche-911-Umbauten hat Everrati einen Tesla-Antriebsstrang komplett umgebaut: «Wir nehmen, was am besten auf unsere Bedürfnisse abgestimmt werden kann», sagt Lunny. Das funktionierte bestens, so lange Everrati nur Einzelstücke baue, meint der Chef, aber auch für Kleinserien gebe es bereits ausgezeichnete Lösungen.

Mehr Stromer haben wir hier: zero. Alles andere findet sich in unserem Archiv.

2 Kommentare

    • Peter Ruch Peter Ruch

      danke fürs meisterhaft. und danke für die hinweise )

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