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radical zero: Fahrbericht Ford F-150 Lightning

Überzeugungsarbeit

Die F-Series von Ford gibt es seit 1948. Der F-150 als Full-Size-Pick-up wurde 1975 eingeführt, seit 1981 ist er immer das meistverkaufte Automobil in den USA gewesen, im Januar diesen Jahres konnte das 40. millionste Exemplar verkauft werden. Analysten haben berechnet, dass die F-Series Ford im Jahr über 40 Milliarden Umsatz beschert, davon bleibt auch ein feines Sahnestück an Gewinn liegen. Seit Mitte 2020 rollt die 14. Generation aus der Produktion – und ein Jahr später wurde die rein elektrische Variante vorgestellt, der Ford F-150 Lightning. Das Ziel ist: 20 Prozent Marktanteil innerhalb der F-Series bis Ende 2023. Und dann ein Steigerungslauf.

Doch dafür muss Ford zuerst einmal massiv investieren. Das Ford-Fabrikgelände River Rouge Complex ausserhalb von Detroit gehört zu den grössten seiner Art, weltweit. Einst hatte Ford dort gar den Stahl für seine Fahrzeuge selbst produziert. Heute sind grosse Teile des Geländes von Unkraut überwuchert, es stehen Transportzüge herum, die seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurden, auf den ehemaligen Teststrecken ist der Asphalt aufgerissen. Doch rund um einen der vielen Eingänge in Baton Rouge herrscht seit kurzem rege Bau-Tätigkeit – Ford baut hier ein neues Werk, das zu einer der weltgrössten Produktionsstätten für E-Fahrzeuge werden soll. Es ist ein kompliziertes Bau-Projekt, denn einerseits werden in renovierten Hallen bereits die neuen F-150 Lightning hergestellt, andererseits wird rundum fleissig erweitert, auch eine eigene Batterie-Produktion wird langsam hochgezogen. Auch in die Komponenten-Fertigung steigen die Amerikaner wieder ein, nachdem sie in den letzten zwei Jahren stark von Problemen mit den Lieferketten geplagt wurden. Platz hat Ford ja mehr als genug zur Verfügung.

Am 19. Mai 2021 hatte Ford den F-150 Lightning vorgestellt, im September begann die Vor-Produktion, seit April 2022 werden die ersten Exemplare ausgeliefert. Und Ford muss noch massiv nachliefern: Ende 2021 lagen bereits 150’000 Bestellungen vor. Das lag sicher auch daran, dass der gewaltige Pick-up in seiner Basis-Version mit dem 97-kWh-Akku und 452 PS ein Schnäppchen war: der Preis lag bei 39’974 Dollar. Unterdessen haben die Amerikaner auf die gewaltige Nachfrage reagiert, den Basispreis zuerst auf knapp 47’000 und unterdessen auf doch ziemlich happige 51’974 Dollar erhöht. Die teuerste Variante, als Platinum bezeichnet, kommt dann auf 96’874 Dollar. Trotzdem muss Ford die Bestellliste immer wieder mal schliessen, der Andrang ist zu gross.

In dieser Variante gibt es neben einer sehr gehobenen Ausstattung dann auch die volle Leistung. Es wird eine gewaltige 131-kWh-Batterie verbaut, mit der die strengen Amerikaner dem 5,91 Meter langen eine Reichweite von bis zu 482 Kilometer attestieren. Je ein Elektro-Motor an jeder Achse schicken insgesamt 580 PS an die Räder – mit einem maximalen Drehmoment von 1050 Nm gehört der Lightning zu den kräftigsten Fahrzeugen überhaupt. Das soll den Sprint von 0 auf 100 km/h in knapp 5 Sekunden ermöglichen; nicht schlecht für ein Gefährt, das 3 Tonnen wiegt. Doch diese Zahlen sind wichtig, Ford muss eine sehr konservative Kundschaft davon überzeugen, den Stromer zu kaufen – und das funktioniert in den USA weiterhin am besten über gute Fahrleistungen.

