Zurück zum Content

Fahrbericht Cadillac Coupe de Ville – Diesel!

Barry White im Fischkutter

Noch eine Zigarette, Lucky Strike, what else? Der Parkplatz ist leer und gross, eine einzelne Lampe spendet mehr gespenstische Schatten als Erleuchtung, im einsamen Auto spielen Mink DeVille zuerst «Spanisch Stroll», dann natürlich den «Cadillac Walk», beides von ihrem ersten Album «Cabretta» (1977). Wohl kein Musiker passt besser zu diesem 81er Cadillac Coupé de Ville, nicht bloss namentlich, als Willy DeVille: Cadillac ist Anfang der 80er Jahre auf dem Weg in den Abgrund – aus dem Willy nie wirklich rauskam. Noch eine Zigarette, «Demasiado Corazon». Manchmal erklärt Musik ein Auto am besten.

Selbstverständlich: Vorglühen. Und wenn sich der 5,7-Liter-V8-Diesel in unserem Cadillac dann ins Leben schüttelt, dann ist der erste Gedanke: Fischkutter. So tönt es auch in den kleinen spanischen Häfen, wenn die Fischer die Maschinen ihrer Schiffchen anwerfen, immerhin fehlt beim Cadillac der Abgasteppich, der sich bei den Spaniern dann jeweils über die Mole legt. Aber die Geräuschentwicklung ist schon mächtig, so ein grosser Diesel macht Lärm, wenn er kalt hat. Und vibriert heftiger als eine Schlagbohrmaschine. Nach ein paar Minuten beruhigt sich der Selbstzünder dann zwar merklich, aber von seidenweichem Lauf kann man hier beim besten Willen nicht schreiben. Wohl deshalb höre ich dann gern Barry White. Oder Marvin Gaye. Willy mag es nicht, wenn der Schiffsdiesel brummt, er verlangte Zeit seines schrägen Lebens nach mehr Aufmerksamkeit.

22 Sekunden soll der Sprint von 0 auf 100 km/h gemäss Werksangaben dauern. Ich erachte das als unmöglich, weil ganz sicher nie jemand versucht hat, einen solches Diesel-Coupé de Ville so schnell wie möglich zu bewegen. Das passt nicht zum Charakter dieses Fahrzeugs, man rollt gemächlich an, man rollt gemächlich weiter, schon bei etwa 20 km/h schleicht die Dreigang-Automatik in den höchsten Gang, ab dann nimmt die Geschwindigkeit zwar noch zu, aber so bei 80, 90 km/h ist dann gut, mehr will der Cadi eigentlich nicht. Klar, es gehen auch 120, doch dann eiert man über die Autobahn wie ein lecker Öltanker mit besoffenem Kapitän; noch gar nie habe ich eine gefühllosere Lenkung erlebt, mindestens eine Vierteldrehung weit passiert gar nichts. Dass der Geradeauslauf trotzdem ganz anständig ist, liegt an den 3,08 Meter Radstand, am Gewicht von mindestens zwei Tonnen und schlicht an der Physik: prinzipiell will jedes Automobil eigentlich nur geradeaus fahren. Und so bleibt man dann am besten hinter dem Lastwagen, mit Respektabstand, denn die Bremsen sind auch nicht wirklich gut.

Aber das alles ist ja nicht wichtig, Fahrverhalten wird gern überschätzt. Gute Musik nicht, etwa «What’s Going On» (1971) von Marvin Gaye, von «Rolling Stone» und ausgewählten Künstlern zum besten Album aller Zeiten gewählt. Ich fläze mich in die durchgehende Sessel-Landschaft, das Fenster offen, der linke Ellenbogen an der frischen Luft, klar, Zigarette, rolle als Wanderdüne durch die Landschaft. Es ist noch so vieles Fake in diesem Fahrzeug, die Holzeinlagen sind dünnstes Furnier, das Leder fühlt sich künstlich an, der Chrom ist Plastik, aber das ist so wichtig wie das Fahrverhalten. Dafür ist reichlich Platz (zumindest vorne – und im Kofferraum) – und es ist noch mehr Gelassenheit. Sollen die Audi drängeln und die BMW vorbeipfeilen, sie haben ja alle keine Ahnung von den wahren Schönheiten des Lebens. Innere Ruhe, etwa, entspannte Demut, Frieden (von dem wir uns mehr wünschen würden). «Miracle» von Willy DeVille.

Es ist ja nicht so, das die Amerikaner keine Diesel kennen, Last- und Lieferwagen hatten immer auch Selbstzünder. Also wurden auch solche Maschinen entwickelt, zumeist von Detroit Diesel (ab 1938, damals General Motors, heute Daimler) oder Cummins (seit 1919). Der grosse Diesel im Cadillac stammt aber von Oldsmobile, er brachte es auf nicht wirklich wilde 105 PS bei 3200/min und 200 Nm maximales Drehmoment bei 1600/min. Das Coupé de Ville ist dann doch 5,62 Meter lang, da muss viel Wagen bewegt sein, in der Basis kostete es 1981 in den USA eigentlich bescheidene 13’285 Dollar, etwas mehr als 62’000 Exemplare wurden von diesem Modelljahrgang verkauft – und ja, die Mehrheit davon waren Diesel. Zusammen mit der viertürigen Limousine wurden von den de Ville in jenem Jahr fast 150’000 Stück abgesetzt, mehr, als Cadillac 2023 mit allen Modellen geschafft hat. Aber eben, es ging mit Cadillac damals schon wild nach unten, so ein de Ville war nur noch ein Schatten seiner selbst – und genau diese Tristesse, Melancholie passt gut zu diesem Wagen. Zum Diesel sowieso. Dass so ein Cadillac Coupe de Ville (allerdings ein 79er) die automobile Hauptrolle im wunderbaren Mafia-Epos «Good Fellas» von Martin Scorsese spielte, das ist sicher auch kein Zufall. Ist es jetzt Zeit für Muddy Waters?

Dieses Cadillac Coupé de Ville wurde uns von der Oldtimer Galerie Toffen zur Verfügung gestellt. Es wurde am vergangenen Wochenende für etwa mehr und doch bescheidene 10’000 Franken versteigert. Mehr spannende Fahrzeuge haben wir in unserem Archiv.

1 kommentar

  1. maxi moll maxi moll

    Kann sein, dies der letzte Wagen, der rollt ist?
    Der 911 in der Garage, an dem geht Daryl Dixon vorbei…
    Das Teil ist cool.
    🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert