Zukunft für Klassiker
Dino Graf, Leiter der Group Communication der AMAG Gruppe, ist bekennender Klassiker-Fan, er hat für das Unternehmen eine feine Sammlung von geschichtlich wertvollen Fahrzeugen zusammengetragen. Doch im Alltag, so erklärt er überzeugt, möchte er nicht mehr auf ein E-Auto verzichten. Und genau deshalb steht er ein für Technologie-Offenheit, die durch die Solar-Treibstoffe von Synhelion möglich wird.

radical: Sprechen wir zuerst über Technologie-Offenheit. Was bedeutet das für die Amag – und warum konzentriert man sich nicht auf die E-Mobilität?
Dino Graf: Technologieoffenheit bedeutet für uns, dass es ein Ziel gibt, das man erreichen will oder soll – und nicht den Weg vorgibt, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Doch sollte die Technologieoffenheit auch realitätsbezogen sein: Träumen wir nicht von der Lösung, die irgendwann mal «erscheinen wird» und alle Probleme löst, sondern arbeiten wir mit den heute verfügbaren Lösungen und Technologien. Wir sind überzeugt, dass sich bei Personenwagen die Elektromobilität grossmehrheitlich durchsetzen wird, denn sie ist effizienter als andere Technologien, der Schweizer Strommix ist bereits heute ziemlich CO2-neutral und sie bietet grosse Chancen an der Schnittstelle Mobilität und Energieversorgung – und sie ist heute da. Aber es gibt auch Anwendungen, bei denen eine andere Technologie, z.B. synthetische, CO2-arme Treibstoffe, geeigneter sein können.

radical: Synhelion produziert Solartreibstoffe, um nachhaltige Mobilität zu ermöglichen – wie darf man sich das vorstellen, wie läuft das ab?
Graf: Einfach gesagt: Die Synhelion Technologie nutzt konzentriertes Sonnenlicht, um Treibstoffe wie Kerosin, Benzin oder Diesel herzustellen. Sonnenlicht wird via ein Spiegelfeld gebündelt und via Heliostat und Solarreceiver als Wärme mit über 1’100 Grad gespeichert. Diese wird in einem thermochemischen Reaktor genutzt, um CO2 und Wasser in Synthesegas (Wasserstoff und Kohlenmonoxid) umzuwandeln. Dieses Synthesegas dient dann als Ausgangsstoff für die Herstellung verschiedener Treibstoffe, die mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren und Flugzeugtriebwerken kompatibel sind. Da sich die Solarwärme gut speichern lässt, ist auch eine Produktion über Nacht möglich – nicht nur am Tag, wenn die Sonne scheint. Das macht die Produktion natürlich effizienter.

radical: Die Amag hat Anfang Jahr einen Abnahmevertrag für Solar-Benzin mit Synhelion unterzeichnet. Um welche Menge handelt es sich dabei – und wie wollen Sie das einsetzen?
Graf: Die AMAG Gruppe hat nicht nur einen Abnahmevertrag, sondern ist seit 2021 auch an Synhelion beteiligt. Mit der geplanten Abnahme von rund 50’000 Liter Solarbenzin jährlich unterstützen wir den Aufbau weiterer industrieller Produktionsanlagen, um die Produktion weiter günstiger machen zu können. Wir können uns zum Beispiel sehr gut vorstellen, dass wir diese Treibstoffe unseren Kundinnen und Kunden im Rahmen von Fahrveranstaltungen anbieten und so diese Events CO2-neutraler machen können. Aber es gibt noch andere Ideen, die heute noch nicht spruchreif sind. Es gibt noch ein paar Dinge, die wir vorher zusammen mit unseren Partnern klären müssen. Die ersten Liter Solarbenzin konnten wir vor wenigen Tagen erstmals in einem unserer Fahrzeuge einsetzen. Eine unsere Ikonen in der AMAG eigenen Sammlung, ein kurzer Audi Sport Quattro, ist mit Solarbenzin betankt über Oberalp- und Furkapass gefahren – problemlos!

radical: Viele Oldtimer-Besitzer sind in Sorge, dass sie ihre Fahrzeuge irgendwann nicht mehr fahren dürfen. Da wäre das Solar-Benzin von Synhelion also eine gute Möglichkeit?
Graf: Absolut – und es geht ja nicht nur um Oldtimer. Die Empa hat errechnet, dass – auch wenn der Hochlauf der Elektromobilität stattfindet wie prognostiziert – 2040 noch immer rund 2 Millionen Verbrenner in der Schweiz unterwegs sind. Wenn es gelingen würde, diese mit Solarfuel zu betanken, könnten wir die CO2 Emissionen in der Schweiz um rund 10 Prozent senken… Und vergessen wir nicht, es gibt Ikonen, die auch zukünftig nur mit Verbrenner echt sind. Darum investiert auch Porsche in Synfuels – damit z.B. der Porsche 911 CO2 neutral betrieben werden könnte. Egal ob ein 60jähriges Modell oder die neuste Version.









radical: Haben Sie schon erste Erfahrungen gemacht, wie ist das gelaufen?
Graf: Viele Hersteller haben schnell kommuniziert, dass ihre aktuelle Flotte mit Synfuels betrieben werden kann. Doch haben wir keine Freigaben für klassische Automobile gefunden. Und nach den E10-Problemen in Deutschland sind die Sammler natürlich etwas vorsichtiger… Darum sind wir gemeinsam mit der Empa und Motorex der Sache auf den Grund gegangen und haben eine Prüfreihe entwickelt, um zu klären, ob Synfuels auch im Klassiker funktionieren. Dazu gehörten die Analyse des Treibstoffs, Materialprüfungen mit Komponenten zwischen Tank und Motor, Testfahrten mit Fahrzeugen verschiedener Technologiegenerationen, Leistungs-, Abgasmessungen und Untersuchungen des Motorenöls nach Betrieb mit Synfuels. Nach 1 ½ Jahren konnten wir die Ergebnisse präsentieren und das Fazit ist sehr erfreulich. Wir konnten zeigen, dass Synfuels ohne Nebenwirkungen in alten Motoren eingesetzt werden, so einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Oldtimerszene beitragen und diese in eine klimafreundliche Zukunft führen können.

Mehr schöne Geschichten haben wir auch im Archiv. Diese Story erscheint in der Print-Ausgabe radical #3.


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