Für unsere erste Ausfahrt mit dem F-150 Lightning suchte sich Ford die wohl langweiligste Teststrecke aller Zeiten aus. Ein bisschen Cruising durch Wohnquartiere, Höchstgeschwindigkeit 45 Meilen. Da liess sich einzig herausfinden, dass der Durchzug des Lightning tatsächlich grossartig ist, wahrhaft wie ein Blitz setzt der elektrische F-150 die Befehle am Fahrpedal um. Auch können wir vermelden, dass er sehr komfortabel ist – und ausgezeichnet geradeaus rollt. Was aber bei einem Radstand von 3,7 Metern auch nicht weiter verwundert. Auf einem riesigen Parkplatz, wie es ihn nur in den USA geben kann, versuchten wir uns aber noch ein bisschen in Drag Racing (beeindruckend) und engeren Kurven (auch relativ beeindruckend). Zwar ist das Fahrverhalten bei einem Pick-up nicht wirklich zentral, doch Ford hat seinem elektrischen F-150 erstmals überhaupt hinten eine Einzelradaufhängung spendiert, das wirkt sich auf jeden Fall sehr positiv aus.

Doch es gibt noch viel mehr positive Aspekte, mit denen der Ford F-150 Lightning punkten kann. Selbstverständlich lässt sich seine Batterie bi-direktional verwenden – und kann einem durchschnittlichen Haushalt bis zu drei Tage mit Strom versorgen. Es gibt reichlich Steckdosen, man kann auch einen Tiefkühler, zwei Fernseher und eine HiFi-Anlage in die Wildnis mitbringen und dort tagelang betreiben. Ein neues Betriebssystem berechnet die Reichweite unter Berücksichtigung von Zuladung, Wetter, Strecke, Fahrweise, Verkehr – und führt zu einem der 63’000 Lader, die über den «FordPass Power my Trip» zugänglich sind. Nicht ganz so begeisternd ist die maximale Ladegeschwindigkeit: 155 kW. «BlueCruise» heisst ein weiteres Programm, das auf entsprechend ausgestatteten Highways in den USA und Kanada weitgehend autonomes Fahren ermöglicht. Und das auf mittlerweile 160’000 Kilometern.

Nicht ganz so begeisternd ist auch die Zuladung: Etwas mehr als eine Tonne darf der Pick-up mitführen. Und die Version mit der grossen Batterie kann dann auch 4,5 Tonnen ziehen. Das ist im Vergleich zu den Verbrennern eher schwächlich. Dabei bietet der Lightning aber noch mehr Platz als die klassischen Pick-up – der Frunk, also der Kofferraum unter der ehemaligen Motorhaube, fasst zusätzliche 400 Liter und ist so einfach zu beladen wie ein klassischer Kombi. Auch in der Kabine ist gut Platz, zumindest vorne. Und die Gestaltung mit dem zwei grossen Bildschirmen sieht viel moderner aus, als dass man sich das von sonstigen F-150 gewohnt ist.

Es gibt Stimmen bei Ford, die sich den F-150 Lightning auch für Europa wünschen. Das erscheint bei den gigantischen Aussenmassen und auch dem Gewicht als eher unwahrscheinlich. Doch es kommen ja noch weitere rein elektrische Pick-up von Ford, kleinere Modelle wie der Maverick (der gerade durchstartet). Doch zuerst müssen die Amerikanerinnen überzeugt werden, dass ihr «Liebling» auch mit Strom die richtige Wahl unter den Full-Size-Pick-up ist. Noch hat Ford einen Vorsprung, aber auch der Dodge Ram und die Chevrolet Silverado werden bald mit Batterie und Kabel antreten. Und alle warten gespannt auf den Cybertruck von Tesla – die Spiele sind eröffnet.

Mehr Stromer gibt es unter: zero. Alles andere in unserem Archiv.

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