Die Neuerfindung des Keils
Diese Geschichte beginnt schon in den späten 60er Jahren, als sich Bertone Gedanken machte, wie denn ein Nachfolger der Fulvia von Lancia aussehen könnte. Bertone hatte in der Vergangenheit kaum mit Lancia zusammengearbeitet, aber weil die Zeiten für die italienischen Design-Studios immer schwieriger wurden, versuchte man einen Fuss in die Tür zu kriegen – und es entstand eines der wohl grossartigsten Concept Cars aller Zeiten, der Lancia Stratos Zero, der dann 1970 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Zuerst hatte er aber ganz viel Applaus von den Lancia-Mitarbeitern erhalten, als Nuccio Bertone persönlich mit dem unglaublich flachen Keil unter der Barriere des Lancia-Werks hindurchgefahren war, um sein von Marcello Gandini gestaltetes Projekt der Führungsriege der italienischen Traditionsmarke vorzustellen. Einmal mehr: Gandini.

Es ging dann schnell: Schon ein Jahr später wurde eine erste Serien-Version des Lancia Stratos gezeigt. Damals war noch nicht klar, welcher Motor den Wagen antreiben sollte. Erst als Enzo Ferrari die Erlaubnis gab, dass Lancia den aus dem Dino bekannten 2,4-Liter-V6 verwenden durfte und sofort 500 Exemplare nach Turin schickte, konnte mit der Produktion begonnen werden. Der Rest ist bekannt: Lancia gewann mit dem Stratos 1974, 1975 und 1976 die Rallye-Weltmeisterschaft, der nur 3,71 Meter lange und 1,11 Meter hohe Sportwagen ist eine der schönsten automobilen Legenden.
Ende der 70er Jahre sah nicht nur die italienische Auto-Industrie ganz anders aus, auch die Anforderungen an die Fahrzeuge waren ganz anders geworden. Als Gandini den Auftrag erhielt, sich Gedanken zu machen über einen Nachfolger des Stratos, waren nicht mehr Erfolge auf der Rennstrecke gefragt, die Nachwirkungen der Ölkrise und immer höhere Sicherheitsanforderung in den USA hatten die Prioritäten nicht nur bei Lancia verschoben. Gandini liess den Radstand des Stratos um zehn Zentimeter verlängern, behielt aber den V6-Dino-Motor bei.

Und dann zeichnete er einen letzten Keil, der aber mehr eine Skulptur sein wollte, aus einem «Guss», wie Gandini das erklärte. Der Sibilo war halb Schnabeltier, halb UFO – und konnte mit verblüffenden Lösungen überzeugen. Wobei, das ist alles realtiv: heute liessen sich fliessende Übergänge von Karrosserie zu Scheiben technisch machen, damals arbeitete man noch mit (von Hand gesprayten) Farbverläufen. Mangels anderer Materialien wurden die goldenen Felgen aus Holz (!) geschnitzt. Die Türen – mit dem Bullauge – hätten eigentlich aus Glas bestehen sollen, doch der vorgesehene Produzent konnte den Liefertermin nicht einhalten, also behalf man sich mit Plexiglas. Interessant auch der singuläre Scheibenwischer, der sich horizontal bewegte. Und dann natürlich diese Farbe, dieses Braun mit den grellorangen Linien: mehr 70er Jahre geht gar nicht.

Oder doch? Wenn man den Innenraum betrachtet, dann sieht man: es geht noch mehr. Die Clubsessel in Schokoladenbraun zeigen bestens auf, was damals Mode war (und heute wieder ist), und die Frühform des Multifunktionslenkrads zeigte, wie unbändig der Wille nach Fortschritt damals noch war. Gandini beschäftigte sich tatsächlich schon intensiv mit Themata wie Ergonomie und Haptik, aber man sieht am Sibilo gut, dass die Forschung noch in Kinderschuhen steckte; die Bedienung der Knöpfe erinnert denn auch stark an einen Intelligenztest. Trotzdem: der Lancia nahm mit seinem Minimum an Knöpfen und Schaltern – drei davon auf dem Lenkrad – die heute so modische Reduktion auf das Wesentliche im Innenraum um Jahrzehnte vorweg.
Während der Startos Zero noch ein Gandini-Entwurf von wunderbarer Klarheit war, war der Sibilo als letzter der Stratos wohl zu opulent; eine Serienproduktion kam gar nicht erst in Frage. Und so verschwand der Lancia, der 1978 auf dem Genfer Salon seine Weltpremiere erlebt hatte, unmittelbar darauf in den Kellern von Bertone. Erst 2011 wurde er wieder gefunden – und wird seit ein paar Jahren als schönes Beispiel dafür gezeigt, wie sich das automobile Design auch hätte entwickeln können. Die Geschichte nahm aber eine andere Abzweigung, hin zur Konformität, zur Massenatuglichkeit – der Entwurf von Gandini war ganz einfach zu gewagt. Schön ist: der Sibilio fährt. Auch heute noch.
Der Lancia Sibilo war Teil «unserer» Ausstellung «Le Retour du Futur» am Genfer Salon 2018, Halle, Stand 1224. Mehr dazu: hier. Und weil es so schön ist, geben wir hier auch noch unsere eigenen Bilder dazu, ©Tobias Heil:


schade, dass sich hier niemand äußern wollte. beim gelegentlichen stöbern in den analen dieses blog – 5.000, 5.500 beiträge? – gelange ich hin und wieder in lesens- und sehenswerte tiefen.
apropos: mit welcher funktion könnte das denn mal leichter werden? nur suche und menü sind enge korridore; die vorschläge am ende der posts begrenzt; mitunter fehlt mir die zeitliche orientierung, weil kein datum am post steht – was in einem archiv durchaus eine rolle spielt.
aber ja, der sibilo. italienisch für zischen, pfeifen, fauchen.. hören kann ich ihn ja nicht. nur sehen. und das finde ich spannend. zitat: „…und wird seit ein paar Jahren als schönes Beispiel dafür gezeigt, wie sich das automobile Design auch hätte entwickeln können.“ genau das ging mir durch den kopf.
nun käme ich fast nicht drumrum, zeitgenössisches design im autobau durch den kakao zu ziehen. komme ich nicht. die büchsen stehen ja überall rum
und werben für sich selbst. jedes kind kann als eines ser ersten worte „auto“. war mir mal was. ist mir nix mehr. ja, auch aus den diversen ökologischen, volkswirtschaftlichen oder gewerkschaftlichen gründen. (wozu es dann messen braucht? vielleicht, weil die realität eben nicht so hübsch herausgeputzt ist, wie in dem einen vorigen artikel mit den „haut’os“ und hostessen?)
ich lobe doch lieber die muße für mein geneigtes auge. ich darf liebäugeln. den scheibenwischer hat irgendein deutscher autobauer in den 90ern mal erwogen. das bullauge erinnert mich an eine szene in einem krimi (einer schneidet ein loch in ein gläsernes hochhaus; den rest spare ich mir, wobei: der bond hat sowas mal zu verhindern versucht). und der hatte damals ja auch den schwimmenden esprit.
diese ganzen keile. da gab es so einige. bitte eine sammlung nur über die keile à la kountach, pantera, esprit, zero usw.
wie war der sibilo denn zu fahren?
er ist ja nicht die inkarnation des schönen. aber er sprüht (faucht, pfeift, zischt?) vor ideen und scheint ja nah dran. an der realität.
was sind denn die welten dazwischen?
vermutlich die ganze. und ich hüte mich vor gewagten theorien. schließlich bin auch ich gestalter. und als gestaler immer erstmal beobachter. sind nicht überall in der welt die „reinen“ formen meist nur symbol der idee? dann kommen all die auflagen… bei uns in der architektur und dem städtebau gewinnen die tollen ideen. nicht selten werden das dann in der realität unnütze und unschöne bauten. oder unrealistisch teuer. beispiele gibt es wie sand am meer.
können wir ideen gar nicht realisieren? stehen wir uns und unseren ideen selbst im weg?
was sagt der mobil-journalist?
achja, eins doch noch zu den gegensätzen von idee und realität: wo ich lebe, stehen am hafen diese büchsen rum. tausende. ein fanal zeitgenössischer mobilität. und dazwischen genau diese eine c3. die war zwar kein urkeil, aber was für genießer. interpretieren dürfen das andere